Wien

Dekadenz – Positionen des österreichischen Symbolismus

Adolf Hiremy-Hirschl: Die Seelen am Acheron (Detail), 1889, Öl auf Leinwand, 215 x 340 cm. © Belvedere, Wien. Foto: Belvedere, Wien

Selbst-Stilisierung als Messias

 

Sakraler Tradition entsprang auch der verschwenderische Einsatz von Goldfarbe, die auf Ikonen das Himmlische und Heilige markiert. Nicht nur bei Gustav Klimt, dessen güldene Jugendstil-Jungfrauen bis heute ein Wiener Exportschlager sind; auch Franz von Stuck oder Eduard Veith griffen gern zu Gold. Ob diese Lust am Edelmetall-Glanz auf seine Allgegenwart im österreichischen Barock zurückgeht?

 

Am häufigsten finden sich Bezüge zur christlichen Ikonographie aber in (Selbst-)Porträts. Gesichter in Frontalansicht, unnatürlich symmetrisch, den starren Blick verklärt ins Weite gerichtet, zuweilen von hellen Zonen eingefasst, als sei es ein Nimbus: So stilisierten Maler ihre Modelle oder sich selbst als der Welt entrückte Erscheinungen, gar als der Messias. Das war nicht ketzerisch gemeint, sondern als Versprechen: Kunst wird Euch erlösen!

 

Nackter Hermaphrodit mit roten Flügeln

 

Wobei den Symbolisten Unrecht geschähe, täte man sie als Propagandisten einer artifiziellen Para-Religion ab, die das Christentum beerben sollte. Im Gegenteil: Sie griffen Abgründiges und Verdrängtes auf, das zuvor in der Kunst kaum vorkam – elementare Leidenschaften wie Angst und Hass, Verzweifelung und Todessehnsucht, oder auch Machtgier und Erfüllung, Begehren und Ekstase. Derlei wurde teils äußerst drastisch dargestellt.

 

Das akzeptierte die prüde Öffentlichkeit um 1900 allenfalls, wenn die Darstellungen in mythologischen Szenen oder fantastischer Symbolik verkleidet daherkamen. Etwa der "Rote Engel" (1902) von Karl Mediz: Unter einem mächtigen Rosenbusch greift sich ein nackter Hermaphrodit mit feuerroten Flügeln und Kleopatra-Frisur an seine prallen Brüste. Was um Himmels Willen mag das bedeuten?

 

Dekadenz als Geschichtsbewusstsein

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung "Schönheit und Geheimnis" - über den deutschen Symbolismus als andere Moderne in der Kunsthalle Bielefeld

 

und hier eine kultiversum-Rezension der Ausstellung Der Symbolismus in Lettland im Musée national d’ histoire et d’art, Luxemburg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung  “Max Klinger – Von der herben Zartheit schöner Formen im Wilhelm-Lehnbruck-Museum, Duisburg

Die schillernde Ambivalenz vieler Bilder macht bis heute ihren Reiz aus. Sie sollten gerade nicht entziffert und verstanden werden, sondern subjektive Stimmungen und Empfindungen auslösen. Dafür bedienten sich die Künstler verschiedenster Malweisen: von der Altmeister-Präzision eines Max Klinger über den Falschfarben-Pointilismus von Giovanni Segantini bis zur Alptraum-Ästhetik eines Alfred Kubin. Der Symbolismus war kein Stil, sondern eine Geisteshaltung.

 

Hier kommt die "Dekadenz" ins Spiel, mit der die Ausstellung betitelt ist. Nicht als ennui ermatteter Lebemänner, die sich genusssüchtig Lustbarkeiten hingeben, sondern als Geschichtsbewusstsein: in einer Epoche zu leben, die das Beste hinter sich hat, aber aus dem Vollen ihres kulturellen Erbes schöpfen kann.

 

Gute Konjunktur-Aussichten

 

Wissend, wie es müßig wäre, ein weiteres System für das große Ganze errichten zu wollen, kombinierten die Künstler lieber Partikel des Vorhandenen zu neuen, vielschichtigen Kreationen. Ein damals wie heute zeitgemäßes Bewusstsein; man darf es postmodern nennen. In ihrem eklektischen Vorgehen, ihrer hemmungslosen Subjektivität und Aufmerksamkeit für Abseitiges sind diese Maler uns ganz nah. So dürfte der Symbolismus in der näheren Zukunft eine gute Konjunktur erleben.


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