Regensburg

donumenta 2011 – aktuelle Kunst aus Serbien

Darko Stanimirović | photography (Straßenszene mit Roma in Belgrad), 2009

Die Vorschuss-Lorbeeren der Macher werden von ihren Entdeckungen nur teilweise eingelöst. Biljana Djurdjević, die schon in halb Europa ausgestellt hat und 2008 in Peking einen Preis bekam, liefert handwerklich perfekte Tafelbilder ab: Düster fotorealistische Szenen in wuchernder Vegetation. Technisch spektakulär ist der Beitrag von Dorijan Kolundžija: eine Video-Holografie, die in Zeitlupe auf mehrere Ebenen projiziert wird.

 

Hasen von universeller Bedeutung

 

Leider mit trivialem Motiv – einem kargen Frühstück. Trostlose Banalität führt auch Ivan Petrović vor, der in mehreren Ländern Schutzbunker fotografiert hat: Schlafplätze, Waschgelegenheiten und Aufenthaltsräume ähneln einander in trister Beliebigkeit. Unbewegt bleibt ebenfalls Ana Adamovićs Mutter: Während sie ein Lieblingslied ihrer Jugend anhörte, hat die Künstlerin ihre regungslose Miene gefilmt.

 

Doch serbische Künstler können auch Pathos. Nikola Džafo etwa ist von Hasen besessen: Er sammelt die Nagetiere in jedweder Gestalt und verarbeitet sie zu Werken, die ihre universelle Bedeutung deutlich machen sollen. Ivan Grubanov arbeitet sich am gestürzten Staatschef Slobodan Milošević ab, dessen Kriegsverbrecher-Prozess in Den Haag er beobachtet hat. Seine Installationen aus rechteckigen Platten sollen als «Studies for a memorial» daran erinnern, «was ‚uns’ widerfuhr».

 

Ruhm dem antifaschistischen Befreiungskampf

 

Am markantesten setzt aber Milica Tomić ihre Auffassung der serbischen Geschichte in Szene. Der Biennale-Teilnehmerin von 2003 wird der meiste Platz eingeräumt. Den füllen ein Video, in dem sie mit Kalaschnikow durch Belgrad spaziert, und Zeitungsausschnitte, die diese «Aktion/Intervention im öffentlichen Raum» dokumentieren. Auf der Tonspur sind Interviews mit Veteranen zu hören, die den «antifaschistischen Befreiungskampf» kommunistischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg preisen.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Belgrad Radio Taxi“ von Srdjan Koljevic.

Unter dem Tito-Regime hätte sich Tomić für ihre Multimedia-Version des offiziellen Geschichtsbilds einen Orden verdient. Dass sie damit in dieser Schau die zentrale Position besetzen darf, spricht Bände. Man stelle sich vor: Ein deutscher Künstler würde mit WW-II-Maschinengewehr durch Berlin stiefeln und dabei alte Kameraden von heldenhaften Taten schwärmen lassen – in affirmativer Absicht. Damit würde er anschließend Kunstgalerien in Warschau oder Moskau heimsuchen.

 

Was nach hiesiger Rechtslage als Volksverhetzung verfolgt werden könnte, gilt in Belgrad offenbar immer noch als kreativer Beitrag zur nationalen Selbstverständigung. Anschaulicher kann man den Abstand, der etliche serbische Intellektuelle von westeuropäischen Standards kritischer Selbstreflexion trennt, nicht darstellen. Weltniveau hat hier nur der chauvinistische Größenwahn.