
Er war einer der fleißigsten Künstler aller Zeiten, starb aber in Armut. Seine Darstellungen waren ungeheuer populär, brachten ihm aber ständig Ärger mit der Justiz ein. Er produzierte fast nur Wegwerf-Artikel, doch sie haben das Bild vom 19. Jahrhundert stärker geprägt als alles andere. Honoré Daumier war ein Mann der Widersprüche – so widersprüchlich wie die Epoche, deren leidenschaftlicher Chronist er war.
Info
Honoré Daumier –
Die Sammlung Hellwig
24.01.2024 - 12.05.2024
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,
donnerstags bis 21 Uhr
im Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main
Katalog 35 €
Weitere Informationen zur Ausstellung
„Totaler Künstler“ + „großes Genie“
Seine Sammlung schenkt Hellwig im Juni dem Städelschen Museumsverein zu dessen 125. Geburtstag, der das kostbare Präsent als Dauerleihgabe ans Städel Museum weiterreicht. Aus diesem Anlass präsentiert das Haus eine Auswahl von rund 120 Werken in einer Sonderschau: vor allem Lithographien, aber auch ausgewählte Zeichnungen, die Gemälde und ein paar Plastiken. All das bietet einen guten Überblick über die phänomenale Vielseitigkeit von Daumier; Max Liebermann pries ihn überschwänglich als „totalen Künstler“ und „großes Genie“ des 19. Jahrhunderts.
Feature zur Ausstellung; © Städel Museum
Bilderfutter für neues Massenmedium
Beim Rundgang wird Daumiers Modernität deutlich: Im Mittelpunkt steht nicht der Witzblatt-Lieferant, sondern der scharfsinnige Beobachter, der Umbrüche und Verwerfungen mit dem Bleistift so treffsicher kommentierte wie kein anderer. Indem er sie in Bilder umsetzte, deren inhaltliche und graphische Kühnheit noch heute verblüfft.
Nach der Juli-Revolution 1830 wurde der 22-jährige, der sich abgesehen von etwas Unterricht seine Zeichenkunst selbst beigebracht hatte, vom Verleger des Wochenblatts „La Caricature“ angestellt. Fortan lieferte er wöchentlich zwei bis drei großformatige Lithographien – im Lauf der Jahrzehnte rund 4000. Damals entstand die Zeitung als Massenmedium: Der um 1800 erfundene Flachdruck erlaubte erstmals, viele Exemplare rasch herzustellen.
König als allesfressender Gargantua
Wobei der Begriff Massenmedium relativ ist: Die Auflagen von „La Caricature“ oder der satirischen Tageszeitung „Le Charivari“, die ab 1832 erschien, bewegten sich im niedrigen vierstelligen Bereich; meist wurden sie an Bildungsbürger im Abonnement vertrieben. Dennoch fanden beide Blätter viel Beachtung, weil sie sich einen endlosen Kleinkrieg mit der Zensur lieferten.
Das lag an ihrer Schärfe – wer sich heute über Hasskommentare in sozialen Medien entsetzt, möge sich näher ansehen, welch ehrabschneidende Häme damals üblich war. Daumier stellte das Haupt des untersetzten Bürgerkönigs Louis Philippe, der ab 1830 regierte, nicht nur als „Birne“ dar, die gestern lächelte und morgen zürnt. Als er ihn 1831 sogar als unersättlich gefräßigen „Gargantua“ porträtierte, der das Geld des Volkes verschlingt und unter seinen Günstlingen verteilt, war das Maß voll: Daumier wurde zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.
Parlament als „gesetzgebender Bauch“
Kurz darauf zeichnete er Reaktionäre, die Frankreichs revolutionäre Trikolore-Fahne in einem Bottich „weiß waschen“ wollen: Weiß war die Farbe des Bourbonen-Adelsgeschlechts, dem auch Louis Philippe angehörte. Am provokativsten war der Untertitel: „Le bleu s’en va mais ce diable de rouge tient comme du sang“ („Das Blau geht raus, aber das verdammte Rot hält wie Blut“). Nun musste Daumier seine sechsmonatige Haft absitzen.
