Münster

Henry Moore – Impuls für Europa

Henry Moore: Three Points, 1939 - 40, cast before 1949. Tate: Presented by the artist 1978, © Reproduced by permission of The Henry Moore Foundation. Foto: © Tate, London 2016. Fotoquelle: LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster
Bildhauerei gegen den Brexit: Mit tonnenschweren Bronze-Plastiken wurde der Brite Henry Moore zum wichtigsten Staatskünstler der alten Bundesrepublik. Die Retrospektive im LWL Museum zeigt mustergültig, wie ihm das gelang – und warum das passé ist.

Ein Blick zurück nach Bonn: In den 1980er Jahren war Henry Moore (1898-1986) der in Westdeutschland am häufigsten gezeigte Künstler. Jedes Mal, wenn in den Fernseh-Nachrichten ein Bild des Bundeskanzleramts eingeblendet wurde, war darauf auch “Large Two Forms” zu sehen. Die Riesen-Skulptur hatte Helmut Schmidt 1979 angekauft und auf dem Rasen vor dem Amtssitz des Regierungschefs aufstellen lassen.

 

Info

 

Henry Moore -
Impuls für Europa

 

11.11.2016 - 19.03.2017

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Domplatz 10, Münster

 

Katalog 39,90 €

 

Weitere Informationen

 

Da war die Bonner Republik 30 Jahre alt, und genauso lange war Henry Moore massiv in ihr präsent – als erster und wichtigster Staatskünstler der alten Bundesrepublik. Auf ihn konnten sich alle einigen: Jede Großstadt, die etwas auf sich hielt, schaffte sich eine voluminöse Freiluft-Plastik von ihm an. Moore ließ sie in seinem Atelier nahe London durch eine Schar von Assistenten in Serie produzieren. Ihre organisch gerundeten Formen, meist kostbar goldbronzen schimmernd, wirkten gefällig – oder erregten zumindest keinen Anstoß. Das war damals schon viel, denn Kunst im öffentlichen Raum hatte noch beträchtliches Erregungs-Potential.

 

Eine Art Rehabilitations-Versuch

 

Drei Jahre nach Moores Tod endete die deutsche Teilung – und mit ihr hierzulande das Interesse an ihm. So omnipräsent sein Werk zuvor gewesen war, so still wurde es nun darum. Diese Retrospektive im Münsteraner LWL Museum ist laut Veranstalter die erste seit 18 Jahren. Sie unternimmt, auch wenn sie es nicht offen sagt, eine Art Rehabilitations-Versuch: Indem sie anhand von 120 bedacht ausgewählten Skulpturen und Zeichnungen vorführt, wie stark Moore in den 1950/60er Jahren vor allem westdeutsche Künstler beeinflusst hat.

Impressionen der Ausstellung


 

Avantgardismus ohne Oppositionsgeist

 

Dafür hat sie einen Titel gewählt, der so bezeichnend wie verräterisch ist; gerade weil “Impuls für Europa” an sich mit Moores Schaffen nichts zu tun hat. Aber sehr viel mit den Absichten derjenigen, die sich seiner bedienten, indem sie ihn priesen – was er wiederum für sich zu nutzen verstand.

 

Der englische Arbeitersohn erhielt dank seines weitsichtigen Vaters eine gute Schulbildung und konnte mithilfe von Stipendien Kunst studieren. Er beschäftigte sich mit außereuropäischer Kunst und pflegte enge Kontakte zu Surrealisten-Zirkeln in Paris und London. Doch sein Avantgardismus kam ohne Oppositionsgeist aus: Moore lehrte an renommierten Kunsthochschulen und wurde 1941 Kurator der Tate Gallery.

 

Amtlich anerkannter Großkünstler

 

Während der Angriffe von Wehrmachts-Bombern auf London zeichnete er ausgiebig Menschen, die in U-Bahn-Schächten Schutz gesucht hatten. Diese shelter drawings lieferten ihm den Formenkanon für Plastiken von kauernden und liegenden Gestalten; seiner populärsten Werkserie.

 

Den internationalen Durchbruch erlebt Moore unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. 1946 wird eine umfangreiche Werkschau in drei US-Metropolen gezeigt. Zwei Jahre später vertritt er Großbritannien bei der ersten Nachkriegs-Biennale in Venedig und erhält den Internationalen Preis für Skulptur. Damit wird er zum amtlich anerkannten Großkünstler geadelt.

 

Modernismus, der keinem weh tut

 

Der British Council, also das englische pendant zum Goethe-Institut, bestückt mit Moores Arbeiten mehrere Wanderausstellungen, die in den 1950er Jahren durch ganz Westeuropa touren; besonders häufig machen sie Station in der Bunderepublik. Hier reagieren die Stadtväter wie vom Council gewünscht: mit zahlreichen Ankäufen für ihre Museen und Marktplätze.

