Paderborn

Peter Paul Rubens und der Barock im Norden

Peter Paul Rubens: Beweinung Christi, um 1612, Vaduz-Vienna, Liechtenstein, The Princely Collections © Liechtenstein, The Princely Collections, Vaduz-Vienna. Fotoquelle: © Diözesanmuseum Paderborn

Von Paderborn nach Antwerpen und zurück: Das Diözesanmuseum zeigt anschaulich, wie Rubens als Bilderfabrikant und -exporteur auch die Kunstproduktion etwa in Westfalen prägte – wobei die eindrucksvollsten Exponate keine Gemälde, sondern Skulpturen sind.

Global denken, lokal ausstellen: Das Erzbischöfliche Diözesanmuseum in Paderborn beherrscht die Kunst, den eigenen Standort mit bedeutenden Kulturmetropolen zu verschränken. Ausgehend vom Dombau nebenan schlägt die Ausstellung einen weiten Bogen über den flämischen Barock mit seiner Zentralgestalt Rubens, um schließlich wieder auf heimisches Territorium zurückzukommen. So wird deutlich, wie die Kunstproduktion in Antwerpen, damals eine der reichsten Städte Europas, auf eine periphere Region wie Ostwestfalen ausstrahlte.

 

Info

 

Peter Paul Rubens
und der Barock im Norden

 

25.07.2020 – 25.10.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

im Erzbischöflichen Diözesanmuseum, Markt 17, Paderborn

 

Katalog 39,50 €

 

Weitere Informationen

 

Am Anfang stehen Trümmer: Die barocke Innenausstattung des Paderborner Doms wurde 1945 durch Bomben zerstört. Doch Fragmente des Hochaltarbilds wurden 1983 wieder entdeckt und mühsam restauriert: Zum Auftakt der Schau ist der monumentale Flickenteppich einer „Anbetung der Hirten“ erstmals wieder zu bewundern. Ein Werk des Malers Antonius Willemssens; er war 1655 mit seinem Bruder, dem Bildhauer Ludovicus, aus Antwerpen nach Paderborn gekommen, um im Auftrag des Fürstbischofs den Chorraum im Barockstil neu auszustatten.

 

„Kunst ist gerne beim Reichtum“

 

Über die Brüder Willemssens ist ansonsten wenig bekannt, doch sie bilden das Bindeglied zu Antwerpen. Der flämischen Kunstmetropole wendet sich die in sieben Abschnitte unterteilte Ausstellung flugs zu. Als zweites Florenz und „Mutter der Künstler“ pries sie der Maler Karel van Mander 1604 in seinem „Schilder-Boek“, der ersten kunsttheoretischen Schrift nördlich der Alpen: „Die berühmte, herrliche Stadt Antwerpen, die durch ihre Kaufleute wohlhabend geworden ist, hat von überall her die bedeutendsten Vertreter unserer Künste angelockt, die sich in großer Zahl auch deswegen dorthin begeben haben, weil die Kunst gerne beim Reichtum ist.“ Daran hat sich nichts geändert.

Impressionen der Ausstellung


 

Messerstecher springt Betrachter an

 

Beides verband Peter Paul Rubens (1577-1640) wie kein zweiter. Nach siebenjährigen Studienreisen durch Italien und Spanien ließ er sich 1608 wieder in Antwerpen nieder; dort etablierte er sich in kürzester Zeit als europaweit gefragter Kunstunternehmer. Er belieferte Monarchen, Fürsten und Klerus mit Malerei, häufig umfangreichen Reihen – sein Gesamtwerk beläuft sich auf rund 1500 Bilder. Diese unfassbare Produktivität war nur möglich, weil in seinem Atelierbetrieb bis zu 100 Schüler und Gehilfen arbeiteten. Sie führten aus, was Rubens skizzierte; zum Abschluss setzte er malerische Akzente.

 

Auf die 1615-1621 errichtete Jesuitenkirche in Antwerpen geht die Ausstellung fast ebenso ausführlich ein wie auf den Dom, weil Rubens an ihrer Ausstattung maßgeblich beteiligt war. Vor allem mit 39 Deckengemälden für die Seitenschiffe und Emporen: Sie wurden zwar 1718 durch einen Brand zerstört, doch die Entwurfs-Ölskizzen des Meisters sind erhalten. Vier davon sind hier zu sehen: mit radikaler perspektivischer Verkürzung auf starke Untersicht angelegt, zeigen sie anschaulich, wie virtuos Rubens dramatische Höhepunkte aus allen Blickwinkel zu schildern vermochte. Beim „Martyrium der hl. Lucia“ scheint der Scherge, der die Heilige brutal in den Hals sticht, mit einem Bein fast den Betrachter anzuspringen.

