Borys Lankosz

Dunkel, fast Nacht (Ciemno, prawie Noc)

Die Journalistin Alicja Tabor (Magdalena Cielecka) und ihr Unterstützer Marcin Schwartz (Marcin Dorocinski) kommen einem düsteren Geheimnis auf die Spur. Foto: copyright: Adam Golec / Aurum Film
(Kinostart: 10.10.) Im Strudel der Geschichte: Regisseur Borys Lankosz betrachtet das heutige Polen als ein in seiner Vergangenheit gefangenes Land. Dieser Mystery-Thriller beeindruckt atmosphärisch, ist aber inhaltlich etwas überfrachtet.

Es gibt Orte, die verlässt man nur physisch. Innerlich halten sie einen fest, sei es in Form einer Umarmung oder einer Umklammerung: Die Journalistin Alicija Tabor (Magdalena Cielecka) kehrt nach 20 Jahren in ihre niederschlesische Heimatstadt Wałbrzych zurück, um im Fall drei verschwundener Kinder zu recherchieren. Ihre Eltern und die Schwester sind längst tot; das alte Haus ist voller Staub, der Garten verwildert.

 

Info

 

Dunkel, fast Nacht (Ciemno, prawie Noc)

 

Regie: Borys Lankosz,

111 Min., Polen 2018;

mit: Magdalena Cielecka, Rafal Mackowiak, Modest Rucinski

 

Website zum Film

 

Nur Albert (Jerzy Trela), ein alter Freund der Familie, stellt eine Verbindung zur Vergangenheit dar. Trostlosigkeit liegt über der grauen Industriestadt wie eine bleierne Decke. Jahrhundertelang war Wałbrzych von der Steinkohle geprägt; Anfang der 1990er Jahre wurde der Bergbau eingestellt. In den letzten Jahren sorgten Spekulationen über einen sagenumwobenen "Goldzug" der Nazis für Schlagzeilen; gerüchteweise soll er in der Region in einem geheimen Tunnelsystem verborgen sein.

 

Erloschene Gesichter

 

Doch um Schatzjäger und andere Optimisten geht es in dem Film nicht; er zeigt eine Stadt im Niedergang. Die müden Gesichter der Erwachsenen, die Alicija interviewt, wirken roh und erloschen. Nur die Kinder haben noch Wärme und Leben in sich. Kein Zweifel, an diesem Ort ist es gefühlt stets "Dunkel, fast Nacht". Im Zuge ihrer Recherchen gerät die einsame, taffe Heldin immer stärker in den Strudel der Vergangenheit, die in Rückblenden aufscheint.

Offizieller Filmtrailer OmU

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Tiefe Narben, schwammige Andeutungen

 

Sie erinnert sich ihrer tragischen Familiengeschichte, der sie durch Wegzug entkommen wollte. Diese ist eng verwoben mit der Vergangenheit der ehemals deutschen Bergbaustadt, die einst Waldenburg hieß; individuelle Tragödien vermengten sich hier mit der Weltgeschichte. Die Nazizeit, später die Eroberung durch die Sowjetarmee und die Vertreibung der Deutschen haben so tiefe Spuren in den Seelen der Menschen hinterlassen wie der Bergbau in der Erde.

 

In der Gegenwart setzen sich diese Verletzungen in Form von allgemeiner Lieblosigkeit und Kindesmissbrauch fort. Das Leben scheint ein Kreislauf aus Gewalt und Tragik. In diesem dunklen Sog gerät auch Alicijas Realitätsverständnis ins Wanken. Immer wieder taucht eine seltsame Perlenkette auf; ihre Bedeutung bleibt jedoch schwammig. Ominöse alte Weiblein, die Katzenfrauen, wollen Alicija helfen, wohingegen die sogenannten Katzenfresser für alles Böse stehen. Regisseur Borys Lankosz hat offensichtlich Spaß daran, die bedrohliche Atmosphäre in stilisierte, detailreiche Bilder zu übersetzen.

 

Gefeierte Vorlage

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die Maske" - bissige polnische Satire von Małgorzata Szumowska

 

und hier einen Bericht über den Film "Die Spur (Pokot)" - originell-kühner Tierschutz-Thriller aus Polen von Agnieszka Holland, Silberner Bär 2017

 

und hier einen Beitrag über den Film "Im Namen des ..." - beeindruckendes Drama über katholische Priester in Polen von Małgorzata Szumowska.

 

Großartig ist schon die Einstiegssequenz mit einem Zug, der durch eine Landschaft mit Schneeresten fährt: ein Abstieg in die Hölle. Fast alle Szenen spielen im Halbdunkel, Tageslicht scheint nur selten auf. Mitunter setzt Lankosz auf konventionelle Schockeffekte, die hartgesottene Genrefans jedoch kaum erschrecken dürften. Trotzdem sind Bilder und Atmosphäre zweifellos die Stärke seines Films, der alles sein will: Gesellschaftsanklage, Vergangenheitsaufarbeitung, Mystery-Thriller.

 

Zutaten gibt es reichlich, und sie werden ordentlich durchmengt. Das hat auch mit der Vorlage zu tun, dem gleichnamigen Roman der Schriftstellerin Joanna Bator, für den sie 2013 mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis Nike geehrt wurde. Das komplexe Panorama eines 500-Seiten-Roman lässt sich jedoch nur schwer in einen zweistündigen Film packen. Letztlich bleibt vieles skizzenhaft.

 

Störende Mysterien

 

Auch die ausgestellte Düsternis wirkt auf Dauer wenig glaubwürdig. Wenn Alicija mit versteinertem Gesicht durch die Gegend läuft, will man ihr zurufen, dass selbst in Polen auch mal die Sonne scheint. Noch mehr irritiert jedoch, dass dieser ohnehin überladene Stoff mit halbgaren Mystery-Elementen übergossen wird. Sie konterkarieren die ernsthafte Analyse kontinuierlicher Gewalterfahrungen, die zu einer zwischenmenschlichen Verrohung führen. Die ist auch ohne mystisches Geraune schon unheimlich genug.


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