 

Warum wird Moore gerade von den Krauts so geschätzt? Seine Arbeiten passen perfekt zur kulturellen re-education, die nach der Nazi-Barbarei die Deutschen wieder mit moderner Kunst vertraut machen soll; etwa auf der documenta, auf die er gleich vier Mal eingeladen wird. Dabei steht Moore für einen Modernismus, der keinem weh tut. Trotz aller Stilisierung gut erkennbare Grundformen menschlicher Körper, biomorphe Anleihen bei der Natur und vage bis nichtssagende Werktitel erlauben alle möglichen Assoziationen und Deutungen. Bei Moore-Skulpturen durfte sich jeder denken, was er wollte; der Meister schwieg sich dazu aus.

 

Ein anglo-german Ablasshandel

 

Das entsprach dem wolkigen Humanismus mit existentiellem Pathos, der das geistige Klima nach dem Krieg prägte, dessen Gräuel er mit “Nie wieder!”-Gestus beschwor; Moore selbst unterstützte die britische Bewegung für atomare Abrüstung. Gleichzeitig war er sehr geschäftstüchtig: Er belieferte nicht nur Kommunen mit Großplastiken, sondern auch Privatleute mit verkleinerten Repliken.

 

Und die Wirtschaftswunder-Westdeutschen, die derweil in die EWG großzügig hineinbutterten, um sich von ihrer NS-Schuld loszukaufen, griffen auch bei Moore beherzt zu. Sein “Impuls für Europa” war also ein anglo-german Ablasshandel, an dem einige deutsche Akteure wie der Großkritiker Will Grohmann ebenso rege beteiligt waren wie der Londoner Lieferant.

 

Eng begrenztes Formen-repertoire

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Das nackte Leben: Bacon, Freud, Hockney und andere" über „Malerei in London 1950-80“ im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Francis Bacon – Unsichtbare Räume" - ausgezeichnete Retrospektive des britischen Künstlers in der Staatsgalerie, Stuttgart

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Tony Cragg: Parts of the World" - umfassende Werkschau des britischen Bildhauers im Von der Heydt-Museum, Wuppertal.

 

Unabhängig von den merkantilen Aspekten sind die ästhetischen Qualitäten seines Werks – sie rückt diese Ausstellung mustergültig in den Vordergrund. Vor allem, indem sie die meisten seiner Skulpturen mit dazugehörigen Serien von Zeichnungen gleichsam einrahmt. So wird anschaulich, wie Moore manche Formkonstellation in allen Varianten durchspielte, bevor er sich entschied, welche er dreidimensional umsetzte. Das macht deutlich, wie eng begrenzt sein repertoire war. Im Grund hatte er spätestens Anfang der 1950er Jahre seinen Formen-Katalog ausgearbeitet, den er fortan ad nauseam rekombinierte: Moore als Marke.

 

Deren Ausstrahlung war dennoch – oder gerade deswegen – enorm. Auch das demonstriert die Schau glänzend, indem sie Moore-Originale punktgenau mit Arbeiten vorwiegend westdeutscher Zeitgenossen kontrastiert. Fast möchte man sagen: von Epigonen – so eng lehnten sich Bildhauer wie Karl Hartung oder Bernhard Heiliger an das plastische Vokabular ihres Vorbilds an. Dagegen belegen internationale Werkbeispiele etwa von Picasso, Alberto Giacometti oder Hans Arp, dass biomorphe Experimente um die Jahrhundertmitte überall im Schwange waren. Doch Moore hat mehr bei ihnen abgeschaut als sie bei ihm.

 

Hilflosigkeit der Brexit-Gegner

 

Alle Genannten, vielleicht mit Ausnahme von Picasso, stehen heute nicht mehr sonderlich hoch im Kurs. Es ist gerade ihr überragender Erfolg in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, der sie in der Gegenwart tendenziell abqualifiziert: Der romantische Geniekult, von dessen letzten Wehen sie profitierten, hat sich im Kunstbetrieb offenbar erschöpft.

 

Heutige Großkünstler werden eher als Installations-Ingenieure oder Event-Impresarios gefeiert, nur noch selten als Schöpfer tonnenschwerer Bronze-Kolosse. Im Rückblick auf Moore paneuropäischen Geist zu beschwören, wie die Ausstellung es tut, zeugt daher von der Hilflosigkeit der Brexit-Gegner, denen außer nostalgischen wenige Argumente einfallen – dies- und jenseits des Ärmelkanals.


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