Berlin

Neue Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin

Willkommenspunkt am Anfang der Ausstellung. Fotoquelle: Stiftung Jüdisches Museum Berlin, Schloss Rheydt bei Mönchengladbach, am 18. März 1945. Foto: ullstein bild - LEONE. Fotoquelle: Stiftung JMB

Fünf Jahre Vorbereitungszeit, mehr als 1000 Exponate: Die neue Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin ist eine Schau der Superlative. Als gelungene Gratwanderung zwischen Information und sinnlicher Anschauung – nur das Ende franst aus.

„Ich liebe Jüdischsein, aber die Reaktionen sind anstrengend“, lautet das erste Zitat im Faltblatt zur neuen Dauerausstellung. Davon kann das Jüdische Museum Berlin (JMB) ein Lied singen. Gegen seine vorletzte Sonderausstellung „Welcome to Jerusalem“ beschwerte sich Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu persönlich: Er beklagte im Dezember 2018 gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel, die jüdische Sicht komme nicht ausreichend zur Geltung, und forderte, dem JMB die Finanzierung zu streichen.

 

Info

 

Neue Dauerausstellung des JMB

 

ab 23.08.2020

täglich 10 bis 19 Uhr

im Jüdischen Museum, Lindenstr. 9-14, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Während der letzten Sonderausstellung „This Place“ – einer Fotoschau über Israel und Palästina – schlug ein missverständlicher Retweet der JMB-Pressestelle im Juni 2019 hohe Wellen. Ihn deutete der Präsident des „Zentralrats der Juden in Deutschland“, Josef Schuster, als Zustimmung zu Boykottaufrufen gegen Israel, wogegen er heftig protestierte. Daraufhin warf JMB-Direktor Paul Schäfer entnervt das Handtuch. Seit April amtiert seine Nachfolgerin Hetty Berg, die zuvor am Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam tätig war; sie will das Haus in ruhigere Fahrwasser lenken.

 

Elf Millionen Besucher in 16 Jahren

 

Angesichts solcher Turbulenzen verwundert nicht, dass das JMB seine neue Dauerausstellung seit 2015 vorbereitet und sich für Umbau und Neueinrichtung zweieinhalb Jahre Zeit gelassen hat. Das Museum ist eines der meistbesuchten in der Bundesrepublik; jeder seiner Schritte wird aufmerksam bis argwöhnisch beobachtet. Doch der lange Vorlauf hat sich gelohnt: Die neue Dauerausstellung ist derart ausgewogen und facettenreich gestaltet, dass sie mindestens ebenso lang Bestand haben dürfte wie die Vorgängerschau – die zog in 16 Jahren Laufzeit rund elf Millionen Besucher an.

Interview mit Projektleiter Michael Dorrmann + Impressionen der neuen Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin, Teil 1: Grundlagen bis Frühe Neuzeit


 

Multimedialer Schwerpunkt

 

Obwohl sie an vielen Stellen improvisiert war: Das 2001 eröffnete JMB besaß anfangs kaum Original-Artefakte; es behalf sich mit etlichen Reproduktionen. Das hat sich geändert: Von den mehr als 1000 Exponaten in der neuen Ausstellung sind etwa 90 Prozent Originale. Nun stammen rund 700 Stücke aus der hauseigenen Sammlung – dank zahlreicher Zukäufe und Spenden aus aller Welt in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

 

Wobei die Kuratoren wirklich alles tun, um den Eindruck einer monotonen Materialschlacht zu vermeiden: Der Parcours ist extrem abwechslungsreich gestaltet, chronologische Passagen und Themenkabinette wechseln einander ab. Historische Zeugnisse werden nur punktuell eingesetzt und ausführlich kommentiert. Der Schwerpunkt liegt dagegen auf multimedialer Aufbereitung aller Art: animierte Diaschauen, Hörstationen, Filmschnipsel, Virtual-Reality-Brillen, interaktive Spiele und derlei mehr.

 

Paukenschlag zum Auftakt

 

Damit setzt das JMB wagemutig auf wartungsintensive Präsentationsformen – der letzte Digital-Schrei von heute kann morgen schon veraltet wirken; wenig frustriert Besucher mehr als schwarze Bildschirme und stumme Lautsprecher. Allerdings wird das Museum durch sein Thema auch dazu genötigt: Das Judentum ist eine auf Schrift fixierte Religion mit weit reichendem Bilderverbot. Zudem sind aus der ersten Phase jüdischer Siedlungen in Deutschland vom Mittelalter bis zur Frühneuzeit kaum materielle Relikte erhalten geblieben.

 

Den Auftakt bildet ein Paukenschlag im Wortsinne: Im Untergeschoss füllt die Mehrkanal-Videoinstallation „Drummerrsss“ des israelischen Künstlers Gilad Ratman drei Projektionsflächen. Auf einer Rundbühne schwebt eine Schlagzeugerin über einer Einöde; unter ihr bearbeitet ein Kollege sein Schlagzeug in einer Art Brunnenschacht. Auch wenn der Bezug zum Thema mysteriös bleibt: Ihre krachenden Trommelsoli beleben die düsteren Gänge der Kelleretage, in denen bislang die lastende Stille einer Gruft herrschte.

