Stuttgart

Brueghel, Rubens, Ruisdael: Schätze der Hohenbuchau Collection

Joachim Wtewael: Venus und Adonis, um 1607/10, Öl auf Holz, 36 x 48 cm, Hohenbuchau Collection © LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vienna / Fotoquelle: Staatsgalerie Stuttgart

Das „Goldene Zeitalter“ der Niederlande war auch eines der Malerei. 80 Spitzenwerke aus Privatbesitz sind nun in der Staatsgalerie zu sehen: ein prachtvoller Überblick über diese Kunst-Epoche, doch die Herkunft der Gemälde gibt Rätsel auf.

Das „Goldene Zeitalter“ ist längst vorbei, zumindest in der figurativen Malerei: So vielfältig und zugleich präzise, lebensprall und streng durchdacht, farbenfroh und fein nuanciert wie im 17. Jahrhundert in den Niederlanden ist seither die sichtbare Welt nie wieder gemalt worden.

 

Info

 

Brueghel, Rubens, Ruisdael: Schätze der Hohenbuchau Collection

 

08.11.2013 – 23.02.2014

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Staatsgalerie, Konrad-Adenauer-Str. 30-32, Stuttgart

 

Katalog 34,90 €

 

Weitere Informationen

 

Das führt zurzeit die Staatsgalerie exemplarisch vor. Sie stellt die „Hohenbuchau Collection“ aus; eine Privatsammlung mit rund 100 erstklassigen Gemälde, von denen 80 in Stuttgart präsentiert werden. Das Ehepaar Otto Christian und Renate Faßbender hat diese Kollektion seit den 1970er Jahren aufgebaut.

 

Dauerleihgabe an Liechtenstein

 

2007 wurde sie als Dauerleihgabe den Fürstlichen Sammlungen Liechtenstein anvertraut, die zum Teil in einem ausladenden Wiener Palais untergebracht sind: Die Kunstschätze des Fürstenhauses Liechtenstein zählen zu den größten privaten Beständen weltweit.

 

Die „Hohenbuchau Collection“ zeichnet aus, dass sie das gesamte Spektrum flämischer und holländischer Kunst der Epoche umfasst. Alle Gattungen von der Historien-Malerei, die am meisten geschätzt wurde, über Landschaften, Stillleben und Porträts bis zu Genre-Stücken sind hervorragend vertreten. Ebenso die verschiedenen lokalen Schulen: vom Kunst-Zentrum Antwerpen und Brüssel über Amsterdam, wo Rembrandt wirkte, bis Haarlem und den Caravaggisten in Utrecht.


Impressionen der Ausstellung


 

Titel als Etikettenschwindel

 

Zwar schwindelt der Titel der Ausstellung recht ungeniert: Von Jan Brueghel d.Ä., Peter Paul Rubens und Jacob van Ruisdael sind nur eine Handvoll Bilder zu sehen. Doch das mindert nicht die Bedeutung der Schau. Stattdessen wartet sie mit etlichen nicht ganz so bekannten Künstlern auf, deren Arbeiten denen der populären Stars qualitativ gleichrangig sind.

 

Etwa einer „Versuchung des heiligen Antonius“, die Jan Mandyn Mitte des 16. Jahrhunderts malte: Seine überbordende Collage von Monstren aller Art schließt direkt an die gemalten Alpträume eines Hieronymus Bosch an. Die aparte Komposition „Venus und Adonis“ (1607/10) von Joachim Wtewael strahlt unnachahmlich delikate Sinnlichkeit aus. Dagegen schuf Otto Marseus van Schrieck einzigartige, quasi fotografisch naturgetreue Waldboden-Stillleben.

 

Erklärungen in gespreiztem Fachjargon

 

Ausführliche Wandtexte erläutern alle Stilrichtungen und die meisten Werke; zuweilen in gespreiztem Kunsthistoriker-Fachjargon. So verschafft der Rundgang einen ausgezeichneten Überblick über die flämische und holländische Malerei – in einer Breite und Fülle, wie ihn kaum ein anderes deutsches Museum bieten könnte. Den rundet die Staatsgalerie mit einer Parallel-Schau von 60 Blättern flämischer und holländischer Künstler aus ihrer Graphischen Sammlung ab.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Brueghel – Gemälde von Jan Brueghel d. Ä.“  – in der Alten Pinakothek, München

 

und hier eine Besprechung des Films Die Mühle und das Kreuz von Lech Majewski: die Verfilmung eines Gemäldes von Pieter Brueghel.

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Peter Paul Rubens” – als politischer Künstler im Von der Heydt-Museum, Wuppertal

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Jordaens und die Antike” – erste deutsche Retrospektive des Barock-Malers im Museum Fridericianum, Kassel

 

Dennoch klafft in der Ausstellung eine unübersehbare Leerstelle: Es gibt kaum Informationen über die Sammler und ihre „Hohenbuchau Collection“, die nach ihrem früheren Familiensitz im Taunus benannt ist. Die wenigen Angaben werfen viele Fragen auf. Da gelingt es jemandem, in nur vier Jahrzehnten rund 100 Spitzenwerke des „Goldenen Zeitalters“ zusammenzutragen; darunter große Formate und weltberühmte Namen.

 

Zugeknöpfte Liechtensteiner

 

Woher stammen diese Bilder? Wurden sie einzeln im Handel und bei einschlägigen Auktionshäusern erworben, oder haben die Faßbenders andere Privatsammlungen en bloc oder in Teilen übernommen? Warum haben sie ihre Kollektion dem Fürstenhaus Liechtenstein als Leihgabe übertragen – und nicht einem Museum in öffentlicher Hand? Und was ist der Anlass für diese Ausstellung?

 

Über all das erfährt man nichts. Von den Liechtenstein-Sammlungen darf man Aufklärung kaum erwarten; das Fürstenhaus tritt nach außen sehr zugeknöpft auf. Natürlich ehrt die Faßbenders ihre Bescheidenheit – im Internet finden sich weder ihre Konterfeis noch Daten zu ihnen –; auch sind Wünsche nach Diskretion zu respektieren.

 

Doch in einer Zeit sich häufender Fälschungs- und Provenienz-Skandale wie Beltracchi und Gurlitt steigt die Sensibilität der Kunstwelt für solche Probleme. Da wären mehr Mitteilungen zum Hintergrund der Sammlung durchaus angebracht, um jeden etwaigen Verdacht von vorneherein auszuräumen. Sie fehlen hier: eine prunkvolle, solide aufbereitete Ausstellung, deren Zustandekommen Rätsel aufgibt.


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