Düsseldorf

Zurbarán – Meister der Details

Francisco de Zurbarán: Die Verkündigung (Detail), 1650 (?), Öl auf Leinwand, Philadelphia Museum of Art. Fotoquelle Kunstpalast Düsseldorf

Der spanische Caravaggio: Für die Kirche der Gegenreformation schuf Francisco de Zurbarán so schlichte wie raffinierte Gemälde. Dem Maler barocker Askese widmet das Museum Kunstpalast nun die erste Werkschau in Deutschland – eine hinreißende Ausstellung.

Mehr als 350 Jahre dauerte es bis zur ersten Einzelausstellung: Kaum zu glauben, aber Francisco de Zurbarán (1598-1664) ist erstmals hierzulande eine Retrospektive mit rund 80 Gemälden gewidmet. Damit setzt das Museum Kunstpalast nach Werkschauen von Caravaggio (2006/7) und El Greco (2012) seine verdienstvolle Reihe mit Großmeistern des Barock in Südeuropa fort.

 

Info

 

Zurbarán –
Meister der Details

 

10.10.2015 – 31.01.2016

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 21 Uhr

im Museum Kunstpalast, Ehrenhof 4-5, Düsseldorf

 

Katalog 39,90 €

 

Weitere Informationen

 

Dass Zurbarán bislang so vernachlässigt wurde, hat einen schlichten Grund: In Deutschland gibt es nur sieben Gemälde von ihm – eines in Privatbesitz, sechs in staatlichen Museen. Eines davon gehört dem Düsseldorfer Haus: Sein „Heiliger Franziskus in Meditation“ wurde frisch für die Ausstellung restauriert. Er füllt mit fünf weiteren Darstellungen des Bettelorden-Begründers ein eigenes Kabinett; insgesamt knapp 50 Varianten haben der überaus produktive Maler und seine Mitarbeiter angefertigt.

 

Fromme Askese im Rampenlicht

 

Die Nachfrage war im Zeitalter der Gegenreformation groß. Nach dem Konzil von Trient (1545-1563) wurden Kirchen und Klöster üppig mit Bildwerken geschmückt, um den Gläubigen die Inhalte der katholischen Lehre vor Augen zu führen. Dafür bot sich der populäre Franziskus an: Stehend oder kniend gen Himmel schauend, ekstatisch betend oder vor einem Schädel meditierend, strahlt er asketische Frömmigkeit aus. Vor dunklem Hintergrund mit wenigen Requisiten tritt seine Gestalt dramatisch beleuchtet hervor.

Interview mit Direktor Beat Wismer + Feature über die Ausstellung; © Medienzentrale TV


 

Meister der gemalten Tuche + Stoffe

 

Wegen seiner starken Helldunkel-Kontraste, scharfen Konturen und expressiven Malweise wurde Zurbarán schon 1835 von einem Kunstkritiker „der spanische Caravaggio“ genannt. Dessen so genannten Tenebrismus dürfte Zurbarán vor allem durch Bilder seines Landsmannes Jusepe de Ribera (1591-1652) gekannt haben; er wanderte als 20-Jähriger nach Italien aus und wirkte ab 1616 im spanisch beherrschten Neapel.

 

Dagegen hat Zurbarán Spanien nie verlassen. Er kam in der südwestlichen Region Extremadura als Sohn eines Kaufmanns zur Welt, der auch mit Tuche handelte. Mit dem Erscheinungsbild verschiedener Stoffe war er also seit Kindertagen vertraut. Ihre Oberflächen sollte er später unübertrefflich präzise in Malerei übertragen: ob raues und zerrissenes Leinen wie bei Franziskus, weich fließende Kutten von Mönchen oder kostbare, mit Goldfäden durchwirkte Prunkgewänder von Adligen und kirchlichen Würdenträgern.

 

100 klerikale Abnehmer in Sevilla

 

Ab 1614 lernte Zurbarán drei Jahre lang bei einem Maler in Sevilla; dort traf er den fast gleichaltrigen Diego Velázquez (1599-1660), mit dem er lebenslang befreundet blieb. Danach zog er in die Kleinstadt Llerena und machte sich rasch einen Namen. 1626 erhielt er seine erste Großbestellung: 21 Gemälde für ein Dominikaner-Kloster in Sevilla.

 

Die damals blühende Wirtschaftsmetropole hatte als kulturelles Zentrum Spaniens mehr Einwohner als Madrid; hier waren mehr als 100 klerikale Einrichtungen begüterte Abnehmer für Sakralkunst. 1629 holte der Stadtrat Zurbarán nach Sevilla zurück und verlieh ihm den Titel eines „Meistermalers“. Bald konnte er sich vor Aufträgen kaum retten; um sie zu bewältigen, baute er eine florierende Werkstatt mit zahlreichen Schülern und Gehilfen auf.

