Leipzig

Yoko Ono: Peace is Power

Yoko Ono in der Ausstellung "Peace is Power", 2019; © Yoko Ono, Foto: Adrian Sauer, Fotoquelle: MdbK
Als das Wünschen noch geholfen hat: Nach Anfängen mit Konzeptkunst wurde Yoko Ono zur größten Rockdiva des Kulturbetriebs. Ihre schlichten Mitmach-Aktionen für gutes Bauchgefühl sind vorbildlich für Populisten, zeigt die Werkschau im Museum der bildenden Künste.

Sie ist eine der berühmtesten Witwen der Welt. Dass Yoko Ono mit dem 1980 ermordeten John Lennon verheiratet war, dürften mehrere Hundert Millionen Menschen wissen. Weniger geläufig ist, dass sie schon vor ihrer Ehe mit dem Ex-Beatle eine recht anerkannte Künstlerin war. Und kaum bekannt dürfte sein, wie gut sie bis heute im Geschäft ist – sowohl im Musik-Business wie im Kunstbetrieb.

 

Info

 

Yoko Ono: Peace is Power

 

04.04.2019 - 07.07.2019

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

mittwochs 12 bis 20 Uhr

im Museum der bildenden Künste Leipzig

 

Weitere Informationen

 

Auch das Museum der bildenden Künste in Leipzig, das seit Jahren keine überregional erfolgreiche Ausstellung mehr zustande gebracht hat, richtet Yoko Ono gern eine große Retrospektive aus. Ihr Name könnte zugkräftiger kaum sein – honi soit qui mal y pense.

 

Jeder kennt ihr Schaffen

 

Wenn eine Persönlichkeit so offensichtlich von vorgestern ist, hilft nur, kess das Gegenteil zu behaupten. Ono sei "eine der wichtigsten Künstlerinnen, die sich mit Frauen- und Menschenrechten auseinandergesetzt" hätten, versichert Direktor Alfred Weidinger vollmundig. Leipzig sei voller Jungkünstler, die sich an Ono orientierten: "Jeder kennt ihr Schaffen, jeder arbeitet mit ihr."

Interview mit Direktor Alfred Weidinger + Impressionen der Ausstellung

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigen wir Ihre explizite Zustimmung, um Videos von Vimeo anzuzeigen. Mit Klick auf den Play-Button akzeptieren Sie unsere Datenschutz-Erklärung.

 

Konzeptkunst-Geburtshelferin

 

Allenfalls im kunsthistorischen Sinn: Die 1933 geborene Japanerin zog Ende der 1950er Jahre nach New York, wo sie mit kurzen Unterbrechungen seither lebt. Dort fand sie rasch Anschluss an Avantgarde-Zirkel um den Fluxus-Gründer George Mancunias und Komponisten wie John Cale und LaMonte Young.

 

Ihre multimedialen Arbeiten zwischen Wort, Musik und Performance aus den frühen 1960er Jahren, in der Schau reich vertreten, sind immer noch die interessantesten: Sie führen anschaulich vor, wie der herkömmliche Werkbegriff Schritt für Schritt ausgehöhlt und reine Ideen extrahiert wurden – Ono war eine Geburtshelferin der Konzeptkunst.

 

Leichenfledderei wie bei Hendrix

 

Dann kam John; beide lernten sich übrigens in einer Kunstgalerie kennen. Durch ihn änderte sich alles. Nicht etwa, weil er Onos Entfaltungsspielraum eingeschränkt hätte, im Gegenteil: Es war eher die gebildete und kosmopolitische Japanerin, die dem wissbegierigen Jugendidol Lennon neue Horizonte eröffnete. Doch seine schiere Präsenz verlieh ihr sofort Superstar-Status und rückte alles, was sie taten, in ein anderes Licht. Wer kann schon seine Flitterwochen im Luxus-Hotelbett als Bed-In-Happening für den Frieden deklarieren – weil die Weltpresse für Interviews vorbeikommt?

 

Ihr Superstar-Status hat das Attentat von 1980 überlebt – nicht nur, weil ihr Gatte weltweit kultisch verehrt wurde, sondern auch, weil sie Trauer und Schmerz auf bis dato ungekannte Weise medial ausschlachtete. Etwa mit dem Foto seiner blutverschmierten Nickelbrille auf der Hülle ihrer Solo-LP "Season of Glass" von 1981, was viele pietätlos fanden. Oder mit zahlreichen Plattenveröffentlichungen, zu denen sie alte Songs und Aufnahmen von und mit John beisteuerte; eine Archiv-Leichenfledderei wie sonst nur bei Jimi Hendrix. Dabei kooperierte sie mit allen möglichen Musikern von Elvis Costello bis Sonic Youth.

 

Prestige wie Erlösergestalten

 

Ihre dezente, aber dauerhafte Rockdiva-Präsenz drängte ihre Kunstproduktion in den Hintergrund – und das ist auch gut so, muss man angesichts der Leipziger Werkschau sagen. Sie vermittelt den Eindruck, als sei Ono nach dem Bed-In 1969 im Amsterdamer Hilton nie wieder richtig wach geworden. Die erhabene Schlichtheit ihrer damaligen Protestslogans wie "War is over – if you want it" oder "Woman is the nigger of the world" hat die Künstlerin seither nicht nur endlos variiert, sondern auch souverän geistig unterboten.

