Bonn

Alles auf einmal: Die Postmoderne 1967–1992

James Stirling, Michael Wilford und Associates (Architekturfirma), unbekannter Fotograf, James Frazer Stirling (archive creator), Staatsgalerie mit Mannequins, Stuttgart, 1980er Jahre, © James Stirling/Michael Wilford fonds/Canadian Centre for Architecture, Montréal. Fotoquelle: © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Reizüberflutung als Programm: Zum 30-jährigen Bestehen widmet sich die Bundeskunsthalle der postmodernen Epoche, in der sie entstanden ist. Auf den ersten Blick ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene, schürft die Ausstellung durchaus tiefer – auch wenn sie Ursachen und Folgen bis heute nur antippen kann.

Wie stellt man eine ganze Epoche aus? Indem man alles, was irgendwie dazu gehört, zusammenträgt und aufeinander häuft? „Alles auf einmal“, verspricht die Schau über die Postmoderne in der Bundeskunsthalle – und hält Wort. Damit muss sie unter der Bedingung begrenzter Aufnahmefähigkeit der Besucher zwangsläufig scheitern, doch auf beachtlichem Niveau.

 

Info

 

Alles auf einmal:
Die Postmoderne 1967–1992

 

 

29.09.2023 - 28.01.2024

täglich 10 bis 19 Uhr,

mittwochs bis 21 Uhr

in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland,
Helmut-Kohl-Allee 4, Bonn

 

Katalog 39 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Wobei etliche Aspekte frag- oder zumindest diskussionswürdig erscheinen. Schon die Datierung auf das Vierteljahrhundert zwischen 1967 und 1992 wirkt ziemlich willkürlich. Ist es sinnvoll, den Beginn der Postmoderne im Jahr der Studentenproteste und ihrer Kulturrevolution anzusetzen, als der Fortschrittsoptimismus der Moderne in der westlichen Welt seinen Höhepunkt erreichte? Noch zweifelhafter mutet 1992 als Endpunkt an – am ehesten begründbar durch die Einweihung der Bundeskunsthalle: Der sichtlich postmoderne Bau feiert mit dieser Schau sein 30-jähriges Bestehen.

 

Die lange Dauer theoretischer Debatten

 

Nun lautet eine Binsenweisheit der Kulturhistorie, dass jede Ära ihre Vor- und Ausläufer hat. Das ist bei der Postmoderne nicht anders: Ihre Vorgeschichte reicht weit zurück. Ende der 1960er/ Anfang der 1970er Jahre wurden wegweisende Schriften in Philosophie, Medien- und Architekturtheorie veröffentlicht, die ihre volle Wirkung erst einige Jahre später entfalteten. Rezeption und Debatten in den Geisteswissenschaften brauchen eben ihre Zeit.

Feature zur Ausstellung; © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland


 

Plötzlich diese Unübersichtlichkeit!

 

 

Nach 1980 gehörten der Poststrukturalismus von Michel Foucault, Jacques Derrida, Jean-François Lyotard, Gilles Deleuze und Jean Baudrillard oder die Kolonialismus-Kritik von Edward Said jedoch zum geistigen Rüstzeug jedes aufgeweckten Studenten. Obwohl die wenigsten ihre Werke gelesen oder gar verstanden hatten; den meisten reichten ein paar knackige Zitate. An dieses heute kaum noch vorstellbare Vertrauen in kanonische Schriften erinnert die Ausstellung auf rührende Weise. In ihr verstreut stehen mannshohe, aufgeklappte Buchattrappen; geht man hinein, hört man ein paar Sätze des Autors vom Band. Deren Bedeutung erfasst man dadurch natürlich nicht.

 

Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Exponaten. Der britische Architekt und Designer Nigel Coates, ein ausgewiesener Postmodernist, hat den Rundgang in Anlehnung an eine Stadtlandschaft entworfen: verschachtelt, verschlungen und vollgestopft mit disparaten Objekten aller Art. Reizüberflutung aus Prinzip, wie heutzutage bei Tiktok. Damit erzeugt die Ausstellung eine genuin postmoderne Erfahrung: plötzlich diese Unübersichtlichkeit! Nach den monotonen Formaten der Nachkriegsgesellschaften prasselten jetzt auf den Einzelnen jede Menge aufregende Stimuli ein: Alles so schön bunt hier.

 

Die Gegenwart der Vergangenheit

 

Die kreative Explosion machte sich am stärksten in Architektur und Design bemerkbar. Robert Venturi et al. hatten 1972 in „Learning from Las Vegas“ die Vergnügungsmetropole zum Vorbild erklärt. 1977 lieferte Charles Jencks mit „The Language of Postmodern Architecture“ den Katechismus zur Bewegung; drei Jahre später wurde sie auf der 1. Architektur-Biennale in Venedig endgültig breitenwirksam.

 

Ihr Motto „La presenza del passato“ („Die Gegenwart der Vergangenheit“) war Programm: Anstatt öde Standards der industriellen Moderne zu wiederholen, sollten Architekten aus dem historischen Repertoire schöpfen, um Stile und Elemente frei zu kombinieren. So wie Charles Moore, der 1978 mitten in New Orleans eine „Piazza d’Italia“ anlegte – mit allem, was Italiens Bautraditionen seit der Römerzeit geprägt hat.