 

Schwunghafter Bilderhandel mit Amerika

 

Wie bei anderen Malerfürsten der Epoche, etwa Peter Paul Rubens oder Jacob Jordaens, wurden die Bilder arbeitsteilig erstellt: Zurbarán lieferte Entwürfe, die Mitarbeiter auf Leinwände übertrugen. Sie pinselten auch die Hintergründe, während der Meister sich auf entscheidende Partien konzentrierte; etwa Gesichter, Kleidung oder accessoires wie Taschen oder Spangen, denen er höchste Aufmerksamkeit widmete. Daher ist es oft schwierig, zu unterscheiden, welche Motive von ihm selbst oder seinen Angestellten geschaffen wurden.

 

Außerdem machte Zurbarán Geschäfte in Übersee: Er lieferte eigene und fremde Gemälde sowie Mal-Utensilien in die spanischen Kolonien der Neuen Welt – dort mussten zahllose neu gegründete Kirchen und Klöster ausstaffiert werden. Das weiß man aus Akten eines Schadenersatz-Prozesses, den er 1636 gegen einen Kapitän führte. Der hatte sein Schiff für ein Fest mit Zurbaráns Bildern dekoriert; sie waren während der Feier wohl beschädigt worden und nun unverkäuflich. Andere erreichten wohlbehalten ihre Empfänger jenseits des Atlantiks: Manche Leihgaben in der Ausstellung kommen aus Kuba oder Mexiko.

 

Klare + kontemplative Kompositionen

 

1634 wurde Zurbarán nach Madrid berufen, wo sein Freund Velázquez als Hofmaler tätig war: Beide sollten den Buen Retiro-Palast mit einem großen Gemäldezyklus schmücken. Zurbarán schuf zwei Historienbilder und zehn Szenen mit Taten des Herkules – seine einzigen Werke zu mythologischen Themen. Zwei davon sind nun in Düsseldorf zu sehen: Sein Held ist ein muskulöser Bauer, der wuchtig zulangt, um der Hydra ihre Köpfe abzuschlagen.

 

Doch solche Kraftmeierei blieb eine Ausnahme. Meist verströmen seine Werke eher kontemplative Ruhe: Im Gegensatz zu flämischen Barockmalern verzichtete Zubarán völlig auf exaltierte Gesten oder extreme Perspektiven. Er beschränkte sich auf wenige Elemente, die er in klaren Kompositionen zur Geltung brachte.

 

Gott in allen Dingen finden

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Gehorsam“ von Filmregisseur Peter Greenaway mit einer animierten Version von Zurbaráns „Agnus Dei“ im Jüdischen Museum, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Hommage an Caravaggio 1610 – 2010“ mit zwei Originalen + Werken der Caravaggisten in der Gemäldegalerie, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Peter Paul Rubens“ – Retrospektive seiner Bild-Propaganda für die Gegenreformation im Von der Heydt-Museum, Wuppertal

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Jordaens und die Antike“ – erste deutsche Werkschau des flämischen Barock-Malers im Museum Fridericianum, Kassel.

 

Etwa einfache Gegenstände wie das „Schweißtuch der heiligen Veronika“ mit dem Antlitz Christi, das er mehrfach und unnachahmlich plastisch darstellte. Oder seine berühmteste Bilderfindung: ein liegendes Schaf mit gefesselten Hufen. Vom „Agnus Dei“ mit samtig schimmernder Wolle gibt es sieben Varianten; drei davon sind in der Ausstellung zu sehen.

 

„Gott in allen Dingen zu finden“, war eine Maxime der religiösen Mystik seiner Zeit. Ihr folgte der streng gläubige Künstler, indem er das Alltäglichste mit größter Raffinesse ins Bild setzte. Am meisten beeindrucken jedoch seine Kruzifix-Darstellungen: Monochrom fahl und bis zum Zerreißen gespannt, scheint Christus beinahe wie eine entrückte Vision im Raum zu schweben.

 

Erlösung durch Malerei

 

1658 siedelte sich Zurbarán, offenbar aus Geldnot, in Madrid an: Er hoffte auf eine Stellung als Hofmaler mit regelmäßigem Einkommen – vergeblich. Stattdessen bediente er private Käufer mit kleinformatigen Andachtsbildern in helleren Farben und weichen Konturen – nach dem Vorbild seines jüngeren Kollegen Bartolomé Esteban Murillo (1618-1682), der ihm in der Publikumsgunst den Rang ablief.

 

So umkränzt Zurbarán seine Madonnen und Heiligen im Spätwerk oft mit lieblichen Engel-Kindsköpfen bis an die Kitschgrenze. Doch zugleich entstehen um 1660 noch Bilder wie „Der Gekreuzigte mit einem Maler“: In dessen hagerer Gestalt am rechten Bildrand, die ergriffen aufblickt, vermutet man ein Selbstporträt. Ein Künstler als Augenzeuge beim Tode Jesu ist ein in der Kunstgeschichte einmaliges Motiv: Mehr Vertrauen in die erlösende Kraft der Malerei kann man kaum haben.


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