Karlsruhe

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Das "Bauhaus-Tee-Ei" wird vorgeführt - Szenenbild aus: Richard Paulick: »Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?«, Teil 4: Neues Wohnen, 1926/1928; Fotoquelle: ohe

Traumfabrik Bauhaus: Viele Lehrer und Schüler der Modernismus-Schmiede versuchten sich im neuen Medium Film. Einen Querschnitt ihres Schaffens präsentiert das ZKM – von amateurhaften Fingerübungen bis zu Meilensteinen der Kinogeschichte.

Zuspätkommen kann vorteilhaft sein. Im vergangenen Jahr, zum 100. Jahrestag der Bauhaus-Gründung, wäre diese Ausstellung vielleicht in der Flut der Jubiläumsveranstaltungen untergegangen. Nun hat sie die Chance, die Aufmerksamkeit der unzähligen Bauhaus-Fans auf sich zu ziehen, was wohl verdient wäre: Diese Schau beleuchtet einen Aspekt der Hochschulaktivitäten, der ansonsten meist unterbelichtet bleibt – die Filmproduktion.

 

Info

 

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08.02.2020 – 23.08.2020

täglich außer montags + dienstags

10 bis 18 Uhr,

am Wochenende ab 11 Uhr

im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien, Lorenzstraße 19, Karlsruhe

 

Weitere Informationen

 

Angesichts des revolutionären Anspruchs der Bauhäusler, das moderne Leben von Grund auf neu zu gestalten, musste auf sie das neue Medium Film geradezu magisch anziehend wirken. Allen voran auf Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy: Für den Propagandisten des permanenten Experiments war ein Medium ideal, bei dem er als Regisseur sämtliche Parameter selbst bestimmen konnte. Daher werden im ZKM seine drei eigenwilligsten Regiearbeiten – „Der alte Hafen von Marseille“ (1929), „Berliner Stilleben“ (1931) und „Großstadtzigeuner“ (1932) – nebeneinander gezeigt.

 

Extrem erweiterter Bauhaus-Begriff

 

Doch die meisten der knapp 30 präsentierten Filme, die mehrheitlich auf große Leinwände projiziert werden, stammen von Bauhaus-Schülern oder aus ihrem Umfeld – die Kuratoren pflegen einen extrem erweiterten Bauhaus-Begriff. So wird der Allround-Avantgardist Hans Richter offenbar deshalb eingemeindet, weil er eine kurze Ehe mit der Bauhaus-Schülerin Meta Erna Niemeyer geführt hatte; sie heiratete 1937 den surrealistischen Dichter Philippe Soupault und wurde als Fotokünstlerin unter dem Namen Ré Soupault bekannt.

Impressionen der Ausstellung


 

Der Schwerkraft Hohn spotten

 

Macht nichts: Richters Meisterwerke „Vormittagsspuk“ (1928) und „Alles dreht sich, Alles bewegt sich“ (1929), die er gemeinsam mit Werner Graeff realisierte, zählen zu den originellsten Experimental-Filmen der Weimarer Republik. Im „Vormittagsspuk“ setzte Richter eine Fülle von Filmtricks ein: An Drähten gezogene Hüte fliegen wie von Geisterhand bewegt über die Leinwand; Schauspieler, die hinter eine Laterne treten, lösen sich in Luft auf. Dagegen versetzt „Alles dreht sich…“ die Illusions-Welt einer Kirmes in chaotische Wirbel: Durch raffinierten Schnitt und Montage spotten Menschen und Dinge der Schwerkraft Hohn.

 

Solche Meilensteine des Kinos, die noch heute beeindrucken, sind auch im Korpus der Bauhaus-Werke selten. Doch zurecht versammelt die Schau am Anfang abstrakte Filme, die seinerzeit dem Kino neue Perspektiven eröffnet haben. Wie die „Diagonal-Symphonie“ (1924), die der Schwede Helmuth Viking Eggeling gemeinsam mit Meta Erna Niemeyer schuf: Gezeichnete geometrische Figuren wurden mit schwarzem Papier abgedeckt und Einstellung für Einstellung freigelegt. Eine Pioniertat, die künftige Konstruktivisten stark beeinflusste; laut Kuratoren ist sie in der Schau erstmals im richtigen Tempo zu sehen.

