Wien

Eastern Promises − Zeitgenössische Architektur und Raumproduktion in Ostasien

Trace Architecture Office (TAO): Museum of Handcraft Paper, bei Xinzhuang/Yunnan, China, 2010 © Shu He / Quelle: MAK, Wien

Wahllos aufgereihte Filmschnipsel

 

Dieses abschreckend mäandernde Potpourri weist nur einen optischen Halt auf: ein enormer schwarzer Würfel im Zentrum, der an die Kaaba von Mekka gemahnt. Drinnen laufen kurze Streifen mit irgendwelchen Impressionen asiatischen Alltagslebens, wahllos aneinander gereiht. Mehr sinnliche Anschauung ist nicht − abgesehen von ein paar alten Dachschindeln, Tonformen und der Filmprojektion von Menschen, die in Beijing auf der Straße tanzen.

 

Mag sein, dass dieses Durcheinander authentisch asiatisches Lebensgefühl vermittelt, doch lenkt es arg von den Exponaten ab. Was jammerschade wäre, denn deren Auswahl ist hervorragend. Verständlicherweise kommt die Hälfte davon aus Japan: Dessen Architektur-Szene ist vielfältig, innovativ und international so renommiert wie einflussreich.

 

Topfpflanzen ersetzen Außenwände

 

Zwar fehlt mit Toyo Ito der Träger des Pritzker-Preises 2013, der als Nobelpreis für Architektur gilt. Doch Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa vom SANAA-Büro, derzeit Superstars der Branche, sind gleich mehrfach vertreten. Etwa mit Nichizawas „Garden and House“: Zwischen Büroblocks eingeklemmt, verzichtet das schmale Stadthaus mit vier Etagen auf Außenwände. Stattdessen nutzen die Bewohner Topfpflanzen als Sichtschutz.

 

Das „Shibura Building“ von Sejima, eines der wenigen Gewerbebauten der Auswahl, kommt ebenso fast ohne Wände aus, damit die Nutzer möglichst häufig zusammentreffen. Dasselbe soll das „Moriyima House“ von Nishizawa leisten, in dem die Gebäudefläche auf mehrere separate Kuben verteilt ist: Wenn die Bewohner sie wechseln, laufen sie sich über den Weg.

 

Böden schmiegen sich Gelände an

 

Solche Lösungen sollen der grassierenden Vereinzelung entgegen wirken. In Straßenzügen von Tokio und Seoul reiht sich eine Hochhaus-Fassade an die nächste; dahinter finden sich ein Konglomerat kleiner und kleinster Parzellen wie in Tokio oder monotone Wohntürme wie in Seoul. Derartige Stadtlandschaften bieten kaum öffentliche Räume zur Kontaktaufnahme.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über die Ausstellung „Architecture China – The 100 Contemporary Projects“ – Überblick über aktuelle Bauvorhaben in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Kultur: Stadt“ über weltweite Architektur-Projekte in Berlin + Graz

 

und hier einen Bericht zur  ”Architektur Biennale 2012“, der internationalen Architektur-Ausstellung in Venedig

 

Auch von Wang Shu, chinesischer Pritzker-Preisträger 2012, sind beispielhafte Arbeiten zu sehen. In Xiangshan hat sein „Amateur Architecture Studio“ den Campus der Kunstakademie geplant: als Kette zweistöckiger Bauten, deren Böden sich dem Gelände anschmiegen. Für die alte Kaiserstraße von Hangzhou entwarf er vieleckige Zierbauten aus Sichtbeton, die historische Überreste schützen.

 

Gebäude aus recycelten Plastikflaschen

 

Ähnlich spektakulär sieht der kreisrunde „Urban Tulou“ des Büros URBANUS aus. Seine Form entstammt runden Wehrbauten der Hakka-Minderheit, die ab dem 12. Jahrhundert entstanden. Die zeitgenössische Variante in Nanhai kann bis zu 1800 Menschen beherbergen; vor allem Wanderarbeiter, die wenig Miete zahlen können.

 

Elliptisch geformt haben Tezuka Architects den „Fuji Kindergarten“ in Tokio: Er umschließt alte Bäume im Hof, die ihn überragen. Den Umweltschutz-Gedanken überträgt das Büro MINIWIZ in Taipei auf nachhaltige Ressourcen-Nutzung: Es arbeitet ausschließlich mit wiederverwendeten Materialien, etwa Bausteinen aus recycelten Plastikflaschen.

 

Katalog-Studium statt Ausstellung

 

Solche Ansätze sind tatsächlich vielversprechend und zukunftsweisend. Doch um sie kennen zu lernen, braucht niemand sein Haus verlassen und sich ins MAK begeben: Es reicht völlig aus, daheim in Ruhe den Katalog zu studieren.