Stuttgart

Giorgio de Chirico – Magie der Moderne

Giorgio de Chirico: Die beunruhigenden Musen (Detail), 1918, Öl auf Leinwand, 97 x 66 cm. Fotoquelle: Staatsgalerie Stuttgart

Der große Melancholiker: Mit seiner „metaphysischen Malerei“ hat der Einzelgänger De Chirico den Surrealismus vorbereitet und die Moderne auf einzigartige Weise geprägt. Das führt die Staatsgalerie anschaulich vor – allerdings beschränkt auf sein Frühwerk.

Auch Gemälde haben runde Geburtstage: 2016 wird das „Metaphysische Interieur mit großer Fabrik“ 100 Jahre alt. Es ist das einzige Gemälde von Giorgio de Chirico (1888-1978) im Besitz der Staatsgalerie und eines der wenigen in deutschen Museen – sein Entstehungs-Jubiläum ist für das Stuttgarter Haus ein willkommener Grund, dem hierzulande selten gezeigten Pionier der klassischen Moderne eine Werkschau auszurichten.

 

Info

 

Giorgio de Chirico –
Magie der Moderne

 

18.03.2016 – 03.07.2016

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Staatsgalerie, Konrad-Adenauer-Str. 30-32, Stuttgart

 

Katalog 29,90 €

 

Weitere Informationen

 

Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Galerie für Moderne Kunst in Ferrara, wo die Schau in veränderter Form im Vorjahr zu sehen war: zum 100. Jahrestag von De Chiricos Ankunft in der norditalienischen Stadt. Dort war er als Soldat während des Ersten Weltkriegs stationiert.

 

Drei glorreiche Jahre in Ferrara

 

Dieser Anlass ist plausibler, als es zunächst scheint: Während seines dreijährigen Aufenthalts in Ferrara schuf De Chirico die Meisterwerke seiner „metaphysischen Malerei“ (pittura metafisica). Sie sollten bald viele moderne Künstler stark beeinflussen, insbesondere die Surrealisten – obwohl er selbst ab 1919 davon Abstand nahm und sich einem Neoklassizismus verschrieb.

Interview mit Kurator Gerd Roos + Impressionen der Ausstellung


 

Militär-Freizeitmaler verändert Kunstwelt

 

Die Ausstellung beschränkt sich auf De Chiricos Arbeiten von 1915 bis 1918. Sie klammert sein Frühwerk ab 1909 in Florenz und Paris völlig aus – ein Manko: So lässt sich leider nicht nachvollziehen, wie er seine „metaphysische“ Malweise allmählich entwickelte. Stattdessen umfassen die rund 100 Exponate, davon 60 Gemälde, zahlreiche Werke von Weggefährten und Zeitgenossen. Damit belegt die Auswahl eindrucksvoll, wie rasch De Chirico stilbildend wirkte und zahlreiche Nachahmer fand.

 

Wie konnten Bilder, die ein Rekrut in einer Kleinstadt in seiner Freizeit anfertigte, in die Kunstgeschichte eingehen? Trotz des provinziellen Standorts waren De Chirico und sein Bruder Andrea, der sich ab 1914 Alberto Savinio nannte und als Schriftsteller reüssierte, nicht isoliert. Kulturell vielseitig interessiert und kreativ, zählten die begeisterten Nietzsche-Leser in Paris ab 1911 zur avantgarde um den Dichter Guillaume Apollinaire.

 

Idealtypisch reduziertes Formen-Repertoire

 

Diese Kontakte rissen während des Kriegs nicht ab. De Chirico korrespondierte etwa mit den Dadaisten in Zürich und nahm gelegentlich an Gruppen-Ausstellungen teil. Ab 1917 arbeitete er mit dem Ex-Futuristen Carlo Carrà zusammen, der ebenfalls nach Ferrara abkommandiert worden war. Ihre „metaphysische Malerei“ fand allerdings erst zwischen 1919 und 1922 große Beachtung, als sich ihr Erfinder schon davon distanzierte hatte: durch Abbildungen im Kunst-Magazin „Valori Plastici“. Die Zeitschrift aus Rom wurde europaweit wahrgenommen.

 

Nach seinem Malerei-Studium in Athen und München begann De Chirico 1909 mit dunklen, symbolisch aufgeladenen Landschafts-Ansichten in der Nachfolge von Arnold Böcklin und Max Klinger. Binnen kurzer Zeit wurde seine Palette heller und das Motiv-Repertoire reduzierter: Er setzte Gemälde aus einzelnen, gleichsam idealtypischen Bauformen wie Fassaden, Arkaden und Türmen sowie Versatzstücken wie Säulen, Denkmälern und Brunnen zusammen.

 

Perfekte Ruinen des versunkenen Europas

 

So entstand eine leblose Welt aus glatten Flächen in hellem und zugleich unwirklichem Licht: Schlagschatten sind scharf, fallen aber manchmal falsch. Zentralperspektive sorgt für Orientierung, wird aber zuweilen durchbrochen. Die kräftigen Lokalfarben stimmen, lösen aber Irritationen aus: durch diffus leuchtende Horizonte oder rätselhafte Verdunkelung.

 

Diese Bilder verströmen eine Atmosphäre der Einsamkeit und Melancholie. Ihre architektonischen Zutaten sind vertraut, ihr Mobiliar schließt an den abendländischen Kanon an – aber ihre Kombination erscheint sinnentleert. Der Blick des Betrachters verliert sich auf weiten Plätzen in greller Beleuchtung, die wie ausgestorben wirken; als wären sie perfekt erhaltene Ruinen einer versunkenen Zivilisation namens Europa.


Diesen Artikel drucken