 

Was kulturhistorisch interessant ist, da sie stilrein das Phänomen Rockstar in seiner Blütezeit repräsentiert, bevor diese ihren Rang als Leitfiguren an Supermodels, Sport-Multimillionäre und IT-Milliardäre abgeben mussten. Doch von Mitte der 1960er bis Mitte der 1980er Jahre genossen manche Rockstars ein Prestige wie Erlösergestalten bei Millionen von Anhängern. Weil die zwar nicht mehr amtskirchlich, aber noch religiös geprägt waren: Die 1970er Jahre wurden zur Hochzeit der Sekten von Bhagwan bis Moon – und des Terrorismus.

 

Wir sind alle Wasser

 

Alte Autoritäten verblassten, neue mussten her; mit eingängigen, leicht verständlichen Botschaften. Die liefert Yoko Ono en gros: Sie platziert einen Apfel in der Ausstellung, der während der Laufzeit verfault – als Symbol von Vergänglichkeit und Lebenszyklus. Oder sie füllt einen Kaugummi-Automaten mit leeren Kapseln; die Luft darin ist laut Ono "das Einzige, was wir teilen". Oder sie stellt eine Batterie von Gläsern voller Wasser auf, die sie mit berühmten Namen beschriftet: "Wir sind alle Wasser in unterschiedlichen Behältern".   

 

Als erfahrener Rockstar weiß Yoko Ono aber auch, dass simple Poesiealben-Sprüche nicht genügen: Die Fangemeinde verlangt nach möglichst enger Tuchfühlung zu ihrem Idol. Sein Charisma wirkt am stärksten bei unmittelbarer Anschauung. Und da der Heiland nicht überall sein kann, tritt sein Gefolge am ehesten durch gemeinsames Handeln mit ihm in Verbindung. Wie eine versierte Kleingruppen-Animateurin bietet Ono ihren Jüngern etliche Mitmach-Aktionen an, um sich als Teil eines großen Ganzen fühlen zu können.

 

Galerie der Gewaltopfer

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Der geteilte Himmel: Die Sammlung 1945–1968" über Kunst der Nachkriegszeit mit Werken von Fluxus-Künstlern in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Feministische Avantgarde der 1970er Jahre" - grandiose Überblicks-Schau zu Kunst + Emanzipation im ZKM, Karlsruhe

 

und hier einen Beitrag über die Doku "Beuys" - Filmporträt des Aktionskünstlers aus Archiv-Material von Andreas Veiel

 

und hier einen Bericht über die Doku “The Artist is Present” von Matthew Akers über eine Dauer-Performance von Marina Abramović im New Yorker MoMA.

 

Ausstellungsbesucher dürfen Nägel in ein Holzkreuz schlagen, auf Landkarten "Imagine Peace" stempeln, ein Puzzleteil vom Himmel mitnehmen oder Toilettensprüche knipsen und einschicken. In der aufwändigsten Installation "Arising" sollen Frauen ein "Testament des Leids" aufsetzen, "das euch angetan wurde, weil ihr eine Frau seid", und es samt einem Augenpaar-Foto einreichen. Diese Zettel füllen eine Wand; dazu laufen Filmbilder, in denen Schaufensterpuppen verbrannt werden, und Ono schreit auf der Tonspur. Heiliger Bimbam!

 

Stets dreht sich alles darum, wie böse Gewalt ist und wie schön ewiger Friede wäre – die eingängigste aller Paradies-Vorstellungen. Mit solcher Interaktions-Kunst kommt man ihr kein Jota näher, doch entscheidend ist: Die Besucher haben sich und anderen demonstriert, dass sie zu den Guten zählen. Ein karthartischer Effekt für warmes Bauchgefühl; wie beim Rockkonzert, nachdem Tausende von Gleichgesinnten dieselben Hits mitgesungen haben: We are family.

 

Avantgarde-Vermarktungsstrategie

 

So konsequent auf den Wohlfühl-Faktor durch Selbermachen wie Yoko Ono setzt kein anderer Großkünstler – und damit erweist sich die mental Ewiggestrige in ihrer Vermarktungs-Strategie als verblüffend aktuell. Die Epoche prestigeträchtig verkopfter Elite-Veranstaltungen neigt sich dem Ende entgegen, im Kunst- wie im Politikbetrieb.

 

Gefragt sind nicht mehr Hohepriester-Zirkel, denen man andächtig lauschen muss, sondern joviale Volkstribune, die alle einbeziehen: mit Klicken, Liken und Sharen auf Facebook und Twitter. Niemand versteht das besser als Links- und Rechtspopulisten, die mit direktem Kontakt zum Publikum alle Apparate aushebeln. Insofern wirkt Yoko Ono, die das seit 50 Jahren praktiziert, plötzlich wieder sehr avantgardistisch.


Diesen Artikel drucken