Berlin + Monschau bei Aachen

Ara Güler – Das Auge Istanbuls: Retrospektive von 1950 bis 2005

Galata-Brücke über das Goldene Horn, Istanbul, 1954; © Ara Güler, Fotoquelle: Willy Brandt Haus, Berlin

Istanbul ist die größte und vielleicht schönste Metropole Europas – ihr Stadtbild hat Ara Güler unermüdlich dokumentiert. Dem berühmtesten türkischen Fotografen richtet das Willy-Brandt-Haus seine erste deutsche Werkschau aus: eine gelungene Hommage.

Neben dem Moloch Moskau ist Istanbul die größte Stadt Europas: In beiden Ballungsräumen leben rund 15 Millionen Menschen. Noch ein paar Superlative gefällig? Nur Istanbul war nacheinander Hauptstadt zweier Großreiche. Und zwar 1600 Jahre lang ununterbrochen, länger als jede andere Kapitale des Kontinents.

 

Info

 

Ara Güler – Das Auge Istanbuls: Retrospektive von 1950 bis 2005

 

16.10.2014 – 01.02.2015

täglich außer montags

12 bis 18 Uhr

im Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstr. 140, Berlin

 

Katalog 22 €

 

Weitere Informationen

 

22.02.2015 – 12.04.2015

täglich außer montags

14 bis 17 Uhr,

am Wochenende ab 11 Uhr

im Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen, Austraße 9, Monschau

 

Weitere Informationen

 

Als einzige Metropole der Welt verbindet Istanbul zwei Kontinente; die Einwohner pendeln zwischen der „europäischen“ und „asiatischen“ Seite. Zweifellos ist Istanbul auch die am schönsten gelegene Großstadt Europas: Die malerischen Landzungen zwischen Bosporus, Goldenem Horn und Marmara-Meer bewogen den römischen Kaiser Konstantin I., seine Residenz hierher zu verlegen. Das griechische Byzanz wurde zu Konstantinopel.

 

Die Stadt ohne Gleichen

 

Über Jahrhunderte sprach man nur von „der Stadt“. Sie war der kulturelle Mittelpunkt der Welt; in Spätantike und Mittelalter gab es im Abendland nichts Vergleichbares. Davon leitet sich wohl ihr heutiger Name ab: als türkische Abwandlung des griechischen Ausdrucks eis tan polin, auf Deutsch: „in die Stadt“.

 

Istanbul ist unvergleichlich – und Ara Güler sein Auge. Diesen Spitznamen bekam der türkische Fotograf armenischer Herkunft, weil er das Erscheinungsbild der Stadt auf unzähligen Aufnahmen festgehalten hat. Womit er zum berühmtesten Fotografen der Türkei wurde – und quasi im Alleingang ein visuelles Welterbe bewahrte: Das Antlitz von Istanbul hat sehr gelitten. Gülers Bilder zeigen eine Stadt, die es in weiten Teilen so nicht mehr gibt.


Impressionen der Ausstellung


 

Bildchef der türkischen Version von „Life Magazine“

 

Der 1928 geborene Sohn eines Apothekers machte erst eine Schauspiel-Ausbildung und studierte Wirtschaft, bevor er zum Fotojournalismus wechselte. Mit raschem Erfolg: In den 1950er Jahren arbeitete er für Zeitschriften wie „Time-Life“, „Paris-Match“ und „Der Stern“. Er schloss sich der Agentur „Magnum“ an, war mit Henri Cartier-Bresson befreundet und leitete die Bildredaktion der Illustrierten „Hayat“ („Das Leben“), die dem „Life Magazine“ nachempfunden war.

 

In den 1960er Jahren wurde Güler mit etlichen Reportagen und Ausstellungen international bekannt. Sie verbreiteten Bilder einer neuen Türkei: Die junge Republik orientierte sich trotz antigriechischer Pogrome 1955 und dem Militärputsch 1960 gegen Regierungschef Menderes am westlichen Vorbild. Eliten und urbane Mittelschichten übernahmen Lebensstile und Moden aus Paris, Mailand oder New York – Güler bannte diesen look auf Fotopapier.

 

Orhan Pamuks Kindheit als Schwarzweiß-Foto

 

In den 1970/90er Jahren wurde es ruhiger um ihn. Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk machte das Ausland wieder auf ihn aufmerksam: mit seinem 2003 veröffentlichten Buch „Istanbul – Erinnerung an eine Stadt“, das Aufnahmen von Güler illustrieren. Er „hat die Stadt genau so fotografiert“, schwärmt Pamuk, wie er selbst das „Istanbul meiner Kindheit wie ein Schwarzweiß-Foto erlebt“ habe. Nun richtet das Willy-Brandt-Haus in Berlin Gülers erste große Werkschau in Deutschland aus, die anschließend in die Region Aachen wandert.