 

Werbefilm über Gropius‘ Meisterhaus

 

Ähnlich einflussreich war der am Bauhaus ausgebildete Naturfotograf Alfred Ehrhardt: Mit Nahaufnahmen von Pflanzen und geologischen Formationen machte er deren Binnenstrukturen bildwürdig. Später dokumentierte er in Filmen wie „Spiel der Spiralen. Von der Architektur der Meeresschnecke“ (1951) oder „Korallen, Skulpturen der Meere“ (1964), unterlegt mit suggestiver Musik von Bach oder dem Synthesizer-Pionier Oskar Sala, solche Lebewesen als eindrucksvolle Quasi-Kunstwerke der Natur.

 

Dagegen sind Architektur- und Lebensreformfilme, mit denen das Bauhaus seine Lehre und Produkte bewarb, heute vor allem als Zeitdokumente interessant. Als Assistent von Bauhaus-Chef Walter Gropius drehte der Architekt Richard Paulick 1926/8 den Werbefilm „Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?“ über das so genannte Meisterhaus von Gropius: Fürs Neue Wohnen wird so viel wie möglich elektrifiziert und automatisiert, damit die Neue Frau auf ihrer Chaiselongue in Bildbänden blättern kann. Derweil erledigen Dienstmädchen und mechanische Helfer die Hausarbeit.

 

Politisch + sozial engagiert

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Bau1haus – Die Moderne in der Welt“ – facettenreiche Fotoschau zu Modernismus-Architektur von Jean Molitor in Berlin, Chemnitz + München

 

und hier eine Besprechung des Films „Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus“ – originell aktualisierende Dokumentation von Niels Bolbrinker + Thomas Tielsch

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Hans Richter – Begegnungen: Von Dada bis heute“ – große Retrospektive des Multimediakunst-Pioniers im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Das Bauhaus – Alles ist Design“ zur Wirkungsgeschichte des Bauhauses in der Bundeskunsthalle, Bonn

 

Viele Bauhäusler waren am Ende der Weimarer Republik linkspolitisch engagiert. Wie Peter Pewas, der am Bauhaus gelernt hatte: Seine Studie „Alexanderplatz überrumpelt“ (1932/4) brachte dem Grafiker zwar eine kurze Gestapo-Haft ein, wurde aber dadurch nicht besser. Diese Fingerübung voller Anfänger-Fehler taugt nur als historisches Zeugnis. Dennoch wurde Pewas später einer der wenigen Bauhäusler, die vom Filmen leben konnten.

 

Hingegen gab Ella Bergmann-Michel das Filmemachen auf, nachdem ihre kritische Arbeit „Wahlkampf 1932 (Letzte Wahl)“ ihr Ärger mit den NS-Siegern eingehandelt hatte. Zuvor hatte sie in nur zwei Jahren vier Dokumentarfilme über soziale Fragen gedreht. „Wo wohnen alte Leute“ und „Fliegende Händler in Frankfurt am Main“ sind formal schlicht gehalten, aber inhaltlich aufschlussreich – das mag erklären, warum Bergmann-Michel hier vertreten ist, denn mit dem Bauhaus hatte sie höchstens um zwei Ecken zu tun.

 

Weltweite Ausbreitung

 

Dass diese Ausstellung diverse Filmschaffende der Zwischenkriegszeit aus der zweiten und dritten Reihe berücksichtigt, führt stichprobenartig vor, wie sich modernistische Prinzipien weltweit ausbreiteten. Etwa nach Argentinien, wo Horacio Coppola 1936 „Die Geburt des Obelisken“ zum 400. Stadtjubiläum von Buenos Aires mit den Stilmitteln des Neuen Sehens festhielt.

 

Oder nach Palästina: Dorthin emigrierte die Jüdin Ellen Rosenberg 1933 mit ihrem künftigen Mann Walter Auerbach, worüber sie „Die große Reise“ drehte, und wenig später das Stadtporträt „Tel Aviv“. Beide Werke sind entschieden amateurhaft – aber thematisch sehr reizvoll.