Frankfurt am Main

Nok – Ein Ursprung afrikanischer Skulptur

Nur echt als Scherbenhaufen: Komplette Nok-Figuren aus Nigeria sind meist Fälschungen. Mehr als 2000 Jahre alte Original-Fragmente zeigt das Liebieghaus: ein faszinierender Einblick in eine rätselhafte Kultur, die Afrikas älteste Skulpturen schuf.

Schwarzafrikas älteste plastische Kunstwerke wurden erst im letzten Jahrhundert entdeckt. 1928 fand man zufällig einen Affenkopf aus gebranntem Ton im Abraum einer Zinn-Mine in Mittel-Nigeria. Bald tauchten mehr solcher Fragmente auf.

 

Info

 

Nok – Ein Ursprung afrikanischer Skulptur

 

30.10.2013 – 23.03.2014

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags 10 bis 21 Uhr

im Liebieghaus, Schaumainkai 71, Frankfurt am Main

 

Weitere Informationen

 

Sie deutete Bernard Fagg, Archäologe im Dienst der britischen Kolonialverwaltung, Mitte der 1940er Jahre als Überbleibsel einer antiken Kultur, die er nach ihrem ersten Fundort Nok nannte. Er und seine Tochter Angela trugen bis 1977 rund 150 Skulptur-Fragmente zusammen; danach suchte sein nigerianischer Partner weiter.

 

Raubgräber zerstören Lagerstätten

 

Anfang der 1990er Jahre hatte sich die Kunde von uralten Terrakotta-Plastiken aus Nigeria auf dem Kunstmarkt herumgesprochen: Sammler bieten dafür hohe Summen. Seither holen Raubgräber mit grobem Gerät aus dem Boden, was sie finden können, und zerstören dabei viele Lagerstätten.

Impressionen der Ausstellung


 

In Gesellschaft von Ägyptern + Griechen

 

Dagegen gräbt seit 2005 ein Team der Goethe-Universität Frankfurt mit archäologischer Sorgfalt in einem 300 Quadratkilometer großen Gebiet. Rund 100 dabei geborgene Skulpturen und Fragmente werden nun im Liebighaus erstmals öffentlich gezeigt; vermutlich die bisher umfassendste Präsentation dieser geheimnisvollen Kultur in Deutschland.

 

Die Nok-Funde sind in bester Gesellschaft; umgeben von etwa 60 antiken ägyptischen und griechischen Marmor-Skulpturen aus hauseigenem Bestand. Zeitlich passt das: Alle Arbeiten entstanden im ersten Jahrtausend v. Chr. Stilistisch könnte der Kontrast kaum größer sein: Während Bildhauer im Mittelmeerraum figurativen Realismus perfektionierten, pflegten ihre afrikanischen Kollegen expressive Archaik.

 

1500 Jahre lang im selben Gebiet ansässig

 

Zwischen beiden Kulturräumen gab es keine Kontakte; ohnehin weiß man nur wenig über die Nok-Leute. Immerhin 1500 Jahre lang bis zur Zeitenwende lebten sie konstant im selben Gebiet, während ringsherum andere Völker auftauchten und wieder verschwanden. Sie waren sesshaft, bauten Hirse und Bohnen an und stellten ab 500 v.Chr. Eisen her: Damals begann ihre Blütezeit.

 

All das hatten sie mit vielen Völkern im antiken Afrika gemeinsam. Was sie von anderen unterschied, war ihre Kunst: die weitaus ältesten bekannten Skulpturen des Kontinents. Alle Nok-Terrakotta sind hohl und aus ausgemagertem Ton, das heißt: damit der Lehm fester wurde, versetzte man ihn mit kleinen Steinen. Vor dem Brennen versah man die Figuren mit einem Überzug, der längst verwittert ist; nun wirkt ihre Oberfläche rau und körnig.

 

Alle Figuren absichtlich zerschlagen

 

Wahrscheinlich wurden alle in zentralen Werkstätten angefertigt und dann verteilt: Sie sind in der gesamten Region von gleicher Qualität. Aber nie unbeschädigt: Fast alle Funde sind Fragmente und Scherben. Offenkundig wurden die Plastiken absichtlich zerschlagen und dann verscharrt – meist eindeutig in Müllhaufen; manchmal an Orten, die frühere Kultstätten sein könnten. Warum dieser Zerstörungseifer?

 

Wohl kaum aus ästhetischen Gründen: Zwar folgen alle Nok-Figuren dem gleichen Gestaltungs-Schema, doch keine gleicht einer anderen. Jede trägt individuelle Züge, etwa in der detailverliebten Ausarbeitung von Schmuck und Haartracht bei starker Stilisierung von Gesicht und Haltung.

 

Dreiecks-Augen mit eingestochener Iris

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung  Minkisi – Skulpturen vom unteren Kongo mit traditionellen, faszinierenden Nagel-Fetischen im Grassi Museum, Leipzig

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung Afrika mit eigenen Augen über die Entdeckung afrikanischer Kulturen im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Baden-Baden

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Dogon – Weltkulturerbe aus Afrika” – umfassender Überblick über Kunst + Kultur in Mali in der Bundeskunsthalle, Bonn.

 

Augen sind stets als Dreiecke in den Ton geritzt, mit eingestochener Iris und hoch gebogenen Augenbrauen. Röhrenförmige Körper stehen oft starr mit angewinkelten Armen und geballten Fäusten oder sitzen auf umgedrehten Gefäßen. Bei der Kleidung gibt es wilde Variationen; zuweilen kommen Mischwesen aus Mensch und Tier vor.

 

Das legt nahe, die Skulpturen als Objekte aufzufassen, die bei religiösen Ritualen verwendet wurden. Etwa als Repräsentationen von Ahnen oder mythischen Gestalten, denn Götter würde man nicht derart variantenreich darstellen.

 

Zur Vernichtung bestimmt

 

Dass ihre Bestimmung offenbar in ihrer Vernichtung lag, lässt sich als magische Praktik deuten: um die einer Figur inne wohnende Kraft oder Macht zu brechen. Bis heute entsorgt man in Afrika Fetische, sobald sie ihren Zweck erfüllt haben.

 

Doch derlei bleibt Spekulation: Außer Terrakotta-Resten ist von dieser Kultur nichts erhalten, und ihre Scherbenhaufen geben auf viele Fragen keine Antwort. Wer eine unbeschädigte Nok-Skulptur sehen will, sollte sich eine Replik anschaffen: Zeitgenössische nigerianische Töpfer fertigen formschöne Kopien in reicher Auswahl, die der Kunsthandel ab 100 Euro verkauft.


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