Berlin

Wiedereröffnung des Kunstgewerbe- museums am Kulturforum

Kleider der 1970er- und 1980er Jahre von Nina Ricci, Madame Grès und Yves Saint Laurent in der Modegalerie des Kunstgewerbemuseums. © Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker

Ein Methusalem will modisch werden: Das älteste deutsche Kunstgewerbemuseum gönnt sich eine Frischzellenkur. Die beschränkt sich auf kosmetische Eingriffe: Schicke Kleider in Höhlengängen, grelle Signal-Buchstaben und Räume im Raum – besser als nichts.

Es ist das größte und älteste Museum für Kunstgewerbe in Deutschland. 1868 gegründet, wechselte es im Lauf der Jahrzehnte mehrfach Namen und Standort: Zeitweise war es im heutigen Martin-Gropius-Bau untergebracht, später im Berliner Stadtschloss. Seit 1985 ist es am Kulturforum zu finden; nun wird es nach dreijähriger Umbauphase wieder eröffnet.

 

Info

 

Wiedereröffnung des Kunstgewerbemuseums

 

ab 22.11.2014

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

am Wochenende ab 11 Uhr;

Kunstgewerbemuseum am Kulturforum, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Kurzführer 9,95 €;

Katalog Mode-Galerie 29,95 €

 

Weitere Informationen

 

Dass es jahrelang geschlossen war, dürfte nicht jedem aufgefallen sein: Die ungeliebte Betonburg ist ein Stiefkind der Berliner Museumslandschaft. Rolf Gutbrod (1910-1999) – ein Schüler von Paul Bonatz, dem Architekten des Stuttgarter Hauptbahnhofs – entwarf den grauen Klotz 1967 im look einer Oberstufenzentrums-Mehrzweckhalle; als Ergänzung zum Kulturforum aus Staatsbibliothek, Philharmonie und Neuer Nationalgalerie.

 

Monströs + gewalttätig wie M.C. Escher

 

Es sollte fast zwei Jahrzehnte dauern, bis das brutalistische Ungetüm fertig war. Als es 1985 endlich eröffnet wurde, wirkten seine abweisende Fassade, das unübersichtliche Innere und die verwinkelten Freitreppen wie in Grafiken von M.C. Escher ziemlich unbrauchbar. Architektur-Kritiker überboten sich mit Verrissen, wetterten über „monströse Hässlichkeit“ oder „gewalttätige Formensprache“.


Interview mit Architekt Wilfried Kühn + Impressionen aus dem Kunstgewerbemuseum


 

NEUE KUNST oder SCHWIMMBAD

 

Dort war nur der West-Berliner Teil der Sammlung zu sehen. Das Ost-Berliner Pendant lagerte im Schloss Köpenick; beide Teile wurden nach 1990 fusioniert. Eine Kollektion von Weltrang, die mit viel Aufwand zusammengetragen worden war: So übernahm der erste Museumsdirektor Julius Lessing die königlich preußische Kunstkammer und kaufte 1874 das Ratssilber der Stadt Lüneburg an. Auf der Pariser Weltausstellung 1900 erwarb er nicht nur Schmuck von René Lalique, sondern baute im Überschwang auch das Ziergitter von dessen Vitrine ab.

 

Dieses Gitter ziert nun prominent die „Schatzkammer“ für floralen Jugendstil, die das auf Museen spezialisierte Architekturbüro Kuehn Malvezzi im Obergeschoss errichtet hat. Es ist in großen, grellroten Balkenlettern beschriftet, die perfekt zum Mehrzweckhallen-Charme des Treppenhauses passen: NEUE KUNST. Da könnte auch SPORTHALLE oder SCHWIMMBAD stehen.

 

Kein Geld mehr für Stadtlandschaft

 

Diese „Superzeichen als Wegeleitsystem“ sind die auffälligste Neuerung unter den eher sparsamen Eingriffen, die das Architekturbüro mit einem Budget von 4,45 Millionen Euro ausgeführt hat. Wäre das Geld nicht aufgebraucht, hätte Architekt Wilfried Kühn gerne noch vor dem Bau eine „natürliche Stadtlandschaft zum Flanieren mit Restaurants“ angelegt, um die Niemandsland-Atmosphäre vor dem Eingang aufzulockern. Daraus wird erstmal nichts.

 

Was ist sonst noch neu und warum? Ins Auge springt es nicht. Die klotzigen Treppen, die Gutbrod einbauen ließ, sind nun weiß abgesetzt, was den Überblick erleichtern soll. Nach wie vor ist der mittelalterliche Welfenschatz – goldglänzende Reliquien aus dem Braunschweiger Dom – in langen Reihen stummer Vitrinen im Erdgeschoss aufgereiht; es verkündet nun in Versalien, dass hier ALTE KUNST zu finden ist.

 

Deutlich reduzierte Objekt-Fülle

 

Auch im Obergeschoss hat sich an der Anordnung der riesigen Bestände aus Barock und Klassizismus – Möbel, Silber, Porzellan uvm. – wenig geändert. Wirklich neu ist der Aufbau im Bereich von Jugendstil bis Art déco. Hier wurde die Überfülle an Objekten, die schon viele Museumsbesucher erschöpft hinaustaumeln ließ, deutlich reduziert.

 

Kuehn Malvezzi hat vier Kabinette als „Räume im Raum“ eingebaut, die klar und übersichtlich gestaltet sind. Sie sind außen mit Vitrinen und innen mit größeren Arbeiten bestückt. Was ermöglicht, Gegenstände unabhängig vom Tageslicht zu beleuchten sowie sie farblich und atmosphärisch zu hinterlegen. Das ist gelungen, beschränkt sich aber auf diesen Bereich.


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