Wolfsburg

Ryoji Ikeda: data-verse 1+2

data-verse 2, 2019 commissioned by Audemars Piguet, © Ryoji Ikeda Studio Foto: Marius Maasewerd. Fotoquelle: © Kunstmuseum Wolfsburg

Alles hängt mit Allem zusammen: Der japanische Digitalkünstler Ryoji Ikeda veranschaulicht mit Monumental-Projektionen ähnliche Strukturen in Natur und Menschenwelt. Das Kunstmuseum bietet eine Reise vom Atomkern zur Galaxie in zehn Minuten – ein echter Trip.

Was ist eigentlich aus der Digitalkunst geworden? Vor rund zehn Jahren galten Werke, die im Internet erstellt und präsentiert wurden, als der letzte Schrei: Kaum eine Ausstellung von Gegenwartskunst kam ohne klobige Monitore aus, auf denen die Besucher interaktiv irgendwelche virtuellen Welten erkunden sollten. Was allerdings kaum jemand tat: Die meist komplexen Arbeiten waren für flüchtigen Kunstkonsum ungeeignet und ihre Benutzeroberflächen oft suboptimal – jedes Videospiel sieht wesentlich attraktiver aus.

 

Info

 

Ryoji Ikeda:
data-verse 1 + 2

 

07.12.2019 – 29.03.2020

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr

im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1

 

Weitere Informationen

 

Einer der wenigen Künstler, die diesem Medium unmittelbar ansprechende Ansichten abgewinnen können, ist der 1966 geborene Japaner Ryoji Ikeda. Er arbeitet nach dem Prinzip der freundlichen Überforderung: Gewaltige Datenmengen wissenschaftlicher Einrichtungen wie der NASA, dem CERN und anderer Institutionen setzt er in monumentale Projektionen um, die in rasender Geschwindigkeit ablaufen. Aber dezent: Trotz unzähliger optischer Reize wird der Betrachter nicht mit Signalen bombardiert oder gar terrorisiert – er erlebt sie als faszinierende Konfrontation mit dem Unermesslichen.

 

Energiewellen durchströmen Organismen

 

In früheren Arbeiten, etwa der 2015 im Karlsruher ZKM gezeigten „micro|macro“, visualisierte Ikeda beispielsweise die unsichtbaren Energiewellen, die allzeit jeden Organismus durchströmen. Für die Trilogie „data-verse“, deren erster Teil auf der Biennale in Venedig vorgestellt wurde, verfolgt er einen denkbar umfassenden Ansatz: die Ähnlichkeiten universeller Strukturen deutlich zu machen, von der subatomaren Ebene bis zum Aufbau ganzer Galaxien.

Feature von der Biennale in Venedig. © MM Artlike


 

Live-Illusion durch Radar-Lichtbänder

 

In der zentralen Ausstellungshalle des Kunstmuseums Wolfsburg sind Teil 1 und 2 von „data-verse“ zu sehen: als wandfüllende Projektionen im rechten Winkel. Beide Teile folgen derselben Logik, aber mit verschiedenen Bildsequenzen. Sie beginnen mit dem Teilchenzoo, aus dem sich Atomkerne zusammensetzen: Auf dunkler Leinwand erscheinen, dem Urknall gleich, unzählige Lichtpunkte, die mit Vektorenlinien oder Strichcodes verbunden sind. Bald wechselt die Projektion zu Molekül-Modellen, die versierte Chemiker leicht benennen könnten.

 

Ein cleverer Kunstgriff von Ikeda ist, schmale Lichtbänder zu verwenden, die über die Fläche wandern und hinter sich das Bild erzeugen – ähnlich einem Radargerät. Dadurch vermittelt er dem Zuschauer die Illusion, er sei bei der Entstehung dieser Momentaufnahmen live dabei; obwohl es sich nur um aufwändig erstellte Computergrafiken handelt, die angezeigt und sparsam mit technoiden Klängen unterlegt werden.

 

Wechselkurse + Mondkrater

 

Aus der Mikro- schreitet die rund zehnminütige Projektion rasch in die Menschenwelt fort. Lichtlinien zeichnen Infrastruktur-Leitungen und Verkehrsflüsse in Weltstädten nach; Globetrotter und Kosmopoliten mögen die Stadtpläne von London, Paris, New York und anderer Metropolen erkennen. Sie sind heutzutage durch mehr Flugverbindungen verknüpft als je zuvor; die erscheinen auf der Erdoberfläche als Strahlenbündel, die wie Fontänen in alle Himmelsrichtungen auseinanderjagen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Globale: Ryoji Ikeda: micro|macro“ – faszinierende Immersions-Projektion im ZKM, Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Micro Era – Medienkunst aus China“ – Überblicksschau im Kulturforum, Berlin

 

und hier einen Beitrag über das Digitalkunst-Festival „Transmediale 2015 – Capture All“ im Haus der Kulturen der Welt, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Logical Emotion – Zeitgenössische Kunst aus Japan“ mit Werken von 13 Künstlern im Kunstmuseum Moritzburg, Halle/ Saale.

 

Ikeda stellt aber auch Immaterielles dar: etwa Wechselkurse der wichtigsten Währungen, die heutzutage vom elektronischen Börsenhandel in Millisekunden stets neu berechnet werden. Außerirdische Ruhe herrscht dagegen auf der Mondoberfläche, die ebenfalls ins Bild kommt: Jedem dortigen Krater haben menschlicher Entdeckergeist und Klassifizierungswut einen Namen gegeben. Das wirkt aus der Vogelschau eines Satelliten fast so unübersichtlich wie Finanzstatistiken im turbokapitalistischen Zeitalter.

 

Solar-Chaos in Realfarben

 

Beim Sprung zur Sonne riskiert Ikeda einen ästhetischen Bruch: Aufnahmen ihrer Protuberanzen wurden nicht in Digitaldaten umgewandelt, sondern zeigen chaotische Umwandlungsprozesse bei extrem heißen Temperaturen in quasi realen Farben. Der Endpunkt dieser visuellen Achterbahnfahrt fällt dann wieder astronomisch kühl aus: Ansichten der Milchstraße ähneln mit ihrer Verteilung kleinster Lichtpunkte dem subatomaren Anfang von „data-verse“.

 

Dabei beabsichtigt der Künstler kein Ratespiel; man muss und soll nicht jede Struktur erkennen, die am Auge vorbeizieht. Es geht ihm offensichtlich darum, ihre Analogien zu veranschaulichen: Naturgesetze gelten auf allen Ebenen und formen sie daher – die vom Menschen geschaffenen, vom Straßennetz bis zum Börsenzettel, bilden keine Ausnahme. Alles hängt mit Allem zusammen; das ist keine neue Einsicht. Doch sie wurde vielleicht noch nie so überwältigend veranschaulicht wie von Ryoji Ikeda.