Kassel

Jordaens und die Antike

Johannes Grützke: Ein Einsiedler, Öl auf Leinwand, 175 x 205 cm, 1979, Privatbesitz. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn/Quelle:Museum Fridericianum, Kassel

Bilder nach dem Baukasten-System

 

Dagegen wirken Jordaens´ Werke unbekümmerter; er spielt gern seine virtuose Malweise aus und scheut weder Schock-Effekte noch possierlichen Kitsch. Dafür greift er auf sein Repertoire eigener Entwürfe von Gestalten und Posen zurück. Die setzt er wie Versatzstücke zu Bildern nach dem Baukasten-System zusammen; das führt die Hängung der Schau sehr anschaulich vor.

 

Der gleiche sitzende Greis, kletternde Faun oder eine zuprostende Alte tauchen auf verschiedenen Bildern auf. Seine Schnellpinselei – er soll jährlich bis zu 35 großformatige Gemälde fertiggestellt haben – trugen ihm sogar eine Fälschungs-Klage ein. Er reagierte mit einer notariellen Erklärung, er habe alles selbst gemalt; mithilfe seiner 16 Schüler und Gehilfen.

 

Grützkes Bilder-Kosmos voller Leiber

 

Eine Serienproduktion, wie sie auch unter heutigen Großkünstlern üblich ist. In einer Begleitausstellung «Jordaens und die Moderne» zeigt das Fridericianum drei zeitgenössische deutsche Künstler, die sich ausdrücklich auf ihn beziehen. Am bekanntesten ist Johannes Grützke aus Berlin; 1987 gestaltete er die Frankfurter Paulskirche als Nationaldenkmal aus.

 

Dass ihn Jordaens inspiriert, wird auf den ersten Blick plausibel: Grützkes Bilder-Kosmos quillt genauso über von Leibern und Gliedmaßen, die den Rahmen schier zu sprengen scheinen. Er genießt es ebenso, menschliche Körper in allen Variationen zu malen, die einander umschlingen oder verdrängen, samt Macken und Gebrechen.

 

Der Künstler als Massenmörder

 

Auch den Hang zu humorvoller Drastik verbindet beide. Jordaens malte 1642 einen «Gefesselten Prometheus» als Horror-Szene, in der ein rabiater Adler den kopfüber hängenden Halbgott zerfleischt. Die legendäre Vorgeschichte, in der er Menschen aus Ton schuf, wählte Grützke 2001 für «Prometheus zerstört seine Entwürfe»: Ein nackter, rasender Gigant zerschmettert kleine Menschlein auf dem Boden – der Künstler als Massenmörder.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der faszinierenden Ausstellung "Peter Paul Rubens" im Von der Heydt-Museum, Wuppertal

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Johannes Grützke" :«die ganze Welt in meinem Spiegel» im Ephraim-Palais, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Hommage an Caravaggio 1610 - 2010" in der Gemäldegalerie, Berlin.

 

Bei Reiner G. Mordmüller aus Bremen findet man den Bezug zu Jordaens in der Motivwahl: Auf mehrteiligen Leinwänden bildet er Tischgesellschaften ab, wie sie der Flame häufig malte. Eine gestikulierende Standfigur erinnert an Satyre, die Jordaens oft Bauernstuben aufsuchen ließ.

 

Malwut + Raffinesse

 

Der Dresdener Hubertus Giebe knüpft unmittelbar an Jordaens an: Bleistift-Studien zeigen, wie Giebe dessen Figuren kopiert und in sein eigenes Bildpersonal transformiert. In der Ausführung als Gemälde erinnern seine düsteren Schreckens-Bilder allerdings eher an DDR-Historienmalerei etwa von Bernhard Heisig.

 

Drei Künstler, deren Arbeiten trotz völlig unterschiedlicher Handschriften belegen, dass die Nachwirkung von Jordaens bis in die Gegenwart reicht. Und seine ungestüme Malwut, gepaart mit technischer Raffinesse, wesentlich mehr geschaffen hat als nur burlesken Bilderschmuck für Bürgerwohnungen des 17. Jahrhunderts. Für diese Einsicht bedarf es einer systematischen Betrachtung, wie sie diese Ausstellung erstmals ermöglicht: als erste Gesamtschau von Jordaens Werk in Deutschland überhaupt.


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