Bremen

Letztes Jahr in Marienbad. Ein Film als Kunstwerk

Georges Pierre: Letztes Jahr in Marienbad (Szenenbild, Detail), 1960, © Georges Pierre / Laurence Pierre-de Geyer, Foto: Österreichisches Filmmuseum, Wien. Fotoquelle: Kunsthalle Bremen

Die Osterinsel der Kinogeschichte: Alain Resnais‘ hyperraffinierter Rätsel-Film von 1961 gilt als so einzigartig wie abseitig. Die Kunsthalle will ihn zum Meilenstein mit kultureller Langzeitwirkung stilisieren – bleibt aber jeden Nachweis dafür schuldig.

„Letztes Jahr in Marienbad“ hat mit dem Kurort in Böhmen nichts zu tun. Bis heute war und ist umstritten, worum es im Film eigentlich geht – selbst zwischen den beiden Machern: dem Schriftsteller Alain Robbe-Grillet (1922-2008), der das Drehbuch lieferte, und dem Regisseur Alain Resnais (1922-2014). Keine der vielen Interpretationen scheint die mysteriös vertrackte Konstruktion des Schwarzweiß-Films schlüssig zu erklären: Er bleibt ein Rätsel.

 

Info

 

Letztes Jahr in Marienbad. Ein Film als Kunstwerk

 

14.11.2015 – 13.03.2016

täglich außer montags

10 bis 17 Uhr,

dienstags bis 21 Uhr

in der Kunsthalle, Am Wall 207, Bremen

 

Katalog 29 €

 

Weitere Informationen

 

Dabei ist „Letztes Jahr in Marienbad“ keine wirre Leinwand-Fantasie. Im Gegenteil: Drei Hauptfiguren verbindet an einem einzigen Schauplatz ein konventioneller Konflikt. In einem luxuriösen Grand Hotel-Palast versucht ein Mann („X“) eine Frau („A“) zu überzeugen, dass sie sich hier schon im Vorjahr begegnet seien: Damals hätten beide verabredet, dass A ihren Partner („M“) verlassen werde, um mit X ein neues Leben zu beginnen. Die Frau bestreitet alles – ihr Partner begnügt sich damit, seinen Nebenbuhler im Spiel zu besiegen.

 

Vexierspiel voller Logik-Sprünge

 

Diese simple Konstellation löst der Film in ein irrwitziges Vexierspiel auf. Fast keine Szene folgt logisch aus der vorangegangen; Sprünge, Wiederholungen und Variationen lassen völlig unklar werden, was Gegenwart oder Vergangenheit, Realität oder Einbildung sein könnte. Solche Unterscheidungen verwischt zusätzlich das hoch artifizielle setting.

Offizieller Trailer von "Letztes Jahr in Marienbad", OmU (engl.)


 

Bäume werfen Schatten, Personen nicht

 

Die Kamera schwelgt im verschwenderischen Barock- und Rokoko-Dekor der Schlösser Nymphenburg, Amalienburg und Schleißheim in und bei München. Stumme Statisten in Festgarderobe stehen wie Statuen herum. Einfache, aber wirkungsvolle Tricks heben die Gesetze der Physik auf: In einer berühmten Panorama-Aufnahme des Schlossparks werfen Bäume keine Schatten, Personen aber schon – sie wurden zuvor mithilfe von Schablonen aufgesprüht.

 

Er überlasse jedem Zuschauer, seine eigene Deutung zu finden, zog sich Regisseur Resnais listig aus der Affäre. Womit er einen Überraschungserfolg landete: 1961 gewann „Letztes Jahr in Marienbad“ in Venedig den Goldenen Löwen – Kritik und Publikum waren gespalten. Die Zeitung „Le Monde“ widmete eine Doppelseite der leidenschaftlichen Leser-Debatte pro und contra. Wer sich in den 1960/70er Jahren als Cineast verstand, hatte eine entschiedene Meinung zu „Marienbad“. Und dann… verblasste der Film allmählich.

 

Keine Nachahmer inspiriert

 

Sein Ruf ähnelt dem von Moai-Statuen auf der Osterinsel: Viele haben davon gehört, kaum jemand hat sie gesehen, keiner weiß, was sie bedeuten – und wenige wollen es genau wissen. Im Unterschied zu anderen „Nouvelle Vague“-Klassikern wie Fellinis „La dolce vita“ (1960), Godards „Außer Atem“ (1960) oder Antonionis „Blow Up“ (1966) hat „Marienbad“ keine Nachahmer im Kino gefunden oder Strömung inspiriert. Dafür war der Film trotz seiner formalen Eleganz und raffinierten Struktur wohl schlicht zu kopflastig.

