Berlin

Fleisch

Vanessa Beecroft: VB 55.004, (Detail), Performance in der Neuen Nationalgalerie, 8.4.2005 Digitalprint. Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Stefanie Dietzel. Fotoquelle: SMB
Bacon, Schnitzel und das letzte Abendmahl: Ein Team junger Kuratoren bespielt mit Verve und Witz einen Saal des Alten Museums mit Exponaten zum Thema Fleisch. Die bissige Schau zu 5000 Jahren Kulturgeschichte macht Lust auf einen Nachschlag.

Fleisch!? Alle sprechen vom Veganismus. Ein junges Kuratorenteam in Berlin hält dagegen. Es lädt im Alten Museum zu einem verblüffenden Schweinsgalopp durch 5000 Jahre Kulturgeschichte von Fleischverzehr bis Fleischeslust. Nur einen einzigen Saal darf das Projekt bespielen. Das fördert Knappheit und Würze: Rund um die Stichworte Kost, Kult und Körper beleuchtet die Schau eine Fülle von Aspekten, wie man sie sonst nur in einer großen kulturhistorischen Ausstellung serviert bekommt.

 

Info

 

Fleisch

 

01.06.2018 - 31.08.2018

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

im Alten Museum, Am Lustgarten, Berlin

 

Weitere Informationen

 

In hitzigen Diskussionen und wechselnder Besetzung haben die Nachwuchswissenschaftler diverse Disziplinen berücksichtigt und mehr als 70 Objekte aus fast allen Sammlungen der Staatlichen Museen ausgewählt. Der anregende Katalog empfiehlt sich als Nachschlag. Also auf zur Fleischbeschau!

 

Faszination und Ekel

 

Buchstäblich verwurstet hat der Objektkünstler Dieter Roth 1968 gehacktes Hammelfleisch. In 19 flache Plastikbeutel verschweißt, bildet es den Inhalt seiner "Zeitschrift Poeterei", Heft Nr. 4. Die missfarbene Ekel-Masse macht klar: Fleisch verkörpert Vergänglichkeit pur. Zwischen Verzehren und Verwesen, Verlocken und Verführen bildet es den kreatürlichen Grundstoff unserer Existenz auf Erden – und ist von Anbeginn an verknüpft mit dem Gedanken an den Tod.

Interview mit Kokuratorin Anika Reineke + Impressionen der Ausstellung

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Von Tieropfern und Menschenfressern

 

Dass Fleischverzehr nicht ohne Töten zu haben ist, wurde schon früh in vielen Kulturen als Grenzüberschreitung empfunden. Opferriten belegen dies. Auf einem ethnographischen Video sieht man, wie bei einer Schlachtung Tierblut vergossen wird. Der antike Opferaltar daneben war einst Schauplatz ganz ähnlicher Zeremonien. Eine roh behauene Steinklinge fuhr womöglich gar einem menschlichen Opfer in den Leib.

 

Als "Gabel zum Leichenessen" diente eine mächtige Holzgabel mit groben Zinken von den Fidschi-Inseln. Kannibalismus hat, so erfährt man, viele Facetten in den Kulturen der Welt, war aber auch oft reine Fantasie und wurde gern fremden Völkern als Merkmal angedichtet. Schon antike Autoren wie Plinius erzählten von monströsen "Menschenfressern".

 

Schnitzel und der Leib Christi

 

So gruselig man derlei Sitten finden mag: Auch im Christentum geht es um das Sich-Einverleiben eines Körpers, wenn auch liturgisch geläutert. "Dies ist mein Leib" spricht Christus im Evangelium zu seinen Anhängern. Eine farbenfroh aus Holz geschnitzte Darstellung des Abendmahls reiht die Akteure um einen Tisch. Darauf liegen nicht etwa Brote, sondern rosige Schnitzel. Eine goldene Monstranz, in der die Hostie zur Schau gestellt wurde, verdeutlicht, wie das Fleisch des Erlösers rituell transzendiert wurde.  