Interview mit Projektleiter Michael Dorrmann + Impressionen der neuen Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin, Teil 2: Aufklärung bis Gegenwart


 

Geschichte mustergültig nachgezeichnet

 

Umso heller und freundlicher beginnt der Rundgang im zweiten Obergeschoss. Ein Baum für Wünsche auf Zetteln mag sich ebenso an Kinder richten wie ein bonbonbuntes, ansonsten leeres Kabinett zum Schabbat: Immersions-Wohlfühlerlebnisse ohne kognitiven Mehrwert liegen derzeit im Trend. Auch bei den Klang-Kojen mit jüdischen Gesängen und Musikstilen würde man sich mehr Erläuterungen wünschen, was genau zu hören ist und in welchem Kontext es erklingt. Manche Aspekte des Judentums lassen sich eben kaum durch Objekte visualisieren: Die tonnenschwere Skulptur des Künstlers Anselm Kiefer zur Kabbala wirkt so hermetisch wie diese mystische Geheimlehre selbst.

 

Dagegen wird die Geschichte der Juden in Deutschland mustergültig nachgezeichnet: Jedes Exponat steht für ein bestimmtes Phänomen, der Zusammenhang wird leicht fasslich erklärt. Zuweilen überprägnant: Da soll eine wandgroße Installation veranschaulichen, wie unterschiedlich der Rechtsstatus von Juden in verschiedenen Reichsterritorien war. An anderer Stelle überzeugt die Verdichtung: etwa auf wenigen Metern der Verlauf ihrer Emanzipation im 19. Jahrhundert, während gleichzeitig militanter Antisemitismus aufkam – personifiziert am Beispiel von Richard Wagner, dessen ambivalentes Schaffen der Dirigent Daniel Barenboim und der Opern-Intendant Barrie Kosky im Videoclip kommentieren.

 

Koschere Gummibärchen mit Fischzutaten

 

Die Gratwanderung zwischen sachlichen Informationen, sinnlicher Anschauung und verspielten Mitmach-Aktionen ist meist gelungen. Ihr steter Wechsel beugt Ermüdung vor, gern mit kühnen Überraschungen: Im Treppenhaus hängen Dutzende Comic-Zeichnungen von jüdischen Prominenten als „Hall of Fame“ an der Wand, darunter steht ein Verkaufsautomat für „Koschere Gummibärchen“ – die werden mit aus Fischen gewonnener Gelatine hergestellt, wie zuvor im Abschnitt über jüdische Speisevorschriften zu erfahren war.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „This Place“ – Skandal-Foto-Schau über Israel und Palästina im Jüdischen Museum

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ – facettenreiches Porträt der umstrittensten Stadt der Welt im Jüdischen Museum, Berlin

 

und hier einen Bericht über den Film „Moritz Daniel Oppenheim – Der erste jüdische Maler“ – Künstler-Doku von Isabel Gathof

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Jahrhundertzeichen – Tel Aviv Museum of Art visits Berlin“ mit zeitgenössischer Kunst aus Israel im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

 

Betont nüchtern und karg ist dagegen der Bereich zur „Katastrophe“ in der NS-Zeit gestaltet. Auf eng gehängte Stoffbahnen wurden mehr als 960 antijüdische Verordnungen gedruckt – ein beeindruckender Anblick, doch wer liest sie? Aussagekräftiger ist eher das unscheinbare Exponat eines Reklametuchs für einen jüdischen Fabrikanten von Berufskleidung; nach der „Arisierung“ des Unternehmens 1938 warb der neue Eigentümer mit dem gleichen, nur leicht veränderten Tuch. Die ehemaligen Besitzer wurden 1942 ermordet. Fakten über den Holocaust werden in metallisch spiegelnden Gängen vermittelt, die sich verengen.

 

Erschöpfter Ausklang

 

Am Ende franst die Schau etwas aus; als seien den Machern die Ideen ausgegangen, wie sie die Aufmerksamkeit der Besucher noch fesseln könnten. Wände voller Zitate aus der Nachkriegszeit und Reproduktionen von Aktendeckeln erscheinen staubtrocken, Objekte wie Wasserflaschen, Flamenco-Kleider und Nadelkissen recht beliebig.

 

Eine äußerst aufwändige Wandkonstruktion mit Judaica als Blickfang bietet ebenso wenig Erkenntniswert wie ein Lounge-Raum mit „Spiegel“-Titelbildern und TV-Monitoren zum komplexen deutsch-israelischen Verhältnis. Doch das macht nichts: Die Geschichte der Juden in Deutschland stellt die Schau sehr anschaulich dar – zur Gegenwart sprudeln andere Quellen.