Hamburg

Verkehrte Welt – Das Jahrhundert von Hieronymus Bosch

Jan Mandyn (1502 – um 1560): Die Verspottung des Hiob (Detail), 16. Jahrhundert. Fotoquelle: Bucerius Kunst Forum, Hamburg

Ahnherr aller Horror-Visionen: Vor 500 Jahren erfand Hieronymus Bosch eine Fabelwelt des Schreckens. Welch enorme Wirkung sie entfaltete, zeigt eine Ausstellung im Bucerius Kunst Forum – allerdings ohne Original-Monster vom Meister selbst.

Populärer geht es kaum: Hieronymus Bosch (ca. 1450-1516) zählt zu den wenigen Ausnahme-Künstlern, deren Werke die halbe Welt kennt. Aus Anlass seines 500. Todestags sind dem Schöpfer fantastischer Fabelwesen in diesem Jahr zwei große Ausstellungen gewidmet. In seiner niederländischen Heimatstadt s‘-Hertogenbosch zeigte das Noordbrabants Museum bis Anfang Mai „Visionen eines Genies“: 20 Gemälde und 19 Zeichnungen von Bosch selbst, ergänzt um 70 weitere Kunstwerke der Epoche.

 

Info

 

Verkehrte Welt –
Das Jahrhundert von Hieronymus Bosch

 

04.06.2016 – 11.09.2016

täglich außer montags

11 bis 19 Uhr,

donnerstags bis 21 Uhr

im Bucerius Kunstforum, Rathausmarkt 2, Hamburg

 

Katalog 29 €

 

Weitere Informationen

 

Bis Ende September ist im Madrider Prado noch „El Bosco“ zu sehen, wie er auf Spanisch heißt: Hier sind es 25 Gemälde von seiner Hand und neun aus seiner Werkstatt, dazu weitere Arbeiten seiner Nachfolger. Warum in Spanien? König Philipp II. (1527-1598) war ein großer Bewunderer und Sammler des Künstlers. Kein anderes Land bewahrt mehr seiner Werke auf; so besitzt der Prado unter anderem drei monumentale Triptychen von Bosch, darunter den weltberühmten „Garten der Lüste“ (um 1510).

 

Sechs Jahreseinkommen für ein Bild

 

Der Maler, der seine Geburtsstadt nie verließ, wurde schon zu Lebzeiten europaweit geschätzt und verkaufte seine Gemälde zu Spitzenpreisen: Er verlangte und bekam für ein Triptychon das sechsfache Jahreseinkommen eines Steinmetz-Meisters. Dennoch sind nur wenige Werke von ihm erhalten – und es werden immer weniger: Eine Forschungsgruppe bewertete im Vorfeld der niederländischen Schau noch 24 Gemälde und 20 Zeichnungen als eigenhändig.

Impressionen der Ausstellung


 

Sieben Gemälde + 80 Grafiken

 

Dagegen gibt es zahllose Bilder, die andere Künstler in seiner Manier schufen. Bosch war wie Michelangelo oder Tizian ein trademark artist, dessen Motive vielfach kopiert und variiert wurden. Genauer gesagt: Man imitierte vor allem seine Erfindung von Mischwesen aus Menschen und Tieren in imaginären Szenerien. Insbesondere seine makabren Höllen-Landschaften voller abseitiger Folter-Praktiken machten Schule. Diese so genannten „Diablerien“ waren in der flämischen Malerei des 16. Jahrhunderts ein sehr beliebtes genre.

 

Wer nicht ins Ausland reisen und trotzdem die enorme Ausstrahlung von Boschs Ideen auf die Kunst seiner Zeit kennenlernen will, dem bietet die Hamburger Ausstellung dazu Gelegenheit: Sie versammelt rund 90 Werke, die von seiner Bildsprache geprägt sind – aber kein Original von ihm selbst. Als nahezu monochrome Präsentation: Nur sieben kleinformatige Gemälde – etwa von Jan Mandyn – verlieren sich zwischen knapp 80 schwarzweißen Kupferstichen und Radierungen, meist Leihgaben der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD). Angesichts der Fülle von Bosch-Nachfolgern könnte man mehr farbige Exponate in Öl auf Leinwand erwarten – oder zumindest eine einfallsreichere Inszenierung.

 

Monströser Rachen als Höllenschlund

 

Zur Schonung der empfindlichen Arbeiten auf Papier werden sie nur schwach beleuchtet, was die Betrachtung vieler kleinteiliger Wimmelbilder nicht gerade erleichtert. Dunkelgrüne Wände sorgen zusätzlich für düstere Atmosphäre, die zur morbiden Thematik vieler Blätter passt. Überdies zeigen etliche Drucke Entwürfe von Pieter Bruegel d. Ä. (1525-1569): Dessen Bilderkosmos waren zwar von Boschs widernatürlichen Monstren inspiriert, doch Bruegel entwickelte daraus eine sehr weltliche genre-Malerei – sein Vorgänger hatte hingegen fast ausschließlich religiöse sujets aufgegriffen.

