Berlin

ASIA: Looking South

Entang Wiharso: Behind American Dreams, 2011; Photo: studionoMADEN, Yogyakarta, Indonesia

Skelett-Skulpturen und Wasser-Kalligraphie

 

Virtuoser Wechsel der Disziplinen und Ignorieren von Genre-Grenzen verbindet ihn mit seinen Kollegen. Vanitas-Motive beherrschen das morbide Œuvre von Agus Suwage: von überlebensgroßen Skelett-Skulpturen bis zu altmeisterlichen Rötel-Zeichnungen. Eko Nugruho malt mit kräftigen Farben im Pop-Art-Look mysteriöse Mutanten– oder lässt sie maschinell auf Wandteppiche sticken.

 

Eindeutig politisch geht es bei FX Harsono zu, der der chinesischen Minderheit angehört. Seine Gemälde und Video-Installationen behandeln forcierte Assimilierung: Ex-Diktator Suharto befahl Chinesen, indonesische Namen anzunehmen und auf Schriftzeichen zu verzichten. Diesen erzwungenen Identitäts-Verlust versinnbildlicht Harsono als «Writing in the rain»: Kalligraphie mit rasch verdunstendem Wasser ist eine chinesische Meditationsübung.

 

Königs-Zitat von 1851 als Bild-Titel

 

Ähnlich explizit treten die nicht-indonesischen Teilnehmer der Schau auf:  Die Filipina Geraldine Javier kreiert aus Schmerzensmännern und Spitzenborte die Travestie eines Triptychons. Natee Utarit malt «Illustrationen der Krise», deren surreal illusionistische Szenen an Magritte oder de Chirico erinnern. Mit Titeln wie einem Zitat von König Rama III., der 1851 mahnte: «Annam (das alte Vietnam) und Burma bedrohen uns nicht mehr, aber eine neue Gefahr: der Westen. Lernt von ihm, aber verehrt nicht ihn und seine Lebensweise.»

 

Kürzer fasst sich die Künstlergruppe «Vertical Submarine» aus Singapur. Ihr «Tisch des Unbehagens» sieht wie ein Stilmöbel aus, birgt aber explosive Fracht: von revolutionären Schriften eines Guy Debord, Yukio Mishima und der Mao-Bibel bis zu Machete, Dynamit-Stangen und Streichhölzern. Quasi das geistige und materielle Handgepäck des modernen Terrorismus.

 

Symbolische Sprengsätze

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "ID - Contemporary Art Indonesia" im Künstlerhaus Bethanien, Berlin.

Hier werden nicht feinsinnige Anspielungen gedrechselt, sondern symbolische Sprengsätze gezündet. Das mag für den Geschmack hiesiger Betrachter arg drastisch ausfallen. Doch wie blutleer wirken die Rituale der Verrätselung und Konzept-Konstruktion im westlichen Kunstbetrieb angesichts derart kraftvoller Gesten!

 

Diese Künstler pflegen keine Nabelschau, sondern mischen sich lautstark ein: in ihre Lebenswelt voller Gewaltakte und Widersprüche. Solche Impulse und Erfahrungen verarbeiten sie zu ausgefeilten Artefakten von überwältigender Präsenz. Sie brechen wie ein reinigendes Gewitter über die ausgedörrte Kultur-Landschaft herein: Zeitgenössische Kunst aus Südostasien hat mehr zu bieten als exotische Geschmacksnoten.


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