Köln + Prag

Inside Rembrandt – 1606-1669

Rembrandt (Harmensz. van Rijn), Portrait einer jungen Frau (Detail), 1633, Öl auf Holz; Fotoquelle: © Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln

Insider-Report zum 350. Todestag: Das Wallraf-Richartz-Museum würdigt den Barockkünstler mit einer Werkschau, die als Quasi-Drama inszeniert ist. Das wirkt leicht bemüht, doch Vergleiche mit Arbeiten von Zeitgenossen veranschaulichen Rembrandts Genie.

Leonardo, Raffael, Michelangelo oder Rembrandt: Jeder kennt Meisterwerke dieser Genies. Doch wer ist mit ihrer Biographie und der gesamten Bandbreite ihres Schaffens vertraut – und den Gründen für ihre immense Wirkung in der Kunstgeschichte? Das ist der Ansatzpunkt der Gedenkausstellung zum 350. Todestag von Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669) im Wallraf-Richartz-Museum; einer Kooperation mit der tschechischen Nationalgalerie in Prag, wo die Schau im Anschluss gezeigt wird.

 

Info

 

Inside Rembrandt – 1606-1669

 

01.11.2019 – 01.03.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Obenmarspforten, Köln

 

Katalog 29,95 €

 

Weitere Informationen

 

Rembrandt: Portrét člověka (Porträt eines Mannes)

 

17.04.2020 – 30.08.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

in der Nationalgalerie, Staroměstské náměstí 12, Prag

 

Weitere Informationen

 

Mit einer ambitionierten Inszenierung im Wortsinne: Kuratorin Anja Sevcik hat die Ausstellung als Quasi-Theaterstück in fünf Akten mit Prolog und Epilog eingerichtet. Die Gleichsetzung von Rembrandts Dasein mit einem Bühnenspektakel wirkt zwar stellenweise etwas bemüht; derart dramatisch verlief sein Leben trotz großer Erfolge und herber Rückschläge nun auch wieder nicht. Doch ein Aspekt seines Werks spricht für diese Deutung: So oft wie kaum ein anderer Künstler hat Rembrandt seine Modelle und Motive mit üppigen Kostümen und Kulissen ausstaffiert – ganz im Geist seines Barock-Zeitalter mit dessen Lust an Maskerade und Gepränge.

 

In der Republik des Wissens

 

Der Rundgang beginnt aber mit einem anderen Schwerpunkt: der Figur des Gelehrten. Zurecht: Die Blütezeit der Niederlande im „Goldenen Zeitalter“ des 17. Jahrhunderts beruhte vor allem auf einem hohen Bildungsstand. In der jungen „Republik des Wissens“, die sich 1579 vom katholischen Spanien gelöst hatte, waren fast alle Bürger alphabetisiert, auch Bauern und Landleute: Die damals zwei Millionen Einwohner sollen 300 Millionen Bücher besessen haben. Schulbesuch und Gelehrsamkeit standen hoch im Kurs, gefördert durch die Fokussierung des Protestantismus auf die Schrift der Offenbarung.

Feature über Rembrandts Maltechnik; © BR


 

Erste Protestanten-Universität der Niederlande

 

Rembrandts Geburtsstadt Leiden war ein intellektuelles Zentrum: Dort war 1575 die erste protestantische Universität des Landes gegründet worden, an der Geistesgrößen wie Hugo Grotius und René Descartes tätig waren. Der französische Philosoph veröffentlichte hier 1637 sein bedeutendstes Werk, den „Discours de la méthode“ – ein Meilenstein des Rationalismus. Es verwundert daher wenig, dass Gestalten von Gelehrten, die sich in ihren Studierzimmern konzentriert über Texte beugen, für Leidener Künstler ein beliebtes Sujet waren.

 

Nicht nur für Rembrandt, etwa auf dem frühen Gemälde „Alter Gelehrte in Gewölbekammer“ von 1631. Gezeigt werden auch etliche andere Beispiele; von knapp 120 gezeigten Werken stammen 50 von Weggefährten, etwa dem Freund und Konkurrenten Jan Lievens, und seinen Schülern wie Gerrit Dou oder Aert van Gelder. Das ist ein großer Vorzug dieser Ausstellung: Sie bettet Rembrandts Schaffen in den zeitgenössischen Kontext ein und macht damit deutlich, inwieweit es ihm verpflichtet blieb – und wie sehr es die übrige Kunstproduktion überragte.