 

Vorgestellt wird demnach nicht der Jubilar selbst, sondern „das Jahrhundert von Hieronymus Bosch“, also seine Wirkungsgeschichte. Die unterteilt Kurator Michael Philipp in sieben Aspekte, die mehr oder weniger überzeugen. Unverkennbar ist der Einfluss von Bosch auf Unterwelt-Panoramen seiner Nachfolger: mit Scharen gemarterter Leiber zwischen bizarren Architekturen in fahlem Feuerschein. Obwohl solche Bilder oft Elemente enthalten, die Bosch nie verwendete: etwa monströse Menschenköpfe mit aufgerissenem Rachen als Höllenschlund.

 

Frei erfundenes Gütesiegel

 

Zwar hatte schon Bosch selbst ältere Vorlagen aufgegriffen, wie die „Vision des Tondalus“ von 1149. Diese Schrift voller drastischer Schilderungen der Schrecken im Jenseits war noch 300 Jahre später in ganz Europa bekannt. Doch die einmalige Einbildungskraft, mit der er Fürchterliches zu nie gesehenen Kreaturen und Konstellationen formte, beeindruckte seine Zeitgenossen ungemein. Rasch gewann dieses repertoire ein Eigenleben – bis zu beliebten grafischen Musterbögen von Monströsitäten, die bei Bosch gar nicht vorkommen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Belladonna of Sadness“ – einzigartig psychedelischer Animationsfilm aus Japan von Eiichi Yamamoto mit Motiven von Hieronymus Bosch

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Brueghel, Rubens, Ruisdael: Schätze der Hohenbuchau Collection“ mit Werken von Jan Mandyn in der Manier von Hieronymus Bosch in der Staatsgalerie Stuttgart

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Brueghel – Gemälde von Jan Brueghel d. Ä.“ – mit Wimmelbildern seines Vaters Pieter Bruegel d. Ä. in der Alten Pinakothek, München

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die Mühle und das Kreuz“ – Verfilmung eines Monumental-Gemäldes mit 500 Figuren von Pieter Bruegel d. Ä. durch Lech Majewski.

 

„Bos inventor“, lateinisch für: „erfunden von Bosch“, wurde Mitte des 16. Jahrhunderts bei Kupferstichen mit hoher Auflage zu einer Art Gütesiegel – das häufig frei erfunden war. Wenige Künstler der Folgegeneration ahmten ihn so kongenial nach wie Pieter Bruegel in seiner Bilderserie zu den „Sieben Todsünden“ von 1558: Surreale Landschaften sind übersät mit grotesken Gebäuden, vor denen sich allerlei Gestalten tummeln. Alles wird mit allem gekreuzt: Häuser ähneln Früchten oder Tieren, Tiere gehen menschlichen Tätigkeiten nach, während Menschen völlig degeneriert erscheinen – fürwahr eine „verkehrte Welt“.

 

Tugendlehre statt Heilsbotschaft

 

Allerdings unterließ Bruegel wie beim Gegenstück eines Bilderzyklus über die „Sieben Tugenden“, anders als Bosch ein halbes Jahrhundert zuvor, jeden Bezug zur christlichen Heilsbotschaft. Im Zeitalter der Reformation war das aufstrebende Bürgertum, das solche Drucke kaufte, an moralischer Erbauung zur Verhaltenskontrolle und Daseinsbewältigung interessiert; dafür musste man ihm keine infernalischen Gräuel vor Augen führen.

 

Vielmehr wurden gern Redewendungen und Lebensweisheiten ins Bild gesetzt. Etwa „Die großen Fische fressen die kleinen“: Aus dem Maul eines verendeten Riesenfisches quillt ein Schwarm seiner Artgenossen, ebenso aus seinem Bauch – weil er von eifrigen Fischern aufgeschnitten wird. Eine sehr originelles Motiv fand Bruegel für seinen „Kampf der Sparbüchsen und Geldkisten“: Das Blatt zeigt eine wüste Schlacht von Geldsäcken und -truhen. Mit Schwertern und Lanzen fechten alle gegen alle – Habgier führt ins Verderben.

 

SciFi- + Horror-Archetypen

 

Dieses Sinnbild ist fast 450 Jahre später immer noch aktuell; wie viele der Bastarde von Bosch. Als Archetypen der Monster und Ungeheuer, die seither durchs Kollektivbewusstsein geistern – und sie werden weiterhin mit derselben Angstlust betrachtet. Ohne Bosch sähen heutige science fiction– und Horror-Filme anders aus; für die Verbreitung dieser Figuren sorgten unzählige Nachahmer und Plagiatoren. Das führt diese Ausstellung anschaulich vor; wer aber die Original-Vorbilder sehen will, der muss nach Madrid.


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