Neu-Ulm

Momente des Selbst: Porträtfotografie und soziale Identität

Rotimi Fani-Kayode: Nothing to Lose I, 1989, Digital C-Print, © Rotimi Fani-Kayode. Foto: Courtesy Autograph ABP

Bilder-Feuerwerk im minimalistischen Rahmen

 

Den aktuellen Stand dieses Ringens um Selbst-Definitionen bekommt der Besucher im weißen Würfel vorgeführt. Seine minimalistische Architektur bietet den passenden Rahmen, um das Feuerwerk der verschiedenen Bildsprachen voll zur Geltung kommen zu lassen.

 

Wie originell die Einfälle und versiert die Herangehensweise der meisten Arbeiten sind, lässt staunen – auf einem Kontinent, auf dem sich die Bildproduktion abseits der städtischer Zentren oft noch auf Passfotos und Staats-Fernsehen beschränkt.


Interview mit Museums-Gründer Artur Walther

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Am Bauch brennt Deutschland aus

 

Eine physische Nähe zwischen Deutschland und Afrika stellt die in Ludwigshafen lebende Kenianerin Ingrid Mwangi mit ihrem eigenen Körper her: Auf ihrem Bauch zeichnen sich Afrikas Umrisse hell als «bright dark continent» ab. Nebenan erscheint Deutschland gebräunt als «burn out country». Was immer man von dieser düsteren Prognose halten mag – die Umsetzung ist unübertrefflich.

 

Die fatale belgisch-kongolesische Geschichte setzt Sammy Baloji kongenial um: In seiner Collagen-Serie «Gécamines» - so heißt der staatliche Bergbau-Konzern des Kongos – klebt er historische Aufnahmen von schwarzen Bergleuten und belgischen Industriellen auf Panorama-Ansichten von Abraum-Halden in der kongolesischen Bergbau-Provinz Katanga. Schlimmer sah auch der Ruhrpott zur Hochzeit von Kohle- und Stahl-Produktion nie aus.

 

Lebensfeindliche Landschafts-Panoramen

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung "Afrika mit eigenen Augen" über das "Erforschen und Erträumen eines Kontinents" im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Baden-Baden

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Afrikanische Stelen im Kontext zeitgenössischer Kunst” in der Galerie Hirschmann, Berlin

 

und hier eine Rezension des Buchs "Neues afrikanisches Kino" von Manthia Diawara

 

und hier eine Kritik der Ausstellung “Afropolis” über fünf afrikanische Mega-Cities in Köln + Bayreuth.

Auffallend häufig werden großformatige Landschafts-Panoramen angefertigt: Als wollten die Fotografen die Einbindung der Menschen in ihre Umwelt betonen. Selbst wenn sie völlig lebensfeindlich ist: Das Diptychon «Sheep Farm at Oubip» des Südafrikaners David Goldblatt sieht wie eine ausgestorbene Wüste aus. Erst bei genauem Hinsehen entdeckt man am Horizont eine Herde Schafe; sie wirken genauso verloren wie «Mother and child» an einer staubigen Pisten-Kreuzung im Nirgendwo.

 

Andere Künstler feiern das Individuum und seine Wandelbarkeit. Wie Samuel Fosso aus Kamerun: Auf zahlreichen «Selbstporträts» schlüpft er in die Rollenmuster geläufiger schwarzer Stereotypen. Vom selbstverliebten Jüngling über den kämpferischen Black-Rights-Aktivisten bis zum eitlen afrikanischen Diktator in Phantasie-Uniform – ein männlicher Cindy Sherman.

 

Black Caravaggio neben Kühen + Misthaufen

 

Diese Inszenierungen des Egos hat der 1989 gestorbene Nigerianer Rotimi Fani-Kayode zu barocker Opulenz gesteigert. Er arbeitete im Umfeld des schwulen britischen Filmemachers Derek Jarman und teilte dessen überbordende visuelle Einbildungskraft. Mit exotischen Versatzstücken wie Südfrüchten, Körperbemalung und grotesken Posen schuf Fani-Kayode grandiose Tableaus, die so verführerisch anziehend wie verstörend fremdartig waren – zurecht ist ihnen eine eigene Etage gewidmet.

 

Fani-Kayodes erlesene Black-Caravaggio-Bilder sind nur wenige Meter entfernt von muhenden Kühen und dampfenden Misthaufen in den Dorfstraßen. Wie gesagt, der Kontrast könnte kaum größer sein; aber das wäre bei einem Museum im Herzen Afrikas auch nicht anders. Für seine außergewöhnliche Kollektion hat Artur Walther jedenfalls den idealen Standort gefunden – und ihn mit einer fulminanten Ausstellung eingeweiht. Kulturtourismus nach Burlafingen? Ist jede Anreise wert.


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