Frankfurt am Main

En Passant: Impressionismus in Skulptur

Eugène Carrière: (1849–1906) Der Schlaf, 1890, Öl auf Leinwand, 66,2 × 82,3 cm, Frankfurt am Main, Städel Museum. Foto: Städel Museum

Flüchtige Sinneseindrücke in Bronze oder Marmor? Impressionistische Skulpturen erscheinen als Widerspruch an sich. Das Städel Museum spürt sie trotzdem auf – allerdings mit einer Konzentration auf zwei Künstler, die einige Zeitgenossen vernachlässigt.

Einer der großen Nachteile von Globalisierung und Digitalisierung ist, dass es nichts mehr zu entdecken gibt. Das gesamte Erdenrund ist vermessen und kartiert; selbst von unzugänglichen Hochgebirgen und Eiswüsten gibt es hoch auflösende Satellitenaufnahmen. Ähnlich verhält es sich in der Kunstgeschichte: Das dichte Geflecht aus Strömungen und wechselseitigen Einflüssen ist weitgehend ausgeforscht. Kaum lässt sich noch ein neuer, bislang unbeachteter Aspekt ausfindig machen.

 

Info

 

En Passant:
Impressionismus in Skulptur

 

19.03.2020 – 25.10. 2020

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

donnerstags und freitags bis 21 Uhr

im Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main

 

Katalog 39,90 €

 

Weitere Informationen

 

Das Städel Museum versucht es trotzdem – ausgerechnet beim wohl bekanntesten und beliebtesten Stil der modernen Kunst überhaupt, dem Impressionismus. Der wird gemeinhin mit Malerei und Grafik verbunden, vielleicht noch mit Fotografie, aber nicht mit Plastiken. Kein Bildhauer wird rundweg dem Impressionismus zugeordnet. Verständlich: Flüchtige Sinneseindrücke lassen sich kaum in schweres Metall gießen oder in Marmor meißeln. Deshalb ist die Schau vorsichtig als „Impressionismus in Skulptur“ betitelt – obwohl in ihren Texten auch von „impressionistischer Skulptur“ und „Skulptur im Impressionismus“ die Rede ist.

 

Kaum ein Prozent der Exponate

 

Das mag spitzfindig klingen, ist es aber nicht. In der Gruppe der Impressionisten, die ihre Werke in acht Pariser Ausstellungen zwischen 1874 und 1876 zeigten, spielten Skulpturen praktisch keine Rolle: Diese machten mit nur 17 von insgesamt 1980 präsentierten Exponaten weniger als ein Prozent aus. Davon waren allein zehn klassizistische Werke des Salonkünstlers Auguste-Louis-Marie Ottin, der sich anfangs stark für die Gruppe engagierte, aber dem akademischen Schönheitsideal verpflichtet blieb.

Feature zur Ausstellung. @ Städel Museum, Frankfurt am Main


 

Fast lebensgroße Ballett-Maus

 

Sechs weitere Arbeiten stammten von Paul Gauguin: zwei Marmorköpfe von Frau und Sohn, ein Holzmedaillon und ein -relief, eine -statuette und eine Holz-Wachs-Büste. Allesamt originelle Fingerübungen, mit denen sich aber schwerlich die Existenz impressionistischer Skulpturen begründen ließe. Anders die 17. Arbeit: die fast lebensgroße Plastik „Kleine 14-jährige Tänzerin“, die Edgar Degas (1834–1917) auf der sechsten Gruppenschau 1881 ausstellte. Die Reaktionen darauf waren so heftig, dass Degas nie wieder eine Plastik öffentlich zeigen sollte.

 

Die fast lebensgroße Figur eines Mädchens mit gerecktem Kopf und geschlossenen Augen, auf dem Rücken verschränkten Händen und ausgestelltem rechten Fuß war nicht in Marmor oder Bronze ausgeführt, sondern aus Wachs und echten Haaren mit Korsage und Tutu aus Textil – in der Frankfurter Ausstellung ist ein später entstandener Bronze-Abguss zu sehen. 1881 schockierten nicht nur die gewöhnlichen Materialien, sondern auch das Sujet: Eine solche Ballett-Maus wurde mit Prostitution in Verbindung gebracht.

 

Arbeitshilfen, nicht Kunstwerke

 

„Guter Gott! Wir werden impressionistische Bildhauer haben“, kommentierte der Kritiker Jules Claretie dieses Werk; das von ihm geprägte Begriffspaar war laut Kuratoren um 1900 im Kunst-Diskurs geläufig. Was mit Blick auf Degas‘ „Kleine Tänzerin“ erstaunt: Alltägliche Motive und ’niedere‘ Materialien gab es auch bei den Realisten. Dagegen fehlt seiner eher statuarischen Figur, was man gemeinhin unter impressionistisch versteht: die subjektive Sicht auf einen vergänglichen Moment, das Flirrende und Fragmentarische der Darstellung.

