Berlin

Max Liebermann und Paul Klee: Bilder von Gärten

Max Liebermann: Der Nutzgarten in Wannsee nach Westen, auf dem Weg eine Gärtnerin, 1924, © Kunstsammlung Zwickau, Foto: Fotoatelier Lorenz, Zschorlau. Fotoquelle: Liebermann-Villa, Berlin
Pastose Blumenrabatte und geometrische Farbfelder: Eine Ausstellung in der Liebermann-Villa lässt die Gartenbilder des Impressionisten Max Liebermann in einen feinfühlig kuratierten Dialog mit den "Farbbeeten" des Bauhausmeisters Paul Klee treten.

Ein Garten ist ein Stück Erde mit Pflanzen darauf. Alles weitere liegt in der Hand des Gärtners oder der Gärtnerin. Hübsch geordnet oder schön freiwüchsig, blumenbunt oder monochrom grün: Grenzen setzt dem gärtnerischen Gestaltungsdrang nur die Größe des Grundstücks. Aber ein Garten kann auch einfach ein Bogen Papier sein, auf dem sich Farbflächen zu Beeten gruppieren und Linien einem floralen Wachstumstrieb folgen.

 

Info

 

Max Liebermann und Paul Klee: Bilder von Gärten

 

10.06.2018 - 17.09.2018

täglich aüßer dienstags

10 bis 18 Uhr

in der Liebermann-Villa am Wannsee, Colomierstr. 3, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Paul Klee (1879-1940) macht es vor: Seine Werke begegnen in der Sommervilla von Max Liebermann (1847-1935) am Wannsee in Berlin den Gartendarstellungen des Hausherrn. Was der preußische Impressionist Liebermann und der Schweizer Bauhausmeister Klee sich in Sachen Grün zu sagen haben, zeigt der feinsinnige Dialog ihrer Werke aus Sammlungen in Deutschland und der Schweiz.

 

Maler in getrennten Welten

 

Zwei Maler geraten ins Gespräch: Ihre Auffassungen unterscheiden sich gründlich, aber es gibt auch überraschende Berührungspunkte. Mal schweigt der eine, mal lässt der andere dem Kollegen den Vortritt. In Wirklichkeit hat diese Begegnung zwischen den beiden Malern nie stattgefunden. Sie lebten in getrennten Kunstuniversen. Aber ihre Arbeiten nehmen – in allen Ausstellungsräumen vis-à-vis gehängt – den Gesprächsfaden auf. In ihrer Begeisterung für das gärtnerische Hegen, Pflanzen, Ordnen und Wachsenlassen waren sich die beiden Individualisten ausnahmsweise einig.

Feature über die Liebermann-Villa; © Liebermann-Villa

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Farbquadrate zum Beet geordnet

 

Tatsächlich widmeten sie sich sogar zur selben Zeit ihren Gartenrefugien; der eine real, der andere imaginär. Während Liebermann seine 1909 errichtete Sommervilla in den 1920er Jahren zu seinem Lieblingssujet erkor, beugte sich Klee in Bern, Weimar und Dessau über das gärtnerische Geviert seiner oft winzigen Papierformate. Selbst im Exil ließ er seine Linien ins Kraut schießen und ordnete Farbquadrate zum Beet. Sein Humus war die Phantasie, die er mit Geometrie bändigte.

 

Schon frühe Erinnerungen der beiden Maler sprechen von Gärten. 1905 schrieb Klee an seine Verlobte Lily aus dem Garten seiner Eltern am Obstbergweg in Bern: "wo ich mich mit Pflanzen abgebe, Stecklinge mache, ziehe, binde, schneide, umsetze und mich selber als Pflanze fühle". Der junge Maler nutzte diese Phase für ein intensives Naturstudium, das zum Katalysator seines künstlerischen Reifeprozesses wurde. Schräg von oben gesehen, tuschte er auf einem frühen Blatt zwei handtuchgroße Vorgärten hin, notierte fein die umhegenden Mäuerchen, die verbindende Gartenzaunpforte und die leere Bank als Ruhesitz.