 

Pamuk-Leser dürften dieses Istanbul leichter wieder erkennen als Türkei-Touristen: Mit dem kraftstrotzenden Selbstbewusstsein der Erdoğan-Ära haben die Bilder nichts zu tun. Unspektakuläre Alltags-Szenen in subtilen Graustufen erinnern an soziale Dokumentarfotografie der Nachkriegszeit; scheinbar beiläufige Kompositionen, die kunstvoll entscheidende Momente einfangen, an Kollegen wie Walker Evans oder Cartier-Bresson.

 

Eine Stadt, die am, mit und vom Meer lebt

 

Mit ihnen teilt Güler sein Interesse an Augenblicks-Einsichten in die conditio humana. Der glamouröse Habitus der türkischen Oberschicht bleibt außen vor; stattdessen beobachtet er das Leben kleiner Leute auf der Straße mit unermüdlicher Geduld. Gleichsam zufällig geraten dabei Dinge aufs Bild, die einst alltäglich waren und weitgehend verschwunden sind.

 

Schlichte osmanische Häuser, ringsum mit Holzschindeln verkleidet, die schon damals baufällig waren. Pferdekarren für jeden Zweck mitten in der Stadt. Bimmelnde Straßenbahnen, wie sie ähnlich auch durch Wien oder Budapest ratterten – nicht die Edelstahl-Torpedos auf Schienen von heute. Einfache Ruderkähne, die dutzendfach auf dem Haliç (Goldenen Horn) übersetzen. Immer wieder Fähren, Frachter und Fischer: Istanbul ist eine Stadt, die am, mit und vom Meer lebt.

 

Silhouetten des hüzün

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Es war einmal in…– Fotografien von Nuri Bilge Ceylan“ mit grandiosen Anatolien-Fotografien des türkischen Filmregisseurs im Kunsthaus, Nürnberg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Die Geometrie des Augenblicks” zur Landschafts-Fotografie von Henri Cartier-Bresson im Kunstmuseum Wolfsburg

 

und hier eine Kritik des türkischen Film-Epos‘ “Fetih 1453 – Die Eroberung von Konstantinopel” von Faruk Aksoy

 

und hier einen kultiversum-Bericht über die hervorragende Ausstellung „Byzanz – Pracht und Alltag“ in der Bundeskunsthalle, Bonn.

 

Zugleich wird an Details – einer antiken Mauer hier, einem osmanischen Marmor-Brunnen dort – anschaulich, wie einzigartig die Geschichte dieses Ortes ist. Das kollektive Bewusstsein, im einstigen Zentrum der zivilisierten Welt zu leben, dessen ruhmreicher Vergangenheit kein heutiger Bewohner das Wasser reichen kann, hat Pamuk als hüzün beschrieben. Die türkische Spielart der Melancholie macht Güler sichtbar: Oft zeichnen sich schemenhaft Kuppeln orthodoxer Kirchen oder Minarette von Moscheen des genialen Architekten Sinan ab – als Memento verflossener Größe.

 

Solche Zeugnisse hat Güler in den 1960er Jahren auch in Anatolien aufgespürt. Etwa die antike Ruinenstadt Aphrodisias im Südwesten oder das Grabmal auf dem Nemrut Dağ im Südosten; hier wollte ein hellenistischer König die Kultstätte einer neuen Religion begründen. Gülers hält diese Farbfoto-Reportagen, die zur systematischen Erforschung der Orte führten, für seine wichtigsten Arbeiten. Auszüge daraus werden ebenfalls in der Ausstellung gezeigt.

 

Deplatzierte Promi-Porträts

 

Anderes erscheint dagegen willkürlich. In den 1970er Jahren brachte Terror von Links- und Rechtsextremisten die Türkei an den Rand eines Bürgerkriegs. Güler dokumentierte das, doch davon sind nur wenige Beispiele zu sehen. Prominenten-Porträts und Schnappschüsse aus aller Welt belegen zwar, wie weit sein Horizont reichte, wirken aber in diesem Kontext etwas deplatziert.

 

Dessen ungeachtet ist diese Schau eine längst überfällige Würdigung seines Lebenswerks. Und eine Hommage an eine wunderbare Stadt, deren Schönheit von Modernisierungswut und Neubau-Boom zermalmt zu werden droht.


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