Hannover

El Lissitzky und eine Rolle Plakate

Anton Lavinskj: Bronenosets Potemkin 1905, Filmplakat zu Sergej M. Ejzenstejns "Panzerkreuzer Potemkin". Foto: Herling/Herling Werner, Sprengel Museum Hannover

Konstruktivistischer Kunst-Krimi: Das Sprengel Museum zeigt eine Kollektion von Filmplakaten aus der frühen Sowjetunion, die auf mysteriösem Weg in seinen Besitz kamen. Darunter sind etliche Entwürfe berühmter Grafiker – eindrucksvoll, aber karg präsentiert.

Sage keiner, heutzutage seien keine überraschenden Kunst-Entdeckungen mehr möglich! Allerdings findet man ungeahnte Schätze kaum noch auf Dachböden oder Flohmärkten, sondern eher in Depots staatlicher Museen. Im Laufe der Zeit sammeln sich dort Berge von Ankäufen, Schenkungen und anderen Werkgruppen an. Da deutsche Museen dem Dogma folgen, keine ihrer Erwerbungen je wieder zu veräußern, horten sie allerlei Objekte, deren Bedeutung und Wert oft erst nach Jahrzehnten offenbar wird.

 

Info

 

El Lissitzky und eine Rolle Plakate

 

12.08.2020 – 15.11.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

dienstags bis 20 Uhr

im Sprengel Museum,
Kurt-Schwitters-Platz, Hannover

 

Katalog 12 €

 

Weitere Informationen

 

Wie in diesem Fall: 1982 landete im Sprengel Museum ein Konvolut aus 37 großformatigen, eng aufgerollten Blättern. Weil sie kyrillisch beschriftet und teils in schlechtem Erhaltungszustand waren, kümmerte sich niemand so recht darum; sie landeten in der Ablage. Erst 30 Jahre später wurden sie wieder hervorgeholt, genauer unter die Lupe genommen, und siehe da – es handelt sich um eine kleine Kollektion konstruktivistischer Grafiken aus der frühen Sowjetunion, vorwiegend von Filmplakaten.

 

Riesiges Kino-Auge

 

Nach ihrer Restaurierung werden sie nun erstmals ausgestellt: Mit leuchtenden Farben und kühner Gestaltung beeindrucken die 27 Entwürfe noch heute. Etwa das Plakat, das Alexander Rodtschenko – vor allem als Fotograf berühmt – 1924 für den nicht minder bekannten Experimental-Dokumentarfilm „Filmauge“ („Kino-Glas“) von Dsiga Wertow schuf: oben ein riesiges Auge im Oval, darunter der Titel, zwei Kameras und spiegelsymmetrische Jungen-Gesichter, die aufwärts spähen. Dieses einprägsame Motiv wird noch heute in jeder besseren Geschichte des Kinos nachgedruckt.

Impressionen der Ausstellung + aus dem Nachbau von El Lissitzkys "Kabinett der Abstrakten“ (1927) im Sprengel Museum


 

Fotomontagen als Markenzeichen

 

Genauso ins Auge springt das Plakat zu Sergej Eisensteins Meisterwerk „Panzerkreuzer Potemkin“ von 1925, entworfen von Anton Lavinskij. Das Schlachtschiff ragt frontal vor dem Betrachter auf; zwischen seine gespreizten Kanonenrohre ist das Antlitz eines Matrosen montiert, der offenbar dazu aufruft, den Film anzusehen. Fotomontagen waren ein Markenzeichen der konstruktivistischen Grafiker: echte oder vermeintliche, bei der die Aufnahme lithographisch nachgezeichnet wurde, weil sich große Fotos mit damaliger Drucktechnik schlecht reproduzieren ließen.

 

Ein originelles Montage-Beispiel bietet das Plakat von Nikolaj Prusakow und Grigorij Borisow zum Streifen „Gefährlicher Stoß“ („Chas Puš“, 1925) des armenischen Regisseurs Hamo Beknasaryan: Das Duo setzte einen Radler und die Felgen seines Fahrrads komplett aus Film-Standbildern zusammen. Auf dem mehrteiligen Werbeplakat für Eisensteins opus magnum „Oktober“ („Oktjabr“, 1927) füllen gar fotorealistisch abgebildete Revolutionäre die Räume zwischen den monumentalen Titel-Buchstaben aus. Das Museum besitzt nur Teile dieser und anderer Blow-up-Reklametafeln, dokumentiert aber die gesamten Werke vorbildlich mit kleinen Reproduktionen.

 

Angaben widersprechen dem Augenschein

 

An anderer Stelle würde man sich eine sorgfältiger aufbereitete Präsentation wünschen. Offenbar interessiert sich die Kuratorin mehr für die Ästhetik der Entwürfe und ihre Schöpfer als für die Filme, die sie bewarben: Mehr als Titel, Jahr und Regisseur erfährt man nicht. Was verwirrt, wenn diese Angaben dem Augenschein widersprechen. Etwa beim ersten sowjetischen Science-Fiction-Film „Aelita“ von 1924, der stilbildend wirkte: Auf dem mitreißend dynamischen Plakat wird eine menschliche Kanonenkugel scheinbar in die Sonne geschossen. Darüber steht auf Russisch „Reise zum Mars“, während der Titel – der Name einer Mars-Königin – fehlt; „Der Flug zum Mars“ lautete der Untertitel der deutschen Fassung.

