Dresden

Move little hands… „Move!“– Die tschechischen Surrealisten Jan und Eva Švankmajer

Eva Švankmajer: Portrait von Jan (Detail), 1969. © ATHANOR – Film production company, Ltd.. Fotoquelle: Kunsthalle im Lipsiusbau, SKD

Alle Macht der Imagination: Das Ehepaar Švankmajer zählt zu den bedeutendsten Surrealisten in Tschechien. Ihr einzigartiges Werk zwischen Puppentheater, Fabelwesen und Trickfilmen präsentiert der Lipsiusbau kongenial als prachtvolle Wunderkammer.

Mehr Paralleluniversum geht nicht: Die einzigartige Welt von Jan (geb. 1934) und Eva Švankmajer (1940-2005) wird im Dresdener Lipsiusbau in verschwenderischer Fülle ausgebreitet. Als luftiges Labyrinth aus Stellwänden, Vitrinen und Kino-Kabinetten, in dem es vor seltsamen Einfällen, fantastischen Wesen und kühnen Geistesblitzen nur so wimmelt. Eine Geisterbahn im Zwischenreich von Film, Kunst und Kuriositätenkabinett – möge es dem Werk des tschechischen Surrealistenpaars hierzulande die Aufmerksamkeit verschaffen, die seinem Rang gebührt.

 

Info

 

Move little hands… „Move!“ –
Die tschechischen Surrealisten Jan und Eva Švankmajer 

 

19.11.2019 – 08.03.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

in der Kunsthalle Lipsiusbau, Dresden

 

Begleitheft gratis

 

Weitere Informationen

 

In der Filmwelt ist Jan Švankmajer ein Geheimtipp geblieben, ein director’s director. Seine mehr als 30 Lang- und Kurzfilme liefen auf vielen Festivals; sie haben mit ihrer ausgefeilten Stopptrick-Technik ähnlich einfallsreiche Kollegen wie Tim Burton, Terry Gilliam oder die Quay Brothers stark beeinflusst. Doch das breite Publikum erreichten sie nicht, weil sie kaum regulär ins Kino kamen. Obwohl sie allen Altersgruppen etwas zu bieten haben: Ihre märchenhaft verspielte Bastel-Ästhetik wirkt kindgerecht – doch ihre Handlung voller drastischer Erotik und Gewalt ist oft very adult oriented.

 

Prag ist Marionetten-Hochburg

 

Diese scheinbar paradoxe Kombination gründet in ihrer Ausbildung: Beide studierten Szenografie und Puppenspiel in Prag. Die tschechische Hauptstadt ist eine Hochburg für anspruchsvolles Marionettentheater; an deren renommiertester Bühne „Laterna Magika“ arbeitete Jan Švankmajer zeitweise als Regisseur. Ihre Produktionen sind keine Kasperle-Stücke, sondern bereiten komplexe Stoffe für das Spiel mit Gliederpuppen auf; Švankmajer setzte sie bald auch in bewegte Bilder um.

Feature zur Ausstellung. © Kunsthalle im Lipsiusbau, SKD


 

Suizid aus Künstler-Ehrgeiz

 

Etwa in seinem ersten KurzfilmDer letzte Trick des Herrn Schwarzewald und des Herrn Edgar“ von 1964: Beide Puppen sind Zauberkünstler, die erstaunliche Kunststücke vorführen. Von ihren Darbietungen selbst begeistert, gratulieren sie einander immer heftiger händeschüttelnd – bis einer dem anderen einen Arm ausreißt. Als Auftakt zu einer Orgie der Selbstverstümmelung: Um einander zu übertreffen, zerlegen sie sich in Einzelteile – Suizid aus künstlerischem Ehrgeiz.

 

Diese gallige Pointe ist typisch für Švankmajers Filme. Situation und Atmosphäre können jederzeit umschlagen; das Liebliche ins Groteske, das Raffinierte ins Grobschlächtige und umgekehrt. Die Extreme berühren sich nicht nur, sie prallen aufeinander und durchdringen sich: ein Prinzip des Surrealismus, dem sich die Švankmajers ab Ende der 1960er Jahre verschrieben.

 

Lider scheiden Traum von Realität

 

1968 hatte die Rote Armee den „Prager Frühling“ gewaltsam niedergeschlagen; danach wurde nonkonformistische Kunst nur noch in Nischen geduldet. Der betrüblichen Wirklichkeit begegnete Jan Švankmajer, indem er sie für irrelevant erklärte. „Zwischen Traum und Realität steht nur eine unbedeutende physische Handlung: das Öffnen und Schließen der Augenlider. Beim Tagträumen entfällt diese sogar“, betonte er in seinem „Dekalog“ – zehn Geboten für surrealistisches Filmemachen.

