Mannheim

Die Geburtsstunde der Fotografie – Meilensteine der Gernsheim-Collection

Eadweard J. Muybridge: Mann beim Schlag, ca. 1885. Foto: © rem - Mannheim

Die älteste Fotografie der Welt ist erstmals seit 50 Jahren in Europa zu sehen; Sammler Gernsheim spürte sie 1952 in London auf. Eine Auswahl seiner Kollektion wird in den Reiss-Engelhorn-Museen zum Überblick über die gesamte Foto-Geschichte.

Auf den ersten Blick sieht man nichts. Beziehungsweise: eine Platte, so groß wie ein Blatt Papier, an den Ecken leicht aufgebogen und metallisch glänzend – aber kein Bild. Das erscheint erst, wenn sich bei Bewegung der Blickwinkel ändert. Dann werden helle und dunkle Zonen sichtbar: auf der ersten Fotografie der Welt.

 

Info

Die Geburtsstunde der Fotografie –
Meilensteine der Gernsheim-Collection

 

09.09.2012 – 24.02.2013
täglich außer montags
11 bis 18 Uhr im Forum Internationale Photographie, Museum Zeughaus C5,
Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim

 

Katalog 29,90 €

 

Weitere Informationen

Der Franzose Joseph Nicéphore Niépce nahm sie 1826 auf, indem er eine Zinn-Platte mit in Lavendel-Öl gelöstem Asphalt bestrich; dann stellte er sie ins Fenster seines Arbeitszimmers. Nach acht bis zehn Stunden reinigte er die Platte mit Öl und Terpentin: An belichteten Stellen blieb gehärteter Asphalt haften. Niépce nannte seine Entdeckung «Heliographie» – mit Licht gezeichnet.

 

Daguerre überlebt Partner Niépce

 

Sie brachte ihm kein Glück. 1829 tat er sich mit Louis Jacques Mandé Daguerre zusammen, der mit ähnlichen Substanzen hantierte, doch starb er bereits vier Jahre später. 1839 stellte Daguerre versilberte Platten vor, die man nur 20 Minuten lang belichten musste: die Daguerrotypien. Nun galt er als Erfinder der Fotografie; Niépce geriet in Vergessenheit.


Impressionen der Ausstellung


 

Vermeintlich verblasste Wieder-Entdeckung

 

Sein «Blick aus dem Fenster in Le Gras» wurde 1898 in London ausgestellt, galt danach aber als verschollen. Bis der Foto-Historiker Helmut Gernsheim sie 1952 dort wieder aufspürte. Mit einer Zeitungs-Annonce, auf die sich die Witwe des letzten Besitzers meldete: Sie habe die Zinn-Platte in einem alten Koffer gefunden – leider sei das Bild völlig ausgelöscht. Glücklicherweise irrte die Dame, wie er ihr zeigte, indem er die Platte hin- und herschwenkte.

 

Damals hatte der gebürtige Münchener, der 1936 nach England emigriert war, mit seiner britischen Frau Alison bereits die weltgrößte private Foto-Sammlung aufgebaut. Beide erforschten systematisch die Geschichte des Mediums; ihre «History of Photography» von 1955 gilt bis heute als Standard-Werk. Acht Jahre später verkaufte das Paar seine riesige Kollektion mit rund 35.000 Original-Aufnahmen an die University of Texas in Austin.

 

Innenhof mit Sonnenlicht auf beiden Seiten

 

Doch die Gernsheims sammelten weiter: fortan zeitgenössische Fotografien. Dieser Bestand wurde 2002 für die Photographie-Abteilung der Reiss-Engelhorn-Museen (REM) angekauft. Helmut Gernsheim starb 1995; im nächsten Jahr hätte er 100. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass zeigen die REM 250 Spitzen-Stücke aus beiden Teilen seiner Kollektion, darunter die «Geburtsstunde der Fotografie».

 

Die Niépce-Platte ist erstmals seit einem halben Jahrhundert wieder in Europa zu sehen. In einem hermetisch versiegelten Schau-Kasten, der mit dem Edelgas Argon gefüllt und allerlei Mess-Sensoren ausgestattet ist; das kostbare Stück soll keinesfalls mit Luft in Kontakt kommen, was sie oxidieren ließe. Nur auf Reproduktionen ist der grobkörnige «Blick aus dem Fenster» komplett zu erfassen (siehe Bilder-Galerie): Man erkennt einen schlichten Innenhof mit Sonnenlicht auf beiden Seiten – wegen der langen Belichtungs-Zeit.

 

Schatz-Suche durch verwinkelte Kabinette

 

Den Weg zu diesem Unikat haben die REM als eine Art Schatz-Suche angelegt: durch sieben Abteilungen in verwinkelten Kabinetten. Die Schau ist nicht chronologisch, sondern thematisch angeordnet: von Porträts und Stillleben über Landschaften und Bildjournalismus bis zu inszenierten Fotos. Auch innerhalb jeder Abteilung wird die zeitliche Abfolge häufig durchbrochen; jede Aufnahme soll exemplarisch für sich stehen.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Das Koloniale Auge“ über Frühe Porträtfotografie in Indien im Museum für Fotografie, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Die neue Wirklichkeit“ mit Fotografie der Moderne der Stiftung Wilde in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „KunstFotografie – Emanzipation eines Mediums“ mit Werken des Piktorialismus im Kupferstichkabinett, Dresden

Gernsheim fotografierte selbst im Stil der Neuen Sachlichkeit und vertrat puristische Ansichten, was eine gelungene Fotografie ausmache: Ihm lag an spannungsreichen Kompositionen aus Linienführung und Lichtregie. Schnappschüsse lehnte er ebenso ab wie Versuche, das Medium mit anderen Kunst-Sparten zu kreuzen – ob in der plüschigen Salon-Fotografie des 19. Jahrhunderts, der malerischen Weichzeichner-Ästhetik der Piktorialisten um 1900 oder Direktbelichtungs-Experimenten in der Konzept-Kunst ab den späten 1960er Jahren.

 

Kommentare vom Sammler persönlich

 

Seine entschiedenen Urteile gründeten auf enormer Sachkenntnis: Er und seine Frau verfassten etliche Monografien über bedeutende Fotografen, für die sie intensives Quellen-Studium betrieben. Daher ergänzt die Bild-Legenden zu den meisten Arbeiten ein kurzer Kommentar von Gernheim selbst. Was der Schau außergewöhnlichen Reiz verleiht: als ob der Sammler persönlich die Besucher durch seine Schätze führen würde.

 

Worunter zahlreiche Ikonen der Foto-Historie zu finden sind: angefangen von klassischen Architektur- und Porträt-Aufnahmen auf Salzpapier-, Albumin- oder Silbergelatine-Abzügen bis zu vielfach reproduzierten Bildern von Alfred Stieglitz, Robert Capa oder Henri Cartier-Bresson. Die Galerie der Berühmtheiten reicht bis zu Zeitgenossen wie Robert Lebeck und Barbara Klemm. So wird der Rundgang zum Überblick über die gesamte Geschichte des Mediums: vom allerersten jemals fixierten Lichtstrahl bis in die Gegenwart.


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