Tübingen

Paul Bonatz 1877 – 1956: Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus

Paul Bonatz: Hauptbahnhof in Stuttgart, Ansicht 2010. Foto: © Rose Hajdu

Champagner-Schloss für Sektkellerei

 

An seiner Herkunft lag es jedenfalls nicht: Bonatz kam 1877 im Elsass zur Welt. Schon als Student machte er mit originellen Entwürfen auf sich aufmerksam. Den ersten großen Auftrag zog er 1907 an Land: Für die Sektkellereien Henkel baute er in Wiesbaden ein Champagner-Schloss.

 

Neben zahlreichen Wohnhäusern und Schulen errichtete er auch 1910 – 1914 die Stadthalle von Hannover. Der Hauptbahnhof ließ den produktiven Jung-Architekten zu einem der bekanntesten Baumeister der Zwischenkriegszeit werden: Als Professor in Stuttgart übte er großen Einfluss aus.

 

Autobahn-Brücken für das NS-Regime

 

Seinen avantgardistischen Kollegen, die dort 1927 die Muster-Siedlung Weißenhof anlegten, begegnete er skeptisch. Zugleich setzte er wie sie moderne Baustoffe und Techniken ein. Ihm schwebte ein reduzierter Klassizismus vor, dessen Gestalt sich je nach Bauaufgabe und Umgebung richten sollte – daher fielen seine Entwürfe recht unterschiedlich aus.

 

Die Nazis lehnte Bonatz ideologisch ab; von den Bauvorhaben des NS-Regimes wollte er aber profitieren. In den 1930er Jahren lieferte er vorwiegend Pläne für technische Zweckbauten: vor allem Autobahn-Brücken und Staustufen am Neckar. In verschiedener Ausführung: Bonatz baute steinerne Rundbögen ebenso wie Hängebrücken aus Stahl oder Pfeiler aus Sichtbeton.

 

Bonatz entwarf Bosporus-Brücke

 

In der Endphase des Zweiten Weltkriegs setzte er sich 1944 in die Türkei ab. Dort entstanden gemäßigt modernistische Bauten wie die Oper von Ankara und Wohnsiedlungen für Beamte. Als Hochschullehrer und Berater der Regierung hatte er abermals eine herausgehobene Stellung inne: Bonatz war nicht apolitisch – eher opportunistisch.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier die kultiversum-Rezension der Ausstellung „Die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“ über den Protest gegen Stuttgart 21 im Württembergischen Kunstverein.

Ähnlich chamäleonhaft war sein Werk: Es taugte nicht zum Markenzeichen. Daher geriet sein Name nach seinem Tod 1956 allmählich in Vergessenheit. Obwohl viele seiner Bauten weiter intensiv genutzt werden; etwa das Opernhaus in Düsseldorf oder die Rheinbrücke von Köln-Rodenkirchen. Selbst die weltberühmte Bosporus-Brücke in Istanbul geht auf einen Bonatz-Entwurf zurück.

 

Pflicht-Schau für DB-Planer

 

Wie umfangreich sein Schaffen war, zeigt das DAM akribisch auf: Pläne, Fotos und ein Dutzend großformatiger Modelle werden ausführlich dokumentiert. Die Schau, die aus Frankfurt am Main in die Kunsthalle Tübingen wandert, ist nüchtern und sachkundig gehalten – sie entspricht damit ganz dem Geist von Bonatz’ Architektur. Die Planer der Deutschen Bahn hätten sie sehen sollen, bevor sie den Abriss des Hauptbahnhof-Nordflügels beschlossen.