 

Das wurde ihm 1973 verboten, weil man ihm vorwarf, sein Kurzfilm „Leonardos Tagebuch“ enthalte versteckte politische Botschaften. Also verlegten sich die Švankmajers auf bildende Künste: Sie sammelten unzählige Naturalien – Versteinerungen, Tierknochen, aber auch Haushaltszubehör aller Art – und verarbeiteten diese objets trouvés zu Collagen, Skulpturen oder Assemblagen, die jeder Einordnung spotten.

 

Vier Obsessionen in einer Kopfgeburt

 

Diese irrwitzigen Gebilde werden in einer Wunderkammer präsentiert, die das Erdgeschoss füllt: ein Bestiarium voller fantastischer Tierpräparate und bizarrer Konstruktionen aus Utensilien wie Scheren, Bürsten und Küchengerät. Daraus fertigte Jan Švankmajer sogar eine mannshohe „Masturbationsmaschine“ für seinen Film „Conspirators of Pleasure“ (1996) an.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Magritte – Der Verrat der Bilder“ – große Retrospektive des Surrealisten in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Art et Liberté – Umbruch, Krieg und Surrealismus in Ägypten (1938-1948)“ im K 20, Düsseldorf

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Afterimages“ – schöne Überblicks-Schau zur „Schwarzen Romantik in der Film- und Videokunst“ mit Beiträgen von Nathalie Djurberg und den Quay Brothers in der Kunstsammlung Jena

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Bewusste Halluzinationen – Der filmische Surrealismus“ im Deutschen Filmmuseum, Frankfurt/Main

 

und hier eine Kritik der Ausstellung „Djurberg & Berg – A Journey through Mud and Confusion with small Glimpses of Air“ – umfangreiche Werkschau von Nathalie Djurberg in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt.

 

Den Fabelwesen in den Vitrinen ringsum hat er eine eigene Zoologie auf ihre vielköpfigen und -schwänzigen Leiber geschrieben. Da soll die Art „Fellania Oidipensis (Ovariacae)“ sich fortpflanzen, indem das männliche Junge mithilfe seines Penis aus dem Ei schlüpft und dieser vom Muttertier so lange gesaugt wird, bis sein Samen sie befruchtet. Danach entmannt ihn die Mutter mit einem Biss, und das zuvor männliche Junge mutiert zum Weibchen. Fellatio, Inzest, Kastration und Geschlechtsumwandlung – vier erotische Obsessionen in einer Kopfgeburt vereint. Salvador Dalì wäre begeistert.

 

Aus der Traum vom Ton-Menschen

 

Genauso explizit geht es in der figurativen Malerei von Eva Švankmajer zu. Da tummeln sich allerlei nackte Gestalten, vorzugsweise Frauen, in physisch unmöglichen Konstellationen; Schwerkraft und Perspektive scheinen aufgehoben. Wobei sie sich auf ähnlich verwegene Vorbilder bezieht: von Hieronymus Bosch und Giuseppe Arcimboldo, seit 1570 Meister-Manierist am Prager Hof, bis zu René Magritte und Max Ernst. Allerdings freudianisch geschult: Setzte Arcimboldo seine Gesichter aus Früchten und Gemüsen zusammen, wählt sie dafür sich räkelnde Leiber.

 

Doch der Švankmajersche Privatkosmos ist keineswegs unpolitisch. 1990 drehten sieDer Tod des Stalinismus in Böhmen“ als Bildergewitter aus Konterfeis von KP-Größen und ätzendem Kommentar: Aus Ton werden identische Figürchen geformt, die anschließend vom Fließband stürzen und sofort wieder zu Tonerde zerfallen – aus der Traum vom ‚Neuen Menschen‘. In anderen Filmen interpretierten sie klassische Stoffe um, etwa „Alice im Wunderland“ (1988) oder den Faust-Mythos (1994).

 

Subversive Vorstellungskraft

 

Dieses beziehungs- und gedankenreiche Anknüpfen an die Tradition unterscheidet sie von eklektischen Epigonen, etwa den banalen Knetgummi-Trickfilmen der Schweden Nathalie Djurberg und Hans Berg. Die Švankmajers entfesseln ihre Imagination, um das klägliche Vorhandene mit attraktivem Abseitigen zu kontern: „Die Vorstellungskraft ist subversiv, denn sie stellt dem Wirklichen das Mögliche entgegen“, heißt es im „Dekalog“. So wird ihr skurriles Puppen- zum zeitlosen Welttheater.