Berlin

Omer Fast: »Reden ist nicht immer die Lösung«

Szenenbild aus: Omer Fast: Everything That Rises Must Converge, 2013, 56 Minuten, Vier-Kanal-Videoinstallation, im Loop, Courtesy Galerie Arratia Beer / gb agency / Dvir Gallery / James Cohan Gallery, © Omer Fast. Fotoquelle: MGB

Arbeitsalltag von Porno-Darstellern und Leichenbestattern, Yellow Press statt Katalog: In Videos beleuchtet der Israeli Omer Fast, was tabuisiert wird, mit raffinierten Provokationen. Sein üppige Werkschau im Martin-Gropius-Bau läuft aber ins Belanglose aus.

„Reden ist nicht immer die Lösung“ – ein paradoxer Titel für eine Ausstellung von sieben Video-Installationen, in denen vor allem geredet wird. Als Tischgespräch, Interview oder Tätigkeitsbericht, aber immer wortreich. Genauso paradox ist: Der schönste, weil geistreichste und raffinierteste Beitrag zu dieser Film-Schau steht auf bedrucktem Papier.

 

Info

 

Omer Fast »Reden ist nicht immer die Lösung«

 

18.11.2016 – 12.03.2017

täglich außer dienstags

10 bis 19 Uhr

im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Anstelle eines herkömmlichen Katalogs hat Omer Fast für diesen Anlass eine Art Programm-Zeitschrift produzieren lassen. In der Aufmachung billiger Klatschblätter vom Kiosk: Die Titelseite füllt eine kunterbunte Foto-collage, garniert mit Schlagwörtern und Halbsätzen, die marktschreierisch Enthüllungen versprechen. Etwa über den Künstler selbst: „Omer Fast – ist er ein Blutsauger?“, wird pseudo-rhetorisch in Balkenlettern gefragt. Darunter das Bekenntnis: „Wie ein Vampir sauge ich die Geschichten von anderen Menschen als Nahrung für mein eigenes Dasein auf.“ Das kann ja heiter werden.

 

Markige Zitat-Sprüche locken

 

Ähnlich plakativ geht es im Heftinneren weiter – optisch. Die Texte sprechen eine andere Sprache: Neben Inhaltsangaben zu allen Videoarbeiten stehen Interviews und Essays, die sie tiefschürfend beleuchten und analysieren. Wobei der Künstler sich den Scherz erlaubt, die Beiträge mit schreiend roten Zitat-Kästen voller markiger Sprüche über Drogen, Faulheit und gescheiterte Ehen zu spicken – die mit dem Fließtext rein gar nichts zu tun haben. Egal: Solche Lektüre-Köder locken immer.

Impressionen der Ausstellung


 

Kostbare Aufmerksamkeit hervorkitzeln

 

Omer Fast provoziert gern: vom Ausstellungs-Titel über das yellow press-Begleitheft bis zur Inszenierung. Drei Projektionsräume hat er als naturgetreu als Wartezimmer eingerichtet; wie beim Arzt, auf dem Flughafen und bei der Ausländerbehörde. Was dort auf Monitoren gezeigt wird, lässt aber die Wartezeit ziemlich ungemütlich werden.

 

Die Provokationen des israelischen Künstlers, der als Kind nach New York kam und seit 2001 in Berlin lebt, sind nicht leer. Ihre Originalität sorgt in einem übersättigten Kunstbetrieb, der längst alle Regelverstöße ad nauseam durchgespielt hat, für die kostbarste Reaktion: Aufmerksamkeit. Wer intelligent irritiert wird, will mehr wissen. Was wahrscheinlicher macht, dass er sich die viertel- bis einstündigen Filme komplett ansieht – und mehr als flüchtige Eindrücke mitnimmt.

 

Rasend flackernde Info-Kakophonie

 

Das lohnt: Die Videoarbeiten von Omer Fast erzählen Geschichten. Zwar vielschichtig und doppelbödig, gespiegelt und gebrochen, aber dennoch: Geschichten mit Akteuren und Handlung, oft als Endlosschleife. Sie läuft in „CNN Concatenated“ (etwa: „CNN verknüpft“) von 2002 allein auf Tonspur ab: Der Künstler hat zahllose Schnipsel aus TV-Nachrichten so montiert, dass jeder Sprecher nur ein Wort äußert – ihre rasend flackernde Info-Kakophonie redet den Zuhörer direkt an.