 

Voll körperlicher Wucht hingegen schlägt der antike Gott Saturn einem hilflosen Kleinkind seine Zähne ins Fleisch. Er verschlang der Legende nach seine eigenen Kinder. Der moderne Maler Francis Bacon verzichtete auf jeden religiösen Überbau: Seine Bilder zerfleischen die Körper seiner Modelle zu einem Schauplatz von Qual und Lust.

 

Wuchtige Schweinereien

 

Buchstäblich schweinisch führt sich eine besoffene Tischgesellschaft im 16. Jahrhundert auf. Die schmatzenden Säue unter dem Tisch kommentieren das Treiben der schamlos speienden und sich entleerenden Kerle. Jetzt, im Kapitel "Kost", heißt es in vielerlei Form: Schwein gehabt! Einen späthellenistischen Eber trifft der Jagdspieß ins Herz, das Hausschwein dagegen ruht friedlich in seinem Hofstall, modelliert im 3. Jahrhundert n. Chr. in China.

 

Tatsächlich war Fleisch lange Zeit nur durch Jagd zu erlangen. Der Tierbildhauer August Gaul drehte um 1900 den Spieß und die Jagdrichtung um: Er lässt eine Horde Schweine mit Witz und Wucht dem Betrachter frontal entgegen rasen. Aber warum wird ausgerechnet das Schwein als Motiv in der Ausstellung derart vielfältig ausgeschlachtet?

 

Saftschinken in Schwarzweiß

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellungen "Bart - zwischen Natur und Rasur + Im Dickicht der Haare" im Neuen Museum, Berlin, und der Grimmwelt, Kassel

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Homosexualität_en" über Geschlechterverständnis + -bilder im Deutschen Historischen Museum + Schwulen Museum, Berlin

 

und hier einen Beitrag über den Film "Bullhead" - brillanter Krimi über die belgische Rinderzüchter-Mafia von Michaël R. Roskam mit Matthias Schoenaerts

 

und hier einen Bericht über den Film "Sushi - The Global Catch" - informative Doku über Alternativen zur Überfischung der Ozeane von Mark S. Hall.

 

Laut dem Leiter der Antikensammlung Andreas Scholl wurde und wird nur dieses Borstentier als reiner Fleischlieferant gezüchtet, ohne Zusatznutzen für Wolle oder Milch. 48 verschiedene Schweinebezeichnungen listet das älteste Objekt der Schau in säuberlicher Keilschrift auf einem Tontäfelchen auf: Es entstand vor 3000 Jahren in Uruk. Eine "Reichsfleischkarte" mit Essensmarken des Königreichs Sachsen von 1917 schlägt den Bogen in die Mangel- und Überflussgesellschaften der modernen Zivilisation.

 

Leider nur als Schwarzweiß-Reproduktion ist der saftig-rosige Schinken zu bewundern, den die Stilllebenmalerin Anne Vallayer-Coster 1767 illusionistisch perfekt auftischte. Das Alte Museum ist klimatechnisch immer noch nicht für die Präsentation von Ölgemälden gerüstet: So darf man auch Rubens‘ sinnliche Aktpinseleien nicht im Original genießen.

 

Das eigene Fleisch spüren

 

Andere Exponate stehen für die Fleischeslust in ihrer erotischen Spielart umso unverblümter und expliziter ein. Oft enthüllt erst ein Blick aus nächster Nähe, was da eigentlich zwischen den Partnern vorgeht. Etwa in einer Terrakotta-Gruppe mit dem Titel "Frau, den Tod masturbierend". Das Ideal eines perfekten Körpers vertritt die wunderschöne goldglänzende Statuette eine splitternackten Venus. Aber auch die Männerwelt ist hüllenlos zu bewundern, etwa an einem antiken Männertorso.

 

Endgültig im Voyeurismus gipfelt die Fleischbeschau bei Vanessa Beecroft. Sie ließ 2005 eine Herde weiblicher Models mit High Heels und Feinstrümpfen in der Neuen Nationalgalerie aufmarschieren. Dann schon lieber den eigenen Körper spüren. Die Performance "Body Pressure" von Bruce Nauman lässt sich zum Schluss gleich direkt im Ausstellungssaal durchexerzieren. Diese Themenschau "Fleisch" hat Biss und macht Appetit auf mehr.


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