 

Da verwundert, dass ihm die Kunsthalle Bremen nun eine Ausstellung widmet. Seit der Premiere sind 55 Jahre vergangen; wie viele Besucher mögen je das Original gesehen haben? Dennoch spricht Direktor Christoph Grunenberg von einer breiten Wirkungsgeschichte in Kunst und (Pop-)Kultur, mit der zu beschäftigen sich lohne – auch ohne Kenntnis des Vorbilds. Komplett anschauen kann man „Marienbad“ in der Schau nicht; nur memorabilia wie Kinoplakate, Standbilder und Dreharbeiten-Material.

Feature über die Ausstellung mit Statements von Direktor Christoph Grunenberg; © Kunsthalle Bremen


 

Motive von Surrealisten + de Chirico

 

Am ehesten überzeugen die Quellen, aus denen Robbe-Grillet und Resnais geschöpft haben. Schon 1960 war harsche Kritik an bourgeoisen Konventionen en vogue; literarisch als Klage über Gefühlskälte und Entfremdung. Visuelle Motive dafür lieferten die Surrealisten, etwa René Magritte und Paul Delvaux samt ihrem Vorläufer Giorgio de Chirico: Isolierte Figuren in erratischen Architektur-Kulissen voller widersprüchlicher Phänomene.

 

Sobald die Ausstellung aber aufzeigen will, welchen Einfluss „Marienbad“ ausgeübt habe, franst sie völlig aus: Er soll in Pop Art-Standfiguren von Howard Kanowitz und Alex Katz ebenso stecken wie im verwischten Fotorealismus des frühen Gerhard Richter, minimalistischen Konzeptkunst-Videos von Bruce Naumann, den Rollenspielen mit simulierten film stills von Cindy Sherman oder gar einer Kitschplastik von Jeff Koons.

 

Ähnlicher Kurzfilm acht Jahre früher

 

Um solche Zusammenhänge herzustellen, schlägt die Argumentation in Begleitheft und Katalog kühne Kapriolen. Keine Frage: Resnais‘ Film stellte das herkömmliche Verständnis von Handlungslogik, Zeitablauf und Wirklichkeit radikal zur Disposition – was seither auch zahllose Künstler taten. Bloß: Dafür mussten sie keineswegs „Marienbad“ kennen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Blow Up – Antonionis Filmklassiker und die Fotografie“ in der Galerie C/O Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung Ihr werdet Euch noch wundern– Konversations-Drama unter Liebespaaren von Alain Resnais mit Michel Piccoli + Mathieu Amalric

 

und hier einen Bericht über den Vortrag des Kunsttheoretikers Georges Didi-Huberman auf der Documenta 13 über den Dokumentarfilm „Les statues meurent aussi“ („Auch die Statuen sterben“, 1953) von Chris Marker + Alain Resnais zum kolonialen Kunst-Export aus Afrika.

 

Eines der wenigen Exponate, bei dem die Parallelen ins Auge springen, ist ein Kurzfilm von Kenneth Anger: Nächtliches Lustwandeln einer kostümierten Dame durch einen Landschaftsgarten bei Rom erinnert in Arrangement und Atmosphäre sehr an Madame A im Schlosspark. Allerdings drehte US-Experimentalfilmer Anger bereits 1953, war also Resnais acht Jahre voraus.

 

„Marienbad“ in Mode + Musikvideo

 

Von den übrigen Beiträgen passen nur diejenigen ins Konzept, die Ästhetik und Anmutung von „Marienbad“ ganz oberflächlich übernehmen: eine Modenschau von Karl Lagerfeld, fashion photography aus Hochglanz-Magazinen oder ein Musik-Videoclip der britpop band „Blur“. Da geht es um haute couture und schicke Kleiderständer in erlesen dekadentem Ambiente – also so ziemlich um das Gegenteil von dem, worauf der Film abzielt.

 

Was immer Robbe-Grillet und Resnais beabsichtigt haben mögen: zynisches Zelebrieren des schönen Scheins war es gewiss nicht. Dass diese Schau es versäumt, zwischen Optik und Inhalt des Films zu unterscheiden, um möglichst viele vermeintliche Nachfolger vorzuweisen, zeigt, wie unausgegoren das Unternehmen ist.

 

Hermetischer Solitär

 

Wie sinnvoll Film-Betrachtung im Museum sein kann, hat 2014/5 eine Ausstellung über den historischen Entstehungskontext und die Wirkung von „Blow Up“ in Wien und Berlin vorgeführt. Längst prägen Meilensteine der Kinogeschichte das Kollektivgedächtnis mindestens ebenso wie Meisterwerke der Malerei. Das nachzuzeichnen, lohnt sich – aber kaum bei einem hermetischen Solitär wie „Marienbad“.


Diesen Artikel drucken