Wolfsburg

Oskar Kokoschka – Humanist und Rebell

Die Macht der Musik, 1920, Öl auf Leinwand, 100 x 151.5 cm © Fondation Oskar Kokoschka / VG Bild-Kunst, Bonn 2014. Fotoquelle: Kunstmuseum Wolfsburg

Nazis beschlagnahmten 400 Kokoschka-Werke

 

Dem Kunstmuseum ist diese Wegscheide wohl bewusst: Bis zur Dresdener Episode sind die Bilder chronologisch aufgereiht, um die raschen Wechsel in Kokoschkas Stil aufzuzeigen. Danach werden sie zu banalen Themen-Räumen wie Kinder, Tiere, Frauen, Musik und Engagement gruppiert, in denen die Arbeiten bunt durcheinander hängen – was das schwache und daher deutlich unterrepräsentierte Spätwerk kaschiert. Da finden sich Agitprop-Motive aus den 1920/30er Jahren neben völlig belanglosen Bürgermeister-Porträts aus den 1950ern.

 

Kokoschka blieb weiter sehr agil. 1934 emigrierte er nach Prag, wo er seine spätere Frau Olga kennen lernte. 1937 konfiszierten die Nazis 400 (!) seiner Werke aus deutschen Museen und zeigten 16 in der Femeschau "Entartete Kunst". Im Folgejahr floh das Paar nach London; seine Bilder reüssierten in den USA.

 

Hauptsache farbenfroh

 

Nach dem Krieg stieg er endgültig zum Malerfürsten auf; Aufträge und Auszeichnungen kamen aus ganz Europa. Und er malte, wen er kriegen konnte: etwa Altkanzler Konrad Adenauer, Wirtschaftswunder-Minister Ludwig Ehrhard und Bundespräsident Theodor Heuss. Nur Gandhi und Churchill verweigerten sich.

 

Kokoschkas Fließband-Produktion jener Jahre ist anzusehen, dass seine Kreativität erschöpft war. Bis Mitte der 1920er Jahre fand er für jede Bildaufgabe originelle und häufig bestechende Lösungen. Später begnügte er sich mit quietschbuntem Einerlei, dessen hektisch fahrige Pinselführung nicht verbergen kann, dass er seine Formensprache verlernt hatte. Hauptsache farbenfroh – ein Publikum, das ratlos vor dem Abstraktions-Chaos von Informel und gestischer Malerei stand, war schon zufrieden, wenn es irgendetwas erkennen konnte.

 

"Erstklassige Propaganda für diese Kindersache"

 

Das bediente Kokoschka so geschickt wie beliebig. Malte er einen sowjetischen Botschafter, klatschte er eine Lenin-Statue in den Hintergrund. Porträtierte er den tschechoslowakischen Vorkriegs-Präsidenten Tomáš G. Masaryk, spachtelte er die Nationalhelden Jan Hus und Comenius hinzu. Zudem propagierte er wortreich einen wolkigen Humanismus, der keinem weh tat, und spendete großzügig für gute Zwecke – sofern es seinem Ruhm diente.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung  “1913: Bilder vor der Apokalypse”  mit Werken von Kokoschka im Franz Marc Museum, Kochel am See

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Wien Berlin: Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz"  - großartige Ausstellung mit Werken von Kokoschka in Berlin + Wien

 

und hier einen Bericht über den Film “Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden” von Christoph Stark über den Dichter Georg Trakl + Oskar Kokoschka.

 

So reichte Kokoschka das Honorar von 200.000 DM für sein Adenauer-Porträt an obdachlose Kinder weiter, weil immaterieller Lohn winkte: "Der Bericht darüber erscheint in der ganzen Welt, und für mich war es eine erstklassige Propaganda schon wegen des Preises, den ich in der Höhe nie selber kriegen könnte, bloß für diese Kindersache." Noch populärer wurde 1970 sein Bild des Bengels von Sophia Loren und Filmproduzent Carlo Ponti: Der Sponsor "Allgäuer Alpenmilch AG" verkündete stolz, 10 Millionen Menschen hätten es gesehen.

 

Schule der Selbstvermarktung

 

Kokoschkas hemmungslose Selbstvermarktung verschweigt das Kunstmuseum zwar nicht, versteckt sie aber verschämt im Katalog. In der Ausstellung soll nichts die Freude an der Jubiläumsschau stören: Alles wunderbar prächtig, harmonisch und menschenfreundlich hier. Doch die Medienwelt aus Zeitschriften wie "Quick" und TV-Wohltätigkeitsshows, die den Maler zum Star machte, ist längst verschwunden wie die alte Bundesrepublik.

 

Um seine Relevanz für die Gegenwart zu behaupten, erklärt ihn die Schau zum Anreger der "Neuen Wilden" der 1980er Jahre. Was absurd ist: Die rotzfrechen Bilderstürmer bedienten sich wohl beim Expressionismus, aber gewiss nicht bei diesem saturierten Großkünstler, der nur noch Staatskanzleien auspinselte. Kokoschkas Nachfolger findet man eher in Spektakeln des kommerziellen Kunstbetriebs. Ob sie es wissen oder nicht: Damien Hurst und Jeff Koons sind seine gelehrigen Schüler.


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