 

Lebensgroßes Hauptwerk aus Prag

 

Ein „Gelehrter im Studierzimmer“ ist auch das Motiv des Prunkstücks der Schau: Das lebensgroße Hauptwerk aus der Prager Nationalgalerie wird erst zum zweiten Mal ins Ausland verliehen. Es entstand 1634; im selben Jahr heiratete Rembrandt Saskia von Uylenburgh, die Nichte seines Kunsthändlers in Amsterdam – dorthin war der Maler drei Jahre zuvor umgezogen. In der Metropole etablierte er sich schnell als gefragter Porträtist; 1639 konnte das Paar es sich leisten, ein repräsentatives Haus in der Breestraat zu erwerben.

 

Von Wohlstand zeugt auch der Prager „Gelehrte“: In einen kostbaren Mantel aus Pelz und Samt gehüllt, mit einem reich verzierten Turban auf dem Haupt, widmet er sich schweren Folianten. Dabei wendet er seinen Kopf dem Betrachter zu und fasst sich ans Kinn, als wolle er ihm bedeuten: Bitte nicht stören! Mit einer solchen lebendigen Momentaufnahme eines begüterten Buchliebhabers empfahl sich Rembrandt beim großbürgerlichen Publikum für weitere Aufträge.

 

Jedes zehnte Bild ein Selbstporträt

 

Der Name des Abgebildeten ist übrigens nicht bekannt. Was durchaus typisch ist: Rembrandt beschäftigte markante Typen und Charakterköpfe als Modelle, häufig dieselben wie andere Maler. Das zeigen sehr schön drei Gemälde, die um 1630 entstanden: Rembrandt malte einen „Alten Mann mit hoher Mütze“ und breitem Pelzkragen, Jan Lievens die dunkel verschattete „Büste eines Mannes mit Turban“ und eine prachtvolle „Halbfigur eines Mannes in orientalischem Kostüm“ vor blauem Hintergrund. Die drei Bilder wirken völlig unterschiedlich; erst bei genauem Hinsehen bemerkt man, dass stets dieselbe Person posiert.

 

Am häufigsten posierte aber Rembrandt allein: auf rund 80 Selbstporträts, einem Zehntel seines Gesamtwerks. Diese künstlerische Selbstbespiegelung mit immer neuen Accessoires war bei seiner Klientel sehr beliebt. Im Nachlassverzeichnis werden keine solchen Bildnisse aufgeführt – offenbar hatte der Künstler sie erfolgreich verkauft. Ein Indiz für die immense Wertschätzung, die er bereits zu Lebzeiten genoss.

 

Nur ein Drittel bleibt echte Rembrandts

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Barock – Nur schöner Schein?“mit Werken von Rembrandt in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Kunst und Alchemie“mit Werken von Rembrandt im Museum Kunstpalast, Düsseldorf

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Peter Paul Rubens“ – gelungene Themenschau über den Barock- als politischen Künstler im Von der Heydt-Museum, Wuppertal

 

Ein anderes waren die zahlreichen Schüler, die er ab 1640 unterrichtete. Nicht nur ihre Lehrgelder sorgten für ansehnliche Einnahmen; Rembrandt scheute sich nicht, Gemälde von ihnen zu signieren und als seine eigenen zu verkaufen. Deshalb fällt die posthume Unterscheidung schwer, welche von ihm selbst und welche von Werkstatt-Mitarbeitern angefertigt wurden. 1836 galten knapp 600 Bilder als „echte Rembrandts“, 1923 bereits mehr als 700 Bilder.

 

Dann räumte ab 1968 das „Rembrandt Reseach Project“ gründlich auf: Es ließ nur 265 Gemälde als eigenhändige Werke des Künstlers gelten. Mittlerweile ist diese Zahl durch Neufunde und -zuschreibungen wieder auf 329 angewachsen. Aussortiert wurde auch das „Selbstbildnis mit roter Mütze“ von ca. 1659, das die Staatsgalerie Stuttgart 1961 zum damals beträchtlichen Preis von 3,6 Millionen Mark angekauft hatte: Es gilt nur noch als Werkstatt-Arbeit – war und ist aber ein Publikumsliebling, weil es so ‚rembrandtesk‘ wirkt.

 

Mehr als Klischee-Bilder

 

Dagegen würde man das Bildnis des „Heiligen Bartholomäus“ von 1661, heute im Besitz der Getty Collection in Los Angeles, eher für ein Werk von Max Liebermann oder einem anderen Impressionisten um 1900 halten. So bürgerlich-modern wirkt der nachdenkliche Dargestellte – obwohl das Bild zweifelsfrei von Rembrandt selbst gemalt wurde. Er war eben wesentlich vielseitiger, als das Klischee von dunkel-tonigen Szenen mit Schlaglicht-Effekten vermuten lässt.