
Das größte Gemälde der Hamburger Kunsthalle ist wieder zu sehen! Bis 2016 war es hinter einer Gipswand verborgen, weil es angeblich nicht ins Ausstellungskonzept passte. Nun zeigt das Museum den frisch renovierten „Einzug Karls V. in Antwerpen“ von Hans Makart (1840-1884) im Eingangssaal. Unübersehbar: Die monumentale Leinwand von mehr als fünf Meter Höhe und knapp zehn Meter Breite, also einer Fläche von 50 Quadratmetern, zählt zu den größten Tafelbildern überhaupt.
Info
Making History – Hans Makart und die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts
01.10.2020 - 31.12.2023
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,
dopnnerstags bis 20 Uhr
in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5
Katalog 25 €
Weitere Informationen mit virtuellem 360-Grad-Rundgang durch den Saal
Hegemonialanspruch auf Orient
Das 19. Jahrhundert in Europa war eine bewegte Epoche: Revolutionen und Restauration wechselten in rascher Folge einander ab. Zugleich griffen die Nationalstaaten kolonialistisch und imperialistisch auf die übrige Welt aus. Der europäische Hegemonialanspruch entfaltete sich auch ästhetisch, etwa im Orientalismus: Anstelle der realen Verhältnisse im Nahen Osten und der islamischen Welt zeigten zeittypische Orient-Bilder meist romantische Klischees und Vorurteile.
Feature zur Ausstellung; © Hamburger Kunsthalle
Orientierungssuche + Selbstverständnis
Auf die Entstehung solcher Auffassungen, die Ressentiments auslösten und verstärkten, macht die Ausstellung aufmerksam – mit Bildern, deren süffige Oberflächenreize unbestreitbar sind. Sie werden in sechs Kapitel unterteilt; zwischen den Werken hängen auf rote Kartons gedruckte Fragen. Darin geht es um Authentizität und Inszenierung, Mythen und Ideale, große Gefühle und Sozialkritik, und auch um Faszination für und Wunschbilder von Exotik. So thematisiert die Schau, welche Bedeutung der Malerei für die Orientierungssuche und das Selbstverständnis dieser Ära zukam.
Hans Makart beendete seinen „Einzug Karls V. in Antwerpen“ 1878 in der so genannten „Ringstraßenepoche“, als das Habsburgerreich seine Konsolidierung und Prosperität mit zahlreichen prachtvollen Neubauten in Wien feierte. Dagegen wählte Makart ein altertümliches Sujet: wie der soeben in Aachen gekrönte römisch-deutsche Kaiser im September 1520 triumphal in Antwerpen einzieht.
Feine Damen als nackte Jungfrauen
Albrecht Dürer hatte nicht nur zuvor die Kaiserkrönung in Aachen miterlebt. Er war auch in Antwerpen zugegen und hat die Ankunft von Karl V. ausführlich beschrieben; darauf stützt sich Makarts Komposition. Dürers Konterfei mit charakteristischer Langhaar-Frisur ist in der linken Bildhälfte zu sehen; sich selbst malte Makart dagegen in der Mitte neben dem Monarchen zu Pferde. Frühneuzeitlich gewandet, steht der Malerfürst dem Kaiser zur Seite – und damit ganz nah.
Makart war ein Musterbeispiel jener Malerfürsten, die im ausgehenden 19. Jahrhundert ähnliche Verehrung genossen wie gekrönte Häupter – und entsprechend prunkvoll Hof hielten. Berühmt, reich und einflussreich, konnte er seiner Phantasie bei dieser Darstellung imperialer Macht freien Lauf lassen. Also wagte er es, den nackten Jungfrauen rings um das Pferd des Kaisers die Gesichtszüge von Damen der feinen Wiener Gesellschaft zu geben.
Tournee mit 100.000 Schaulustigen
Dass bei realen Renaissance-Festzügen zwar allegorische Bilder von unbekleideten Frauen auf Tribünen dargestellt wurden, aber niemals zu Füßen der Gefeierten, spielte keine Rolle. Makarts skandal- und publikumsträchtiger Schachzug zahlte sich aus: Ganz Wien eilte herbei, um zu begutachten, welche feinen Damen auf dem Bild im Evaskostüm zu sehen waren. Und nicht nur dort: Das Gemälde tourte durch halb Europa und wurde von mehreren hunderttausend Schaulustigen bestaunt.
Damalige Vorstellungen von der Vergangenheit waren häufig verzerrt. Daher erschienen geschichtliche Ereignisse auf Gemälden oft idealisiert; was durchaus beabsichtigt war von Historienmalern, die nicht aufklären, sondern den Publikumsgeschmack bedienen wollten. Jedoch nicht unbedingt geschönt: So porträtierte Paul Delaroche mehrmals den französischen Kaiser Napoleon nachdenklich und melancholisch – als sähe er sein tristes Ende voraus.
Schockerlebnis + Gruselshow
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Malerfürsten" in der Bundeskunsthalle Bonn mit Werken von Hans Makart
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Lockruf der Décadence - Deutsche Malerei und Bohème 1840-1920" mit Werken von Hans Makart im Museum Georg Schäfer, Schweinfurt
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Kleopatra. Die ewige Diva" – opulente Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn mit Werken von Hans Makart
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Eugène Delacroix & Paul Delaroche: Geschichte als Sensation" – erhellende Konfrontation der Historienmaler im Museum der bildenden Künste, Leipzig
und hier einen Artikel über die Ausstellung "Orientalismus in Europa" – faszinierende Überblicks-Schau in der Kunsthalle München.
1798 ließ Napoleon seine Truppen in Ägypten einmarschieren. Das entfachte in Europa eine regelrechte Begeisterungswelle für die Kultur ferner Länder. Dabei entstanden Vorurteile, die bis heute nachwirken. Das Fremde als das Schöne, Gefährliche und Reizvolle – die Realität hatte sich den Sehnsüchten, Fantasien und Wünschen der europäischen Betrachter zu fügen.
Effektvoll gleichzeitig beten
So stellte Jean-Léon Gérôme auf seinem Gemälde „Das Gebet“ (1865) Moslems in Posen, die beim realen Beten in der Moschee nacheinander eingenommen werden, gleichzeitig dar – weil dadurch seine Komposition effektvoller wirkte. Für eine erlesene Kundschaft: Im 18. Jahrhundert hatten Adlige und wohlhabende Bürger häufig eine „Grand Tour“ durch Frankreich und Italien absolviert, um klassische Kunstschätze und Zeugnisse der Antike mit eigenen Augen zu sehen. Im 19. Jahrhundert wurden solche Bildungsreisen auf Griechenland oder den Nahen Osten ausgedehnt.
Dadurch entstand eine neue Nachfrage nach Bildern und Texten über südliche Gefilde: als Souvenirs und zur Unterhaltung. Die „Grand Tour“ ist mittlerweile Geschichte, doch die Stereotypen, die seinerzeit entstanden, prägen manche kollektive Vorstellungen über diese Weltgegenden bis heute. Insofern handelt „Making History“ ebenso von der Gegenwart.