
Der eine genießt Weltruhm, den Namen des anderen kennen heute nur noch Spezialisten: Die Kunsthalle Bremen stellt ein ungleiches Freundespaar vor. Die reich bestückte und präzise recherchierte Schau zu Édouard Manet (1832-1883) und Zacharie Astruc (1833-1907) heftet sich an beider Spuren. Sie geht gemeinsamen Interessen und Vorlieben nach und zeigt erhellend ihr Wechselspiel im Pariser Kunstbetrieb im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.
Info
Manet und Astruc –
Künstlerfreunde
23.10.3021 - 27.2.2022
täglich außer montags
10 bis 18 Uhr,
dienstags bis 21 Uhr
in der Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, Bremen
Katalog 34 €
Hipster-Vollbärte um 1870
Er versammelt auf seinem Großformat „Atelier im Batignolles-Viertel“ (1870) die Insider der jungen Pariser Szene. Wie heutzutage Hipster tragen die Herren modisch geschniegelte Vollbärte. Dunkle Anzüge zur intellektuellen Blässe geben ihnen etwas Dandyhaftes. Claude Monet hat sich eingefunden, der Schriftsteller Emile Zola, der Maler Frédéric Bazille und andere. Noch ist keiner von ihnen berühmt.
Feature zur Ausstellung; © Kunsthalle Bremen
Astruc-Porträt seit 1909 in Bremen
Im Zentrum sitzt Manet vor seiner Staffelei und malt. Daneben hält Astruc als Modell still. Vom entstehenden Porträtgemälde ist nur die Rückseite zu sehen. Die Anwesenden schweigen. Ihre Blicke gehen ins Weite oder prüfend auf die Leinwand. Eine neue Kunst wollen die Versammelten aus der Taufe heben; bald wird der Impressionismus erfunden.
Das seinerzeit von Manet geschaffene Porträt Astrucs hängt jetzt im selben Ausstellungsraum. Seit 1909 zählt es zu den Glanzstücken der Bremer Kunsthalle, die sich schon früh auf die französische Moderne kaprizierte. Kuratorin Dorothee Hansen unternimmt es nun, den wenig bekannten Astruc aus dem Schatten seines Freundes Manets herauszuholen.
Gemeinsame Spanien-Begeisterung
Der Sohn eines Schusters aus Angers fasste in Paris als umtriebiger Literat rasch Fuß, etwa als Gründer von Zeitschriften. 1862 taucht er erstmals auf einem Gemälde von Manets auf: Inmitten einer Menschenmenge lauscht er der „Musik im Tuileriengarten“. Das skizzenhafte Gemälde gilt als ein Vorläuferwerk des Impressionismus; die Komposition verrät spanische Einflüsse. Tatsächlich teilten Astruc und Manet ihre Begeisterung für die iberische Kultur.
Bereits bei Manets Debüt „Guitarrero“, mit dem er auf dem Pariser Salon von 1860 Aufsehen erregt, ist sein Vorbild Velázquez unübersehbar. Beim spanischen Hofmaler schaute Manet sich kühles Grau und samtiges Schwarz ab – und ebenso die Wirklichkeitsnähe: Sein Gitarrenspieler mit ausgefransten Strohsandalen und singend geöffnetem Mund wirkt wie eingefroren. Diese ungeschönte Direktheit verblüffte die Zeitgenossen.
Programmatischer Bildzitate-Mix
Als Manet wenige Jahre später zu einer Studienreise nach Spanien aufbricht, hat er eine von Astruc vorgeschlagene Route in der Tasche; sie ist in der Schau als wandgroße Landkarte zu sehen. Astruc hatte seinem Freund vom Prado vorgeschwärmt. Manet begeisterte sich auch für die Stierkämpfe, kam aber bald wieder zurück nach Paris. Als hier die spanische Tänzerin Lola de Valence gastierte, widmete Astruc ihr eine selbstkomponierte Serenade. Manet steuerte die Titelgrafik bei.
Eine andere gemeinsame Leidenschaft galt Japans Kultur. Das zeigt Manets Astruc-Bildnis: Neben ihm liegt vorn ein Album mit japanischen Holzschnitten; darauf prangt Manets Widmung. Das Spiel mit sinnreichen Zitaten steigerte der Maler zwei Jahre später auf seinem Bildnis Emile Zolas. Hinter ihm sind wie auf einer Pinnwand ein japanischer Farbholzschnitt, einen Goya-Stich und ein Foto seines eigenen Skandalbildes „Olympia“ befestigt; ein programmatischer Mix. Das Aktgemälde hatte in Paris einen Sturm der Entrüstung entfacht; Zola und Astruc stärkten Manet publizistisch den Rücken.
