Hamburg

Caspar David Friedrich – Kunst für eine neue Zeit

Caspar David Friedrich (1774–1840): Mondaufgang am Meer (Detail), 1822, Öl auf Leinwand, 55 x 71 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie, © bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg. Fotoquelle: © Hamburger Kunsthalle
Bilder zum Sehnsucht stillen – nach was auch immer: Gemälde von C.D. Friedrich sind die berühmtesten der deutschen Romantik. Ihre Aktualität betonen will die Kunsthalle in der ersten von drei Retrospektiven zum 250. Geburtstag; doch der Vergleich mit Gegenwartskunst beweist eher ihre Zeitlosigkeit.

Ein Wiedersehen mit alten Bekannten: Gemälde von Caspar David Friedrich (1774-1840) wie der „Mönch am Meer“ (1808/10) oder der „Kreidefelsen auf Rügen“ (1818) zählen zweifellos zu den berühmtesten der deutschen Romantik. Unzählige Male wurden sie reproduziert, interpretiert und glorifiziert. Seitdem der Künstler 1906 im Rahmen der „Jahrhundertausstellung deutscher Kunst“ in der Berliner Nationalgalerie wiederentdeckt wurde, geht von seinen Werken eine ungebrochene Faszination aus. Wie kann man sich ihm heute nähern?

 

Info

 

Caspar David Friedrich –
Kunst für eine neue Zeit

 

15.12.2023 - 01.04.2024

täglich außer montags 10 bis 19 Uhr,

donnerstags bis 21 Uhr

in der Kunsthalle, Glockengießerwall 5, Hamburg

 

Katalog 49 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

„Kunst für eine neue Zeit“ betitelt die Hamburger Kunsthalle ihre Retrospektive – der ersten einer Trilogie von Werkschauen, mit denen der Maler anlässlich seines 250. Geburtstags anschließend auch in Berlin und Dresden geehrt werden soll. Doch welche neue Zeit ist damit gemeint?

 

60 Gemälde + 100 Zeichnungen

 

Der erste Teil der Ausstellung umfasst mehr als 60 Gemälde und rund 100 Zeichnungen von Friedrich, viele davon Leihgaben. Neben Schlüsselwerken wie „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ (1819/1820) oder dem „Wanderer über dem Nebelmeer“ (1817) hängen frühe, mit Feder oder Kohle gezeichnete Selbstbildnisse, kleine Seestücke sowie Werke mit religiöser Thematik wie die „Ruine Oybin“ (1812) im Zittauer Gebirge, dem Südosten von Sachsen.

Feature zur Ausstellung; © DW Deutsch


 

Naturstudien für imaginäre Landschaften

 

Besonders aufschlussreich sind eher unscheinbare Wolken-, Fels- oder Pflanzenstudien: In ihnen zeigt sich der Künstler nicht nur als genauer Beobachter der Natur. Sie zeugen auch davon, wie lange und ausgiebig er im Freien verweilte; dieses Sich-Versenken in die Schöpfung war für das Kunstverständnis der Romantiker essentiell. Im Angesicht der vereisten Elbe fertigte Friedrich minutiöse Ölstudien an, um sie später in eine völlig neue Landschaft einzufügen: „Das Eismeer“ von 1823/24, eines seiner kühnsten und originellsten Gemälde.

 

Es belegt, dass Friedrich zwar mit präzisen Naturbeobachtungen arbeitete, sich aber keineswegs damit begnügte, das Gesehene zu kopieren. Stattdessen komponierte er sie auf seinen Bildern zu imaginären Landschaften, die ganz bestimmte Stimmungen evozieren sollten. Dadurch geben sie bis heute zu den verschiedensten Deutungen Anlass.

 

Figuren kehren Publikum den Rücken zu

 

Dass Caspar David Friedrich darin konsequenter vorging als seine Zeitgenossen, zeigen rund 20 Arbeiten von romantischen Künstlerfreunden wie Carl Blechen, Carl Gustav Carus oder Johan Christian Dahl, welche die Retrospektive ergänzen. Neben Porträts behandeln sie zum Teil ähnliche Themen wie diejenigen, denen sich Friedrich widmete – doch nie mit der gleichen Radikalität. Er gestaltete leere Flächen auf eine Art, die fast schon in Richtung Abstraktion wies. „Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts setzte er wesentliche Impulse, um die Gattung der Landschaft zur Kunst für eine neue Zeit zu machen“, resümiert Kunsthallen-Direktor Alexander Klar.

 

Als besonders innovativ bewerten die Kuratoren das Verhältnis von Mensch und Natur, das in Friedrichs Landschaften zum Ausdruck kommt. Auf seinen Bildern drehen Personen dem Publikum fast immer ihren Rücken zu und blicken mit ihm in die Gegend hinein; damit sei diesen Werken ein Moment der Reflexion immanent. Obwohl wir nicht wissen können, was diese Staffagefiguren denken oder empfinden, fordert ihre Präsenz uns dazu auf, über unsere eigene Beziehung zur Umwelt nachzudenken.

 

Friedrich als Warner vor Hybris?

 

Darin liege, so die Ausstellungsmacher, die Aktualität von Friedrichs Schaffen: Heutige Betrachter befänden sich ähnlich wie die Zeitgenossen der Romantik in einer Situation des Umbruchs und der Krise, in der das Verhältnis von Mensch und Natur neu austariert werden muss. Für Kurator Markus Bertsch repräsentiert „Das Eismeer“ gar eine „visionäre Polarlandschaft“, mit der der Künstler „dem menschlichen Entdeckerdrang und seinem Überlegenheitsgefühl gegenüber einer vermeintlich beherrschbaren Natur eine Absage erteilt.“

 

Caspar David Friedrich als Warner vor menschlicher Hybris, als Retter der Natur? Man kann es so sehen – oder darin eine modische Projektion der Gegenwart ausmachen. In seiner Maler-Biographie „Zauber der Stille“ hat der Kulturgeschichts-Essayist Florian Illies jüngst aufgezählt, für wie viele und unterschiedliche Interpretationen seine Werke bereits herhalten mussten: Jede Zeit hat ihren eigenen Blick auf Friedrich.

 

20 Friedrich-Epigonen im zweiten Teil

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Sonne – Die Quelle des Lichts in der Kunst" mit Werken von Caspar David Friedrich im Museum Barberini, Potsdam  

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung  "Mehr Licht – Die Befreiung der Natur" – hervorragende Überblicks-Schau, kuratiert von Florian Illies, über Freiluft-Ölskizzen des 19. Jahrhunderts in Düsseldorf + Lübeck mit Werken von Caspar David Friedrich

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Carl Blechen – Das Einfachste und daher Schwerste" – schöne Werkschau des romantischen Landschaftsmalers in der Liebermann-Villa, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Wanderlust – Von Caspar David Friedrich bis Renoir" in der Alten Nationalgalerie, Berlin.

 

Für Illies liegt die Größe von Friedrichs Kunst im Gegenteil: einer vielschichtigen Widerständigkeit, die sich beharrlich eindeutigen Antworten verweigert. Das mache seine Werke so zeitlos, dass heutige Ausstellungsbesucher wie vor 100 Jahren in den melancholischen Bildwelten schwelgen und an Bildern wie „Mondaufgang am Meer“ (1822) ihre Sehnsucht stillen können – nach was auch immer.

 

Welche überragende Wirkung Friedrichs Werke bis heute ausüben, soll der zweite Teil der Ausstellung zeigen. Er versammelt im Obergeschoss der Kunsthalle 20 zeitgenössische Arbeiten – Videofilme, Fotografien oder raumgreifenden Installationen von mehr oder weniger arrivierten Künstlern wie Olafur Eliasson, Julian Charrière, David Claerbout oder Ulrike Rosenbach. Alle Beiträge beschäftigen sich mit dem Naturverständnis der Romantiker und der Kunst Friedrichs.

 

Farbige vor Felsen + Finnin überm Nebelmeer

 

Jonas Fischer fotografiert seit 2020 den Himmel über Kraftwerken und Industrieanlagen. Sein „Cloud Index“ besteht aus zahlreichen Aufnahmen, die Emissionen von fossilen Brennstoffen festhalten und so – sehr ästhetisch – Klimasünden dokumentieren. Häufig werden Friedrich-Ikonen aber auch explizit zitiert. Der US-Künstler Kehinde Wiley ersetzt die Figuren vor dem „Kreidefelsen auf Rüden“ durch Farbige in Seitenansicht, um auf die ethnisch weiße Prägung des westlichen Kunstkanons hinzuweisen. Elina Brotherus aus Finnland setzt anstelle des „Wanderers über dem Nebelmeer“ sich selbst ins Bild – eine weibliche Aneignung der Romantik.

 

Ob solche Werke die Zeit überdauern werden, scheint eher fraglich. Dass Caspar David Friedrich aber so viele Nachfolger inspiriert und Kunstliebhaber diverser Epochen berührt, zeugt von der zeitlosen Qualität seiner Kunst.