 

Die geometrische Struktur der Gärten

 

Für die Familie Klee war ihr Minigarten ein erweiterter Wohnraum, geschützt und intim. Später brauchte der Künstler für seine Gartenbilder keine reale Vorlage mehr. Auf dem leuchtenden Aquarell "Erinnerung an einen Garten" lässt er Striche zu Sprossachsen wachsen, züchtet florale Muster und sät Keime für Formstrukturen. Immer bändigt er allzu freien Wildwuchs durch klare Rhythmen. Klee ist ein Gärtner im Geiste, der den Formgesetzen der Natur im eigenen Schöpfungsprozess nachspüren will. Die Anregung dazu fand er in Goethes "Metamorphose der Pflanzen".

 

Aber auch Liebermann hatte seinen Goethe gelesen. Das ist vielleicht die interessante Entdeckung in dieser Ausstellung: wie beide Künstler auf stilistisch ganz unterschiedliche Weise in ihren Gartendarstellungen die geometrische Struktur suchen, aber auch dem freien Wuchern Raum geben. Immer wieder lässt Liebermann auf seinen Bildern die hellen, schnurgeraden Kieswege seines Gartengrundstücks in die Tiefe fluchten. Dann wieder schwelgt er mit vehementem Pinselschlag in der grünbunten, pastosen Farbmaterie.

 

Violette Stiefmütterchen in Serie

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Reiselust und Sinnesfreude" - mit Werken von Max Liebermann in Apolda und Aschaffenburg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Klee & Kandinsky – Nachbarn, Freunde, Konkurrenten" - mit Werken von Paul Klee im Lenbachhaus, München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Nach Ägypten! Die Reisen von Max Slevogt und Paul Klee" - im K 20, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf

 

Für Liebermann war sein Wannseegarten ein künstlerisches Laboratorium, wo er den subjektiven Blick und den expressiven Duktus seines Spätwerks erprobte. 200 Gemälde entstanden hier. Wie Testreihen produzierte er Variante um Variante der immer gleichen Motive, etwa der gelben und violetten Stiefmütterchenbeete vor der Terrasse. Die elegant-moderne Reformgartengestaltung mit ihren strengen Hecken, Rechteckbeeten und Rasenparterres lieferte Liebermann das ideale Strukturgerüst für seine frei improvisierten Koloraturen.

 

Klees eigene gärtnerische Ambitionen beschränkten sich auf ein paar Kakteentöpfe auf dem Balkon oder der Terrasse seines Dessauer Meisterhauses. Hier hatte Bauhaus-Direktor Walter Gropius ohnehin eine äußerst karge Gartengestaltung vorgegeben. Es gab Kiefern und grünen Rasen, keinen blumigen Schnickschnack. Umso bunter und vielfältiger betätigte Klee sich als Farben- und Formenzüchter in seinen Werken. Er ließ über nächtlichen Gärten den Mond aufgehen oder stellte Häuser ins zeichenhafte Grün. Zahllose seiner Arbeiten tragen das Wort Garten im Titel.

 

Kritisch beäugte Moderne

 

Die Liebermann-Villa öffnet ihr wohltemperiertes, nicht sehr experimentierfreudiges Ausstellungsprogramm mit dieser Schau für die Avantgarde der Klassischen Moderne, die der Hausherr selbst ziemlich kritisch beäugt hat. Raum für Raum vergleicht sie Werke beider Künstler behutsam, belässt ihnen aber immer ihr eigenes Wirkungsfeld. Nicht jede Pflanze verträgt die direkte Nachbarschaft einer anderen: Auch Kuratieren ist Gärtnern. Dazu braucht es Feingefühl und Erfahrung im Umgang mit eigenwilligen Gewächsen.


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