 

Derlei findet sich eher bei den Kleinplastiken, die Degas in großer Zahl anfertigte; sie füllen in dieser Schau drei Säle. Diese Bewegungsstudien, meist ebenfalls von Tänzerinnen, beschränken sich auf Körperhaltungen und Masseverteilung; ihre detailarmen Oberflächen weisen deutliche Bearbeitungsspuren auf. Nur: Degas benutzte sie als dreidimensionale Arbeitshilfen, mithilfe derer er Linien und Konturen für Zeichnungen und Gemälde studierte. Als autonome Kunstwerke betrachtete er sie nicht.

 

Oberflächen voller Lichtreflexe

 

Ganz anders der italienische Bildhauer Medardo Rosso (1858-1928): Ihm war daran gelegen, in Skulpturen einen flüchtigen Augenblick einzufangen. Dazu bettete er eine Figur oder ihren Kopf in den sie umgebenden Raum ein, aus dem sie häufig nur schemenhaft hervortreten; etwa in „La Portinaia“ von 1883/4, einem Bildnis seiner Concierge. Dadurch wirken die Porträtierten meist sehr lebendig. Andererseits sind aber ihre Züge oft nicht leicht zu erkennen, wie etwa bei Mutter und Kind in „Das goldene Zeitalter“ (1902). Im Rückblick erstaunt, wie viel Anerkennung Rosso ab 1900 für seine radikale Formensprache fand; ähnlich wie der mit ihm befreundete Maler Eugène Carrière (1849–1906), der vergleichbar vorging.

 

Ebenfalls sehr erfolgreich war der Autodidakt Paolo Troubetzkoy (1866-1938). Der in Italien geborene Sohn russischer Emigranten war ein Kosmopolit und gefragter Porträtist, der sich in den besten Kreisen bewegte. Er modellierte Oberflächen voller Buckel und Mulden, in denen Lichtreflexe spielten – womit sein Ansatz der impressionistischen Malerei recht nahe kam. Wie lebensnah seine Bronzen auftreten, zeigt etwa seine kleine Ganzkörperfigur von Adelaide Aurnheimer (1897): Ihr Antlitz erscheint konventionell glatt, ihr Ballkleid hingegen als wild wogendes Stoffgebirge.

 

Form von frisch­gepflügtem Acker

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Impressionismus – Die Kunst der Landschaft“ mit Werken von Auguste Rodin im Museum Barberini, Potsdam

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Auguste Rodin“ – ausgezeichnetes Biopic über den Maler von Jacques Doillon

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Monet.Orte“ – opulente Impressionismus-Retrospektive im Museum Barberini, Potsdam

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Begas – Monumente für das Kaiserreich“ – Werkschau des führenden Neobarock-Bildhauers + Rodin-Rivalen im Deutschen Historischen Museum, Berlin.

 

Noch bewegter fielen die Werke von Rembrandt Bugatti aus. Er kam 1884 in einer Künstlerfamilie zur Welt; sein älterer Bruder Ettore wurde später als Rennwagen-Konstrukteur berühmt. Der hoch talentierte Rembrandt Bugatti stellte mit 16 Jahren erstmals aus; er schuf ausschließlich Plastiken von Tieren, die er auf der Weide oder im Zoo beobachtete. Dabei fing er ihre spezifischen Bewegungen prägnant ein, mit allen Unebenheiten, so dass „die Form einem frisch­gepflügten Acker gleicht“, wie der Kunsthistoriker Richard Hamann 1907 mokant bemerkte.

 

Rosso, Troubetzkoy und Bugatti sind hierzulande wenig bekannt; vielleicht mit Ausnahme von Bugatti, dem die Berliner Alte Nationalgalerie 2014 eine Werkschau widmete. Daran ändert diese Schau leider wenig: Ihre Arbeiten werden mit je einem kleinen Raum abgefertigt. Dagegen ist fast das gesamte Untergeschoss für Werke des Weltstars Auguste Rodin (1840-1917) reserviert. Die Auswahl lehnt sich an eine Rodin-Retrospektive 1900 in Paris an, mit Hauptwerken wie seiner „Eva“ (1881), den „Bürgern von Calais“ (1885/95) und seinem Balzac-Denkmal (1897). Über Rodins Kühnheit, mit der er den Romancier in seinem Arbeitskittel fast verschwinden lässt, staunt man noch heute. Aber ist das impressionistisch?

 

Weitere Bildhauer fehlen

 

Im Grunde ist diese Ausstellung eine Degas-Rodin-Doppelschau, mit kurzen Seitenblicken auf Verwandtes. Das mindert nicht die Qualität der Exponate, im Gegenteil: Derart viele Meisterwerke etwa von Rodin findet man sonst nur in Paris und Philadelphia versammelt. Doch für eine umfassende Klärung der Frage, ob und wie impressionistische Skulpturen geschaffen wurden, müsste man weitere Bildhauer der Epoche wie Antoine Bourdelle (1861–1929) und Leonardo Bistolfi (1859–1933) nicht nur mit kleinen Kostproben aufnehmen.