 

Ähnlich beim wagemutig arrangierten Plakat zum Film des italienischen Kino-Routiniers Nunzio Malasomma – die Sowjetunion importierte viele Unterhaltungsfilme aus den USA, Deutschland oder Italien, um mit den Einnahmen die eigene Kinobranche zu subventionieren. Oben spritzt ein maskierter Bösewicht eine Flüssigkeit in einen Schacht; unten steht, perspektivisch verkürzt, ein verdutzter Hutträger. „Jagd auf Menschen“ titelte 1926 der deutsche Verleih; auf dem Plakat prangt aber auf Russisch „Welcher von beiden“ („Kotoruj is dvuch“). Da wüsste man gern, worum es hier eigentlich geht. Kurze Inhaltsangaben wären sehr hilfreich – insbesondere bei Produktionen wie „Das Gesetz der Berge“ („Zakon Gor“, 1927/8) und „Die Leprakranke“ („Prokažennaja“, 1928), die an exotischen Schauplätzen wie Georgien und Usbekistan entstanden.

 

2500 Plakatentwürfe in vier Jahren

 

Gestaltet hatten das „Jagd auf Menschen“-Motiv die Gebrüder Georgij und Wladimir Sternberg, mit rund 300 Entwürfen die ungekrönten Könige der frühsowjetischen Plakatkunst – von ihnen stammt fast ein Drittel der Exponate in dieser Schau. Insgesamt sollen im 1924 gegründeten „Reklamfilm“-Plakatverlag in den wenigen Jahren bis 1928, als Stalin den Kreativen erst den Strom ab- und später den Hals umdrehte, mehr als 2500 Plakatvorlagen entstanden sein; sie wurden in Auflagen von 3000 bis 20.000 Stück gedruckt. Doch solche Werbemittel waren leicht verderblich und sind heute sehr selten.

 

Wie mag diese bunte Mischung nach Hannover gekommen sein? Sachdienliche Hinweise liefern die übrigen Blätter: Neben Kuriosem wie einem Bastelbogen für einen Muster-Bauernhof finden sich Entwürfe von El Lissitzky (1890-1941) für den sowjetischen Pavillon auf der „Internationalen Presse-Ausstellung“ 1928 in Köln samt weiteren Unterlagen, etwa seiner Dauerkarte und dem von ihm gestalteten Katalog mit 18-seitigem Leporello.

 

Sowjetisch-deutscher Pendler

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Russische Avantgarde-Kunst“ + „Rodtschenko – Fotografien“ im Museum dkw, Cottbus, sowie „SchriftBild – Russische Avantgarde“ im Deutschen Buch- und Schriftmuseum, Leipzig

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Kasimir Malewitsch und die russische Avantgarde“ über Kubofuturismus + Suprematismus in der Bundeskunsthalle, Bonn

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Schwestern der Revolution“ über die Künstlerinnen der russischen Avantgarde im Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Baumeister der Revolution“ zur sowjetischen Avantgarde-Kunst und Architektur 1915 – 1935 im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Der federführende Vordenker des Konstruktivismus, der von 1909 bis 1914 in Darmstadt studiert hatte und in den 1920er Jahren zwischen der Sowjetunion und Deutschland pendelte, war Hannover auf mehrfache Weise verbunden. Hier lernte er 1922 seine künftige Frau Sophie Küppers kennen; beide heirateten 1927.

 

Ein Jahr zuvor hatte Alexander Dorner, Leiter der Kunstabteilung im Hannoveraner Provinzial-Museum, bei El Lissitzky Entwürfe zu einem Schauraum für abstrakte Werke bestellt – nach dem Vorbild des „Demonstrationsraums für konstruktive Kunst“, den er zur „Internationalen Kunstausstellung“ 1926 in Dresden beigesteuert hatte.

 

Architekt als Mittelsmann

 

1927 wurde Lissitzkys „Kabinett der Abstrakten“ im Provinzial-Museum eröffnet. Eine detailgetreue Rekonstruktion ist seit 2017 im Sprengel Museum zu besichtigen: Mit schwarz-weiß changierenden Lamellenwänden und Kassetten für Kunstwerke, die Besucher selbst anordnen können, wirkt der Raum zeitlos avantgardistisch. Doch welche Spur führt von hier zur Kölner Presse-Schau 1928?

 

Offenbar fungierte als Mittelmann der Berliner Architekt Hugo Häring, der mit den Lissitzkys befreundet war. Ihn hatte Sophie Lissitzky-Küppers 1929 kontaktiert, um einen Vortragsabend für Dsiga Wertow in Berlin zu organisieren. In seinem Antwortbrief bemerkte Häring: „Die Rolle Plakate werde ich ihren Angaben gemäss nach Hannover schicken.“ Dort trug Dorner eine „Sammlung vorbildlicher Plakate“ zusammen, die jedoch im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört wurde. Die 37 Blätter der Lissitzkys sind vermutlich die einzigen, die übrig blieben.