Cottbus

Weltsichten – Landschaft in der Kunst vom 17. bis zum 21. Jahrhundert

Joos de Momper: Berglandschaft mit Reisenden (Detail), um 1620. Foto: © Museum dkw. Cottbus

Landschaft an sich gibt es nicht: Sie wird stets vom Betrachter konstruiert – und verrät mehr über ihn als über die Gegend. Das führt das Museum Dieselkraftwerk anhand von 200 Werken aus fünf Jahrhunderten anschaulich vor.

Natürlich scheint es Landschaft zu geben; etwa im historischen Zentrum von Cottbus auf der Mühleninsel. Fachwerkhäuser und ein kleiner Park samt Teich umringen ein monumentales Industriedenkmal: das frühere Dieselkraftwerk (DKW), 1928 im Stil des norddeutschen Backstein-Expressionismus errichtet. 2008 zog hier das städtische Kunstmuseum ein – inmitten einer idyllischen Stadtlandschaft, möchte man meinen.

 

Info

Weltsichten –
Landschaft in der Kunst vom 17. bis zum 21. Jahrhundert

 

16.09.2012 – 15.01.2013
täglich außer montags
10 bis 18 Uhr im Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus

 

Katalog 30 €

 

Weitere Informationen

Nicht unbedingt, argumentiert die Ausstellung «Weltsichten»: Vom Betrachter hängt ab, wie er seine Eindrücke ringsum bewertet. Zumal sich kein 360-Grad-Rundblick auf die Leinwand bannen lässt: Landschaft ist stets ein ausgewählter, strukturierter und manipulierter Teil der Erfahrungswelt.

 

Brüche + Paradigmen-Wechsel

 

Das belegt die Schau mit rund 200 Gemälden und Fotografien aus einer Bochumer Privatsammlung; sie ist nach Stationen in drei Städten nun in veränderter Form in Cottbus zu sehen. Das Museum DKW zeigt sie in fünf thematischen Abteilungen, um Brüche und Paradigmen-Wechsel in den Auffassungen von Landschaft zu verdeutlichen.


Interview mit Kuratorin Carmen Schliebe + Impressionen der Ausstellung


 

Welt-Landschaften für den Lebens-Weg

 

Die «Erfindung der Landschaft» als eigenständigem Malerei-Genre geschieht in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. Etwa bei der «Berglandschaft mit Reisenden» um 1620 von Joos de Momper, die zu den so genannten «Weltlandschaften» gezählt wird: Von einem erhöhten Standpunkt aus blickt man auf eine Art Bühne. Auf ihr breitet sich ein gestaffeltes Panorama aus Bergen und Tälern aus. Alle Bild-Elemente stehen hier symbolisch für Lebens-Phasen; die Reisenden schreiten quasi den Lebensweg ab.

 

Hier hat der Betrachter noch den totalen Überblick. Das ändert sich wenig später: Künstler wie Jan van Goyen, Meindert Hobbema oder Jacob van Ruisdael wählen um 1650 bewusst kleine Ausschnitte aus ihrer Umwelt. Mit subtilen malerischen Verfahren wie Anschnitten, Spiegelungen und Trübungen ziehen sie den Blick ins Bild hinein. Der Zuschauer soll Teil des Bildes werden und die dem Werk eigene Atmosphäre erfahren.

 

Sehnsuchts-Orte spiegeln Stimmungen

 

Zur Entfaltung kommt dieses subjektive Moment im 19. Jahrhundert: Die Romantik behandelt Landschaft als Spiegelbild und Resonanz-Körper persönlicher Stimmungen. An solchen «Sehnsuchts-Orten» entzieht sich das moderne Individuum dem Diktat des Faktischen: Eine naturgetreue Wiedergabe des Vorgefunden wird aufgegeben, um den Malvorgang selbst ins Zentrum des Bildes zu rücken. 

 

Angebahnt im Realismus eines Gustave Courbet und der Pleinair-Malerei von Camille Corot, wird der Akt der Wahrnehmung im Impressionismus dominant: Hier geht es um reine Sinnes-Eindrücke eines Augenblicks. Umrisse lösen sich in dynamischen Farb-Wirbeln auf; wie bei der intensiv leuchtenden «Waldschneise» von Cuno Amiet, die als Plakat-Motiv der Schau dient. Zeitgleich wird Technik ein Teil der Landschaft: etwa das «Schleppschiff» von Pierre Bonnard, das optisch mit Fluss und Ufer verschmilzt.

 

Düstere Visionen bedrohter Landschaften

 

Die neue Motivwelt der Industrialisierung und Urbanisierung bietet zuvor ungeahnte Formen und Metaphern – und die Fotografie ein neues Medium, um sie abzubilden. Auch das führt die Schau anhand zahlreicher Klassiker vor. Berenice Abbott verklärt moderne Architektur in ihren New-York-Ansichten; André Kertész und Umbo gewinnen dem Linienspiel von Straßen und Brücken diskrete Poesie ab. Andreas Feininger setzt das Menschen-Gewimmel auf Straßen und Stränden zu schillernden Mosaiken zusammen.

 

Margaret Bourke-White lichtet Los Angeles 1940 als zart-dunstige Silhouette ab – eingehüllt in Smog: «Bedrohten Landschaften» ist eine eigene Abteilung gewidmet. Der Topos zieht sich durch die Jahrhunderte: von altmeisterlichen Gemälden nächtlicher Brände bis zu Foto-Dokumentationen von Kriegs- und Umwelt-Zerstörung in der Gegenwart. Künstler reagieren mit düsteren Visionen: von Franz Radziwills abstürzenden «Flugzeugen» (1938) bis zu schrundigen «Wald»-Ansichten des Zeitgenossen Jan Wawrzyniak.

 

Plastik-Folie als Himmel oder Wasser

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Beitrag zur aktuellen Ausstellung “Karl Friedrich Schinkel – Geschichte und Poesie” im Kulturforum, Berlin

 

und hier eine Rezension der Ausstellung “Turner – Monet – Twombly: Later Paintings” über ihre Landschafts-Malerei in der Staatsgalerie, Stuttgart

 

sowie einen Bericht über die Ausstellung “Claude Lorrain – Die verzauberte Landschaft” mit Werken des 17. Jahrhunderts im Städel Museum, Frankfurt

Dabei haben sich die Perspektiven längst aufgesplittert: «Landschaft als Projektion» wird zur Chiffre für radikal subjektive Operationen. Der Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein reduziert Regenbogen oder Sonnenscheibe auf simple graphische Zeichen und  suggeriert mit gewellter Plastik-Folie Himmel oder Wasserspiegel. 

 

Thomas Florschuetz fotografiert Gebäude als Kulissen für verschachtelte Ein-, Aus- und Durchblicke. Und Sven Drühl formt Konturen traditioneller Landschafts-Malerei mit Neon-Röhren nach – naturferner geht es nicht.

 

Plausible tour d´horizon

 

Unter den knapp 130 Künstlern finden sich zahlreiche berühmte Namen, die meist mit Nebenwerken vertreten sind. Das machen aussagekräftige Arbeiten weniger bekannter Kollegen wett, was der Schau bemerkenswerte Konsistenz verleiht: Allmähliche Veränderungen im Verhältnis zur Landschaft werden äußerst anschaulich ,bebildert‘. In einer tour d´horizon, deren thematische Gliederung nicht revolutionär, aber umso plausibler ist.


Diesen Artikel drucken