Japonismus in zweierlei Gestalt
Ausgiebig geht die Ausstellung den japanischen Einflüssen auf das Wirken der Künstlerfreunde nach. Japonica-Importe wie Fächer, Stellschirme und Kostümpuppen lösten nicht nur bei Künstlern eine Sammelwut aus. Die Pariser Weltausstellungen 1867 und 1878 befeuerten die Japanmode zusätzlich. Manet pinselte Katzen oder eine Gurkenranke so flott aufs Blatt, als sei er zum Tuschemaler mutiert. Amateur-Aquarellmaler Astruc hielt dagegen auf detailverliebten Interieurbildern zeitgenössische Pariserinnen in ihren Ostasiatica-Salons fest.
Auf der ersten Impressionistenschau 1874 war Astruc mit einem Stillleben voller Japan-Puppen vertreten. Aber der Qualitätsunterschied zu Manet bleibt unübersehbar, etwa bei Blumenstillleben. Sie bilden – Überraschung! – einen Höhepunkt dieser Ausstellung. Bouquets in Vasen, Schalen und Rankgittern strahlen farblich um die Wette. 244 Blumenstücke schuf Astruc. Seine präzis beobachtete Anemonen, Irisse oder Rosen sind frei von tiefgründigen Botschaften. Doch trotz botanischer Exaktheit fehlt ihnen ein Quäntchen Natürlichkeit. Solche dekorativen Sujets standen bei Sammlern und Mäzenen hoch im Kurs.
Sag es mit Blumen-Bildern
Auch Manet schätzte solche oft als belanglos belächelte Stillleben. „Ein Maler kann alles ausdrücken mit ein paar Früchten oder Blumen“, soll er gesagt haben. Seine Blumenbilder brillieren allerdings mit lässigem Understatement. Botanische Korrektheit ist ihm egal. Flott streicht er die Farben in duftigen Nuancen auf, kreiert dabei wie von selbst wirklichkeitsnahe Effekte.
Zwei zartrosa Pfingstrosen mit kurzen Stilen stopft er zusammen mit kleinblumigem Blau und Orange in ein kristallines Becherglas. Das bescheidene Bouquet wirkt einfach bezaubernd: ein Meisterwerk aus spontaner Wahrnehmung und flüchtigem Lichtspiel. Der Maler schenkte das Bildchen als galanten Gruß einer „Madame X“, anstelle eines echten Bouquets.
Doppelbegabung als Bildhauer
Doch die Ausstellung zeigt noch eine andere Seite von Astruc auf: Er reüssierte auch als Bildhauer. Bis zu seinem Tod 1907 präsentierte er rund 30 plastische Werke im Pariser Salon. „Die Skulptur ist meine Leidenschaft: Marmor versetzt mich in Begeisterung“, bekannte er. Ein Sensationserfolg war sein „Heiliger Franziskus“. Das 83 Zentimeter hohe Plastik aus farbig bemalter Bronze ahmt perfekt ein spanisches Werk des 17. Jahrhunderts aus Toledo nach. Kitsch oder kunsthistorisches Meisterwerk? Jedenfalls traf es den Zeitgeschmack.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Manet – Sehen: Der Blick der Moderne" - große Werkschau in der Hamburger Kunsthalle
und hier eine Besprechung der Ausstellung "ImEx – Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende" mit Werken von Manet in der Alten Nationalgalerie, Berlin
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Monet, Gauguin, van Gogh … Inspiration Japan" über die Japonismus-Mode Ende des 19. Jahrhunderts im Museum Folkwang, Essen
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Monet und die Geburt des Impressionismus" mit Arbeiten von Édouard Manet im Städel Museum, Frankfurt/ Main.
Kunstbetrieb als Two-Man-Show
Eine Porträtbüste seines Freundes Manet modellierte er 1881. Hohe Stirn, Geheimratsecken, Vollbart: Würdig verewigt das Werk einen Mann Ende Vierzig, der es vom angefeindeten Newcomer zur anerkannten Führungsfigur seiner Generation gebracht hat. Im selben Jahr wird Manet zum Ritter der Ehrenlegion ernannt; zwei Jahre später stirbt er. Seine Entwicklung hatte Astruc als Gesprächspartner und Publizist, als Künstlerkollege und Sangesfreund begleitet.
In einer frühen Rezension schrieb er über Manet: „Er ist das Glitzern, die Inspiration, die kraftvolle Würze und die Überraschung“. Wohl wahr: Die Bremer Schau zeigt es aufs Neue. Aber sie lässt auch einem bescheideneren Talent wie Astruc gebührend Raum – und seinem Beitrag zu Manets Aufstieg zum Starmaler. Der Kunstbetrieb ist eben keine One-Man-Show, sondern ein Zusammenwirken vieler Akteure.