Mannheim

Ferne Gefährten: 150 Jahre deutsch-japanische Beziehungen

Mercedes-Benz Typ 770 des japanischen Kaisers Hirohito, Aufnahme einer Überland-Fahrt 1935; Foto: Mercedes-Benz Classic Archive

Der japanische Oskar Schindler

 

So wird in der Ausstellung Sugihara Chiune gewürdigt: Als Konsul in Litauen rettete der «japanische Oskar Schindler» Tausenden europäischer Juden mit Transit-Visa das Leben. Dagegen bleiben die rassistisch begründeten Massaker japanischer Truppen in China und Korea ebenso unerwähnt wie das elende Schicksal der so genannten «Trostfrauen»: Koreanerinnen, die massenhaft zur Prostitution in der kaiserlichen Armee gezwungen wurden.

 

Es sei eben keine Ausstellung über Japan, betont Pantzer, sondern über deutsch-japanische Beziehungen. Sie hebt in diplomatisch-diskreter Manier das Positive hervor: Demokratisierung nach 1945 und Wirtschaftswunder – mit der kurzlebigen Episode japanischer Gastarbeiter in der Montanindustrie an Rhein und Ruhr.

 

Japanische Schriftzeichen besser faxen

 

Außerdem die Kooperation der Konzerne bei Forschung und Technik: Das Fax-Gerät etwa erfand der Unternehmer Rudolf Hell aus Kiel. Die ersten Prototypen stellte Siemens 1956 her. Zur Serienreife kam das Faxen aber erst im Japan der 1970er Jahre: Vorher übliche Fernschreiber waren für fernöstliche Schriftzeichen ungeeignet.

 

Im Eiltempo wird die jüngste Vergangenheit abgehandelt: Staatsbesuche, Kulturaustausch am Beispiel von Manga-Comics und sportliche Erfolge. Als seien Gold-Medaillen für deutsche Judoka und Japans Titelgewinn bei der Frauenfußball-WM 2011 in der Bundesrepublik Beispiele für lebendige Völkerfreundschaft.

 

Japans Jugend geht selten ins Ausland

 

Am Ende steht eine Multimedia-Installation zum Reaktor-Unglück von Fukushima – dass es den deutschen Ausstieg aus der Atomkraft beschleunigt hat, wird nur am Rande erwähnt. Ebenso wenig ähnliche Probleme wie Überalterung und hohe Staatsverschuldung, vor denen beide Länder heute stehen. Ihre allmähliche Entfremdung bedauert Ruprecht Vondran, Präsident des Verbandes Deutsch-Japanischer Gesellschaften: Japans Jugend wisse wenig über Deutschland, weil sie selten ins Ausland gehe.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der grandiosen Hokusai-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Rezension der Ausstellung "Positionen" über japanische Holzschnitte im 20. Jahrhundert im Völkerkunde-Museum München

 

und hier einen kultiversum-Bericht über "Breaking News: Fukushima and the Consequences": eine Schau aktueller Kunst in den KunstWerken, Berlin.

«Junge Japaner klagen darüber, dass sie keinerlei Vorteile haben, wenn sie sich für ein Studium in Deutschland entscheiden», stellt Vondran fest: «Sie werden eher kritisch beäugt, ob sie nicht zuviel Lust am Diskutieren aus Deutschland mitbringen; ob sie noch in die japanische Harmonie-Gesellschaft passen oder das im Ausland Gelernte ihrer japanischen Identität eher abträglich ist.»

 

Passt zur japanischen Harmonie-Gesellschaft

 

Ein Hang zur Nabelschau prägt auch diesen Rückblick auf eineinhalb Jahrhunderte bilateraler Beziehungen. Man merkt ihm an, dass die opulent inszenierte Schau vom Auswärtigen Amt gefördert und von BASF gesponsert wurde: Im Vordergrund stehen hohe Politik und big business. Heikle Themen werden zwar nicht ausgeklammert, spielen aber nur eine Nebenrolle.

 

Wie die Alltagskultur: Kein Wort über die Billig-Sushi-Welle, die gleich einem Tsunami die deutsche Gastronomie überschwemmt – und ihrem Anteil an der Überfischung der Weltmeere. Stattdessen wird derzeit darüber verhandelt, ob die Ausstellung 2012 nach Japan wandern soll: Sie würde jedenfalls gut in die japanische Harmonie-Gesellschaft passen. Ob sie dagegen zur Wiederannäherung der «fernen Gefährten» beitragen kann, erscheint zweifelhaft.


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