 

Hindernisparcours aus Designerstücken

 

Mit solchem Recycling unerhört Neues zu schaffen gelang postmodernem Design. Vor allem italienische Designer wie die „Memphis“-Gruppe um Ettore Sottsass oder das „Studio Alchimia“ von Alessandro Guerriero und Alessandro Mendini mixten wild Versatzstücke aller Zeitalter. Mendini überzog 1978 seinen Barock-Sessel „Proust“ mit postimpressionistischen Farbtupfern; Masanori Umeda von „Memphis Milano“ gestaltete 1981 ein Bett als Boxring.

 

Solche bizarren Hingucker finden sich zuhauf in der Ausstellung, was sie zum unübersichtlichen Hindernisparcours macht; das dürfte daran liegen, dass Bundeskunsthallen-Intendantin und Ko-Kuratorin Eva Kraus ausgebildete Designerin ist. Auch an Architektur-Modellen und -Entwürfen wird nicht gespart. Dagegen kommen postmoderne Ansätze und Verfahren in Literatur und Film kaum vor, weil sie sich schlecht veranschaulichen lassen – seltsamerweise fehlt auch bildende Kunst weitgehend.

 

Trommelfeuer steiler Thesen

 

Anders die Popkultur: Sie wird mit einer Nachahmung der legendären New Yorker Disco „Palladium“, die der japanische Star-Architekt Arata Isozaki 1985 gestaltet hatte, geradezu zelebriert. Dabei begnügt sich die Schau nicht mit Oberflächenreizen, sondern will aufzeigen, was die Selbststilisierung in Subkulturen und Nachtleben eigentlich über den damaligen Zeitgeist aussagte. Getreu postmodernen Vorläufern: 80er-Jahre-Zeitschriften wie „The Face“ oder „SPEX“ pflegten neue Platten und Modeaccessoires gern auf ihre semiotischen Codes abzuklopfen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Plastic World" über Kunst aus Kunststoffen mit Werken des postmodernen Architekten Hans Hollein in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main 

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Unendlicher Spaß" – Gegenwartskunst kommentiert den gleichnamigen postmodernen Riesenroman von David Foster Wallace in der Schirn, Frankfurt

 

und hier einen Beitrag über den Film "Weißes Rauschen" – detailverliebte Verfilmung des postmodernen Romans von Don DeLillo durch Noah Baumbach mit Greta Gerwig + Adam Driver

 

und hier einen Beitrag über den Film "Inherent Vice – Natürliche Mängel" – Adaption des postmodernen Späthippie-Romans von Thomas Pynchon durch Paul Thomas Anderson

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Bodenlos – Vilém Flusser und die Künste" – Überblick über das Lebenswerk des postmodernen Medientheoretikers in Karlsruhe + Berlin.

 

Das kühne Vorhaben einer mentalitätshistorischen Totalanalyse sprengt selbstredend die Schau und findet vorwiegend im Katalog statt – für die meisten Beiträge dürfte Ko-Kurator Kolja Richter verantwortlich zeichnen, ein intellektueller Hansdampf in allen Gassen. Im apodiktischen Jargon und atemlosen Stil postmoderner Publikationen, deren Lektüre offenbar auf ihn abgefärbt hat: Eine provokante oder paradoxe Formulierung jagt die nächste, für ein Trommelfeuer steiler Thesen. Die Halbwertzeit einer Theorie ist egal; Hauptsache, sie klingt gut! Aber die Tendenz der Argumentation leuchtet ein.

 

Macht, was ihr wollt – wenn ihr könnt!

 

In den 1970er Jahren schwand der Glaube an alleinseligmachende Welterklärungen – erst unter Akademikern, dann bei den Massen. Von ihrem Post-1968-Kater sollte sich die revolutionär oder progressiv gestimmte Linke nie wieder erholen. Zugleich führte politische Liberalisierung zu ökonomischer Privatisierung: Deregulierte Finanzmärkte öffneten national wie international die Schere zwischen Arm und Reich. Anstelle von paternalistischer Fürsorge eröffneten Staat und Gesellschaft mehr Freiräume für individuelle Selbstverwirklichung: Macht doch, was ihr wollt – wenn ihr es euch leisten könnt!

 

Digitalisierung und Globalisierung verstärkten ab den 1990er Jahren diesen Trend zu weltanschaulichem Pluralismus und sozialer Zersplitterung – im Grunde bis heute. Auch der gegenwärtige Boom populistischer Bewegungen lässt sich in diesem Rahmen erklären: als kollektive Regression der Verlierer diverser Modernisierungsschübe, die sich die Sicherheit schlichter Weltbilder und überschaubarer Verhältnisse zurückwünschen, welche seit einem halben Jahrhundert unaufhaltsam erodieren.

 

Postmodernes Paradigma gilt weiter

 

Die Frage, ob die Postmoderne andauert, lässt sich daher entschieden bejahen. Zwar herrscht in der Architektur mittlerweile fader Investoren-Minimalismus vor, in der Literatur ambitionsloser Plauderton; Popmusik dreht sich in der Endlosschleife des Eklektizismus – und Philosophie bietet längst keine überraschenden Erkenntnisse mehr. Doch das Paradigma für die heutige kulturelle Stagnation wurde in dem Zeitraum abgesteckt, den diese Ausstellung betrachtet. Dass sie dabei das Meiste nur flüchtig antippen kann, liegt in der Natur der Sache.