 

Kein Platz für Großformate

 

Solche effektvollen Schilderungen extremer Affekte waren ganz im Sinne der Gegenreformation, um die katholische Lehre den Gläubigen emotional nahe zu bringen – am besten in aufwühlenden Großformaten, für deren Serienfertigung Rubens berühmt-berüchtigt ist. Allerdings lassen sie sich im Diözesanmuseum kaum unterbringen: Der nach Plänen des Sakralarchitektur-Spezialisten Gottfried Böhm errichtete Bau von 1975 bietet mit seinen schmalen Emporen und Galerien, die sich nach oben schrauben, keinen Platz für großflächige Exponate. Gobelins oder Projektions-Leinwände müssen schlecht einsehbar quasi an der Decke aufgehängt werden.

 

Ein überlebensgroßes Gemälde wird dem Besucher aber doch gegönnt: Die „Beweinung Christi“ (um 1612) führt Rubens‘ Talent für ergreifende Kompositionen anschaulich vor. Der in fahles Licht getauchte Leichnam des Erlösers ist leicht angehoben; während Maria seine Augenlider schließt, drängen sich um ihn Trauernde – wer fühlte da nicht mit? Von solchen Motiven inspirierte Variationen seiner Nachfolger breitet die Schau wenige Meter weiter aus: etwa die drastische Szene „Judith enthauptet Holofernes“, bei der ihr Messer mitten in seiner Kehle steckt, oder ein „Martyrium des hl. Holofernes“, beide in den südlichen Niederlanden nach 1650 geschaffen.

 

Unübertrefflich lebensnahe Figuren

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Rubens – Kraft der Verwandlung“ – interessante Panoramaschau seiner Einflüsse im Städel Museum, Frankfurt am Main

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Peter Paul Rubens“ – gelungene Themenschau über den Barockmaler als politischen Künstler im Von der Heydt-Museum, Wuppertal

 

und hier einen Beitrag über „Wege des Barock“ opulente Präsentation der „Meisterwerke aus den Sammlungen der Palazzi Barberini und Corsini Rom“ im Museum Barberini, Potsdam

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Dürer, Michelangelo, Rubens – Die 100 Meisterwerke der Albertina“ – große Grafik-Schau mit Werken von Rubens in der Albertina, Wien

 

Qualitative Höhepunkte der Schau sind aber die gezeigten Skulpturen: angefangen mit der kleinen, phänomenal detailreichen Terrakotta-Figur „Samson und Delilah“ von Artus Quellinus d. Ä. (1609-1668). Der führende Antwerpener Bildhauer der Epoche war von Rubens‘ ausgreifender Formensprache beeinflusst; in seiner Werkstatt wurde Ludovicus Willemsens ausgebildet. Von ihm sind – neben einem Kaiserpaar für den Paderborner Dom – großartige Holzskulpturen und -büsten zu sehen, die er 1690-1699 für ein Chorgestühl schuf; mit unübertrefflich lebensnahen Gesichtern und Körperhaltungen.

 

Auch andere im Raum Paderborn tätige Künstler, etwa der Maler Johann Georg Rudophi oder die Bildhauer Philipp Georg Brüll und Heinrich Gröne, orientierten sich stark an Rubens‘ Bildfindungen. Der Brückenschlag zwischen flämischem Barock Antwerpener Prägung und seiner Wirkung auf die westfälische Kunstproduktion gelingt der Ausstellung sehr elegant; selten werden Wechselbeziehungen zwischen Kunstmetropolen und -provinz so mustergültig nachgezeichnet. Nur der letzte Abschnitt zum Nachhall der barocken Weltsicht in der Gegenwartskunst wirkt dürftig und beliebig, wie angeklebt.

 

Nur religiöse Kunst

 

Vermutlich, weil Religion in ihr kaum eine Rolle spielt – anders als in dieser Schau, die Rubens‘ Riesenwerk an mythologischen Szenen, Landschaften und Porträts komplett ausblendet. Sie wäre treffender betitelt mit: „Rubens und seine Nachfolger als Propagandisten der Gegenreformation.“