Venedig

55. Biennale

Shinichi Sawada: Beitrag zur 55. Biennale di Venezia. Foto: © Susanne Röllig, 2013

Outsider-Künstler

 

In diesem visuellen Spektrum haben natürlich auch viele der zurzeit so angesagten „Outsider-Künstler“ ihren Auftritt. Etwa die phantastischen Zeichnungen von Friedrich Schröder-Sonnenstern oder virtuos modellierte Plastiken von Monstern und Kultgegenständen des Japaners Shinichi Sawada, der an einer schweren Form von Autismus leidet, die in aber in keinster Weise davon abhält, visuell ungeheuer kraftvolle Skulpturen zu machen. Die mit spitzer Feder gezeichneten, feuchten Träume von Hans Bellmer haben es sogar in den Kanon der Kunst des 20. Jahrhunderts geschafft.

 

Enzyklopädischen Anspruch formulieren nicht nur europäische Künstler in Nachfolge von Diderot und der Aufklärung. Gioni macht deutlich, dass die Sammlung zur Akkumulation von Wissen ein kontinentübergreifendes Prinzip ist. Frédéric Bruly Bouabré wurde schon durch die documenta 11 von Okwui Enwezor einer größeren Öffentlichkeit bekannt. In jahrzehntelanger Arbeit versucht er das „Wissen der Welt“ in postkartengroßen Zeichnungen festzuhalten. Dabei verschränkt er nicht nur subjektive und objektive Weltsicht, sondern bewahrt auch seine aussterbende Muttersprache.

 

Fantasie und Realität

 

Fantasie und Realität werden deckungsgleich in den Architekturmodellen von Peter Fritz, einem Wiener Versicherungsangestellten, der knapp vierhundert Häuser entwarf, die es nicht gibt, aber so überall geben könnte. Shinro Ohtake aus Tokio sammelt seine Perspektive auf die Wirklichkeit (und alles darüber hinaus) in mittlerweile 66 „Scrapbooks“, die er seit 1977 anfertigt und mit Bildinformation jeglicher Couleur und Herkunft füllt. Andere Protagonisten der Schau sammeln pittoreske Steine, krude Fotografien, peinliche Situationen. Manche malen Portraits von Menschen, die nicht existieren, wie die englische Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye oder fertigen Skulpturen von Fabelwesen, wie der bereits 1923 verstorbene Levi Fisher Ames aus den USA.

 

Der Titel einer Arbeit des Künstlerduos Fischli & Weiss, welche die Ausstellung im zentralen Pavillon in den Giardini beendet, hätte ein alternativer Titel für diese Biennale sein können: „Plötzlich diese Übersicht“ ist eine witzige, anspielungsreiche Ansammlung von Tonfiguren, die die Gegensätze unserer Welt aufs Korn nehmen. Und so wird Gioni in all seiner abseitigen Detailverliebtheit auch immer wieder zeitgenössisch und gibt eigenständigen Positionen ihren Raum, etwa der fulminanten Malerei von Maria Lassnig. Die österreichische Künstlerin wurde in diesem Jahr mit dem Ehren-Löwen für das Lebenswerk ausgezeichnet.

 

Drohende Reizüberflutung

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Architektur - Biennale 2012" in den Giardini + Arsenale, Venedig

 

und hier eine Besprechung des Films "Das Venedig-Prinzip" anschauliche Dokumentation über die Lagunen-Stadt von Andreas Pichler

 

Gegen die überall drohende Reizüberflutung arbeitet der Kurator übrigens mit einem praktikablen Trick: Immer wieder gibt es Räume, Installationen oder Environments, die wie eine visuelle oder kognitive Waschanlage wirken und Hirn und Netzhaut von zuviel Information wieder reinigen. Eine riesige Mehrfach-Projektion saugt einen unwillkürlich in das Trash-Universum des kalifornischen Shooting Stars Ryan Trecartin, nur um kurz darauf wieder vollkommen befreit ausgespuckt zu werden. Eine der wenigen minimalistischen Arbeiten zeigt Walter de Maria. Sie liegt am Ende des Ausstellungsteils im Arsenale, gerade so als sollte sie das überreizte Auge beruhigen. Auf die entzündungshemmende Wirkung kathartischen Unsinns setzen dagegen die Belgier Jos de Gruyter & Harald Thys mit ihrem anarchischen Videospaß „Das Loch“.

 

Eine der wohl besten und am Ende auch nachhaltigsten Arbeiten liegt aber im Außenbereich, bereitgestellt vom Isländer Ragnar Kjartansson. Auf den Kater nach zuviel Input reagiert er mit „göttlicher Langweile“. Das alte Fischerboot „S.S. Hangover“ - so heißt auch das Werk - wird bis zum Ende der Biennale unaufhörlich im alten Hafenbecken des Arsenale seine Runden drehen. Als Besatzung wurde eine Blaskapelle dazu verdonnert, täglich vier Stunden lang dieselbe Melodie zu spielen.


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