 

In „Looking Pretty for God“ (2008) kommen Bestatter zu Wort. Sie berichten von Einbalsamier- und Schmink-Tricks, Begräbnis-arrangements und Seelsorge für die Angehörigen; der Umgang mit Leichnamen ist für diese Profis tägliche Routine. Ihre Schilderungen unterlegt Omer Fast mit Bildern von Kindern: Die Extreme berühren sich.

 

Am Monitor per Knopfdruck töten

 

Auch das Geschäft von Soldaten ist der Tod; bloß will die Gesellschaft, die sie beschäftigt und bezahlt, nichts davon wissen. In „5.000 Feet is the Best“ erzählt ein Drohnenpilot der US-Luftwaffe 2011 von seinem Arbeitsalltag. Er sitzt in einem dunklen Raum in Las Vegas, beobachtet Monitore und steuert per joystick eine Drohne: 5000 Fuß sei die ideale Flughöhe; daher der Titel. Entdeckt er ein lohnendes Ziel – ob Gebäude, Fahrzeug oder Mensch –, holt er die nötige Erlaubnis ein und liquidiert es per Knopfdruck. Nach fünf Jahren im job leidet er unter Alpträumen und posttraumatischem Stress.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Continuity“ – komplexer Experimental-Film über die Heimkehr eines Bundeswehr-Soldaten aus Afghanistan von Omer Fast

 

und hier einen Bericht über den Film „Remainder“ – faszinierender Identitäts-Thriller von Omer Fast

 

und hier einen Beitrag über das Filmfestival „Kino der Kunst 2015“ mit dem Beitrag „Everything That Rises Must Converge“ von Omer Fast in München

 

und hier einen Beitrag über das Festival „Kino der Kunst 2013“ mit dem Beitrag „5000 Feet is the Best“ von Omer Fast in München.

 

Die Doku-Aussagen kombiniert der Künstler mit alogischen Spielszenen über einen Phantom-Piloten und potentielle Opfer. Solche „produktive Desorientierung“ treibt er in „Continuity“ (2012) auf die Spitze: Drei Mal kommt scheinbar ein Bundeswehr-Soldat aus Afghanistan nach Hause zu seinen Eltern, jedes Mal entpuppt sich das als undurchsichtiges Rollenspiel. In einer abstrusen Nebenhandlung will ein Stricher in einer Bäckerei Drogen kaufen, und schließlich liegt ein Toter auf der Straße.

 

Porno-Alltag als Höhepunkt

 

Ganz handfest geht es dagegen in „Everything That Rises Must Converge“ (2013) zu. Der Film begleitet via split screen mehrere Porno-Darsteller durch ihren Alltag – vom Aufstehen über ihre Arbeitszeit bis zum Schlafengehen. Dabei wird die Banalität des Tabusierten ganz beiläufig deutlich. Auch das konstrastiert Omer Fast mit Spielszenen: Ein vermeintlicher Porno-Produzent erzählt, er sei in einer Freie-Liebe-Kommune aufgewachsen; ein Paar liefert sich eine Szene.

 

Dieser nicht jugendfreie Höhepunkt bildet zugleich das Ende des Ausstellungs-parcours; jüngere Arbeiten wirken wie dürftige Dreingaben. Nach dem Achtungserfolg seines ersten regulären Spielfilms „Remainder“ (2016) brachte der Künstler rasch eine verlängerte Version von „Continuity“ ins Kino. Für diese Schau verteilt er eine Variante als „Spring“ auf fünf Kanäle. Seine aktuelle Produktion „August“ ist die technisch aufwändigste, da in 3D gedreht, und inhaltlich die schwächste: Der berühmte Porträt-Photograph August Sander (1876-1964), im Alter erblindet, hat allerlei Visionen.

 

Mit Schweigen provozieren

 

Solche Selbstzitate und Fingerübungen lassen die bislang üppigste Einzelausstellung des Videokünstlers, die zuvor in Paris, Newcastle und Aalborg zu sehen war, ins Belanglose auslaufen. Vielleicht will er damit diskret andeuten, dass ihm nichts Neues einfällt und er sein Schaffen einzustellen gedenkt. Es wäre eine weitere gelungene Provokation.


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