
Die Geschichte eines ganzen Kontinents seit unvordenklichen Zeiten in einer einzigen Ausstellung aufbereiten – vermessener dürfte ein Vorhaben kaum klingen. Doch das Deutsche Archäologische Institut (DAI), das federführend mit zahlreichen Kooperationspartnern dieses Projekt konzipiert hat, kann am ehesten solch einen enormen Zeitraum komprimiert darstellen.
Info
Planet Africa –
Eine archäologische Zeitreise
06.12.2024 - 27.04.2025
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr
in der James-Simon-Galerie, Museumsinsel, Berlin
Weitere Informationen zur Ausstellung
16.05.2025 - 28.09.2025
täglich außer montags 10 bis 17 Uhr, donnerstags und sonntags bis 19 Uhr
in der Archäologischen Staatssammlung, Lerchenfeldstr. 2, München
Weitere Informationen zur Ausstellung
24.10.2025 - 12.04.2026
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr
im smac - Staatliches Museum für Archäologie, Stefan-Heym-Platz 1, Chemnitz.
Keine Potpourri von Grabungs-Funden
Da gilt es, eine Form zu finden, die an allen Orten ein anderes Publikum mit unterschiedlichen Vorkenntnissen anspricht. Deshalb geben sich die Macher größte Mühe, die Schau möglichst niederschwellig zu gestalten; angefangen mit freiem Eintritt. Sie begehen auch nicht den Fehler, an dem viele Archäologie-Ausstellungen kranken: unzählige Funde auszubreiten und Ausgrabungs-Methoden detailliert zu erläutern, was die meisten Besucher weder verstehen noch sie interessiert.
Stattdessen kommt die Ausstellung mit erstaunlich wenigen Original-Exponaten aus: ein Dutzend Repliken von Urmenschen-Schädeln, ein paar Faustkeile und Speerspitzen, Keramik-Gefäße, Proben von Rohstoffen und Grundnahrungsmitteln – das war es im Wesentlichen. Manche wirken skurril: etwa als 3D-Drucke nachgebildete Knochen der Riesenmaulwurfsratte, die nur in den äthiopischen Bale Mountains lebt, Afrikas