Andere Akteure des öffentlichen Lebens überzog er ebenfalls mit ätzendem Spott. Das Parlament nennt er „den gesetzgebenden Bauch“; so sehen die sich räkelnden und dösenden Abgeordneten auch aus. Vermieter sind eine Kreuzung aus Krake und Geier, Philantropen arrogante Pfeffersäcke, Advokaten dürre Gespenster mit blinden Brillengläsern.
Kaiser als behaarte Ratte
Für Louis Napoléon Bonaparte, der ab 1848 als Präsident und ab 1852 als selbsternannter Kaiser Napoleon III. herrschte, dachte sich Daumier die Schießbudenfigur des „Ratapoil“ aus – wörtlich: „behaarte Ratte“. Daraufhin legte der Kaiser den Zylinder ab und stutzte seinen Bart; das sei „der größte politische Erfolg gewesen, den Daumier je erzielt habe“, scherzt Sammler Hellwig.
Als 1835 die Pressegesetze verschärft wurden, mussten sich die Satireblätter zügeln. Also verlegte sich Daumier auf Genre-Karikaturen von Kleinbürgern und ihren Marotten. Mit denen kannte er sich aus: Er zählte zu dieser Schicht, sein Vater war verarmter Handwerker. Fortan bekommen Spießbürger bei Daumier ihr Fett weg: Naivität, Eitelkeit und Dünkel waren seine bevorzugten Zielscheiben. Die kontrastierte er mit den atemberaubenden Veränderungen, die Mitte des 19. Jahrhunderts das Leben bestimmten: einer Ära der permanenten Umwälzungen – politisch, ökonomisch und kulturell.
Paris – Stadt der Modernisierungsverlierer
Daumier erlebte zwei Revolutionen, einen Staatstreich, zwei Republiken und zwei Monarchien mit. Außerdem wurde zu seinen Lebzeiten die halbe Hauptstadt umgestaltet. Im Auftrag von Napoleon III. ließ Baron Hausmann ganze Altstadt-Viertel abreißen und durch Wohnblocks ersetzen, die breite Boulevards säumten: Damals entstand das Prachtfassaden-Paris, das heute alle Welt bewundert. Die verbesserte Infrastruktur sollte den Anforderungen einer Millionenstadt genügen. Zugleich entstanden Aufmarschwege für Polizei und Militär, um das Heer der Armen in Schach zu halten: Neue Straßen wurden asphaltiert, damit keine Pflastersteine für den Barrikadenbau zur Hand waren.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Daumier ist ungeheuer!" – grandioser Überblick über sein Gesamtwerk als Chronist von Paris im 19. Jahrhundert im Max Liebermann Haus, Berlin
und hier eine Besprechung der Ausstellung "»Paris ist meine Bibliothek«: Zeichnungen und Druckgraphik von Félicien Rops" in der Kunsthalle, Hamburg
und hier einen Beitrag über den Film "Verlorene Illusionen" – brillante Verfilmung von Balzacs Roman-Klassiker über die Entstehung der Massenmedien im 19. Jahrhundert von Xavier Giannoli.
Kritisch nach allen Seiten austeilen
Wobei Daumier ihre Nöte ernst nimmt: Der Wucher habgieriger Miethaie ist ein häufig wiederkehrendes Sujet. Aber auch die Ratlosigkeit von Ehemännern, deren Frauen sich nicht mehr mit der Rolle eines Heimchens am Herd begnügen. Und das Elend des Proletariats, das von der herrschenden Klasse völlig ignoriert wird.
In der Unbestechlichkeit seines kritischen Geistes, der nach allen Seiten austeilt, liegt Daumiers Größe. Die wird von der Schau in all ihren Facetten entfaltet. Nur manchmal wünscht man sich, dass der Kontext dieses oder jenes Blattes noch ausführlicher erklärt wurde – andernfalls sind viele Motive heute kaum noch verständlich.
Epochen-Panorama für den Papierkorb
Dennoch: Die gut 100 Bilder entfalten das Panorama einer ganzen Epoche. Sie wirkt in ihren Wandlungen, Unsicherheiten und Konflikten unserer Gegenwart erstaunlich ähnlich. Und das anhand von Darstellungen, die eigentlich nur für schnelle Lacher und anschließend für den Papierkorb bestimmt waren.