
Totale Akzeptanz und totale Ignoranz: Das Image von Korea changiert in Deutschland – wenn nicht in ganz Europa – zwischen beiden Extremen. Wobei nur von Südkorea die Rede sein kann; was in der abgeschotteten stalinistischen Diktatur Nordkorea vor sich geht, bleibt der Außenwelt verborgen. Doch südkoreanische Schiffe, Autos und Elektronik wie PCs oder Smartphones sind längst ebenso Exportschlager wie Kinofilme, TV-Serien und K-Pop; die herzhaft-rustikale koreanische Küche mundet weltweit.
Info
100 Ideen vom Glück –
Kunstschätze aus Korea
15.03.2025 - 10.08.2025
täglich 10 bis 17 Uhr
im Residenzschloss, Paraderäume + Sponsel-Raum, Taschenberg 2, Dresden
Katalog 29 €
Weitere Informationen zur Ausstellung
Spezifisch Koreanisches verdeutlicht
Dennoch gibt es in allen Lebensbereichen eigentümlich koreanische Formen, Bräuche und Traditionen, die trotz politischer und kultureller Hegemonie der übermächtigen Nachbarländer erhalten blieben und bis heute Koreas Identität ausmachen. Es zählt zu den Verdiensten dieser Ausstellung, das spezifisch Koreanische im Kontrast zum übrigen pan-ostasiatischen Kulturraum herauszupräparieren und deutlich zu machen. Wofür die Qualität des Gezeigten bürgt: Die meisten der rund 180 Objekte sind hochkarätige Leihgaben des „Koreanischen Nationalmuseums“, einem Verbund aus 14 bedeutenden Museen in Südkorea.
Interview mit Ko-Kuratorin Sojin Baik + Impressionen der Ausstellung
Titel geht auf Stellschirm zurück
Dort zeigten 2017/8 die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) sächsische Barockkunst vom Hofe August des Starken. Nun stellt die Ausstellung „100 Ideen vom Glück“ – der blumige Titel geht auf einen gleichnamigen Stellschirm voller Glückssymbole zurück – quasi den Gegenbesuch dar. Und zugleich einen Glücksfall: Laut SKD ist es die erste Gelegenheit seit einem Vierteljahrhundert, hierzulande die koreanische Kultur umfassend kennenzulernen. Die Wanderschau „Entdeckung Korea!“, die 2012/3 durch deutsche Museen tourte, war jedenfalls auf ihrer ersten Station in Leipzig ein liebloser Missgriff.
Dagegen hatten die Kuratoren der aktuellen Ausstellung die brillante Ausgangsidee, alle Exponate – mit Ausnahme von Goldschätzen, die wohl aus Sicherheitsgründen im Sponsel-Raum des Neuen Grünen Gewölbes gezeigt werden – in den Paraderäumen des Residenzschlosses zu präsentieren. Was perfekt passt: Korea war seit jeher eine Feudal-Monarchie; seiner höfischen Kultur entstammt die Mehrzahl der Werke. Nun erlauben die prunkvollen Schloss-Säle als Kulissen der Schau, die Selbstdarstellung absoluter Herrscher in zwei Nationen auf verschiedenen Kontinenten miteinander zu vergleichen.
Helme wie preußische Pickelhauben
Was mitunter zugunsten von Korea ausfällt, etwa bei königlichen Prunkgewändern. Schimmernde Seidenstoffe voller Stick-Ornamente, exzentrische Kopfbedeckungen und Norigae-Anhänger mit kostbaren Schmuckstücken als Accessoires entfalten eine Pracht, mit der selbst aufwändige Barock-Kleider nicht mithalten können. Auch Koreas Zeremonial-Uniformen des 19. Jahrhunderts aus rotem Flanell, die mit allerlei gülden schimmernden Messing-Applikationen verziert sind, haben enormen Schauwert. Skurrilerweise trugen die Offiziere damals Helme mit hoher Spitze, die den 1842 in Preußen eingeführten Pickelhauben verblüffend ähnelten.
Ohnehin hat die herkömmliche, „Hanbok“ genannte Kleidung einen hohen Stellenwert für das koreanische Selbstverständnis; mit ihr beginnt auch der Rundgang. Sie wurde im Lauf des 20. Jahrhunderts allmählich von westlicher Garderobe verdrängt, erfährt jedoch seit geraumer Zeit eine gewisse Renaissance, zumindest bei offiziellen und festlichen Anlässen. Wobei man sich beim Anblick von kurzen jeogori-Jacken mit weit ausladenden Ärmeln, sich bauschenden chima-Röcken und Pluderhosen für Männer fragt, wie man damit den Alltag bewältigen soll – während die Füße in langen, flachen Pantoffeln stecken.
Nur fünf Staatsgebilde in 2000 Jahren
Nach dem Kostüm-Auftakt geht es chronologisch weiter; in wenigen Etappen, denn Koreas Geschichte ist von bemerkenswerter Stabilität gekennzeichnet. Ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. konkurrierten die drei Königreiche Goguryeo, Baekje und Silla miteinander, bis letzteres im 7. Jahrhundert seine beiden Rivalen eroberte. Silla prosperierte bis ins 10. Jahrhundert; seine Hauptstadt Gyeongju im äußersten Südosten der Halbinsel hatte mehr als eine Million Einwohner.
Im Jahr 918 wurde es von der buddhistisch geprägten Goryeo-Dynastie abgelöst, von der Koreas Landesname abgeleitet ist. Sie regierte bis 1392; allerdings unter erst chinesischer, dann mongolischer Vorherrschaft. Diese wurde von der Joseon-Dynastie beendet, deren Herrscher den Neokonfuzianismus als Staatsreligion verbreiteten; ab 1896 als „Kaiser von Korea“, bis 1910 Japan die Halbinsel eroberte. Nur fünf Staatsgebilde in fast 2000 Jahren: Diese erstaunliche Kontinuität spiegelt sich auch in der Ästhetik wider.
Dach-Kobold soll Unheil vertreiben
Tönerne Grabbeigaben aus monumentalen Hügel- und Kammergräbern in der Epoche der drei Reiche, die der Spätantike in Europa entspricht, weisen Grundformen bei Gefäßen oder einer Urne als Miniatur-Haus auf, die viele Jahrhunderte lang beibehalten wurden. Ähnlich die Darstellung von Fabelwesen wie Phönix, Drachen oder dem grimmigen Kobold dokkaebi: Damit verzierte Dekorfliesen und am Dachfirst angebrachte Ziegel sollten böse Kräfte vertreiben und Unheil abhalten.
Der Buddhismus wurde bereits im 4. Jahrhundert in Korea eingeführt. Tempel und Skulpturen lehnten sich lange an indische und chinesische Vorbilder an, brachten mit der Zeit aber auch eigenständige Varianten hervor – insbesondere während seiner religiösen Dominanz unter der Goryeo-Dynastie. Ein in der Ausstellung gezeigter Amitabha-Buddha des 14. Jahrhunderts aus vergoldeter Bronze ähnelt noch stark Plastiken aus Südasien.
Große Bodhisattva-Bilder nur in Korea
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Ari-Arirang. Korea – Faszination für ein verschlossenes Königreich" – erste Sonderschau des Museums für Asiatische Kunst und des Ethnologischen Museums im Humboldt Forum, Berlin
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Checkpoint – Grenzblicke aus Korea" – koreanische Gegenwartskunst mit politischem Bezug im Kunstmuseum Wolfsburg
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Entdeckung Korea! – Schätze aus deutschen Museen" – Überblicksschau über Geschichte + Kultur der Halbinsel in Leipzig, Frankfurt + Stuttgart.
Kaum verwunderlich, dass gleich zwei große Säle für Keramik-Kunst reserviert sind: Sie spielt in Korea bis heute eine ähnlich überragende Rolle wie in Japan oder China. Von dort wurde die Technik übernommen, Seladon-Ware herzustellen, deren „eisvogelfarbene“ Glasur zwischen Blau, Grau und Grün sehr geschätzt wurde. Zudem entwickelten koreanische Keramiker die sanggam-Einlegetechnik, bei der Einritzungen vor dem Brennen andersfarbig gefüllt werden, was kontrastreiche Dekore ermöglicht – wie man das macht, erläutert die Schau Schritt für Schritt.
Katalog klärt alle Fragen
Dass rein weißes oder mit blauer Unterglasur-Malerei versehenes Porzellan neokonfuzianische Ideale wie Schlichtheit und Bescheidenheit zum Ausdruck bringen sollte, wirkt auf den ersten Blick wenig verständlich. Doch solche interkulturellen Fragen klärt der vorzügliche Katalog. Von koreanischen Experten verfasst, aber knapp und anschaulich gehalten, bietet er ein ausgezeichnetes Kompendium zu zwei Jahrtausenden Kultur in Korea.
Was sogar die aberwitzigen Formen der Gold-Preziosen im Sponsel-Raum – eine Krone mit Baum- und Geweih-Aufsätzen, einen Haubenschmuck wie Vogelflügel und einen Gürtel voller Talisman-Bänder – begreiflich macht. Nach der Lektüre sieht man den nächsten Film oder Videoclip aus Korea mit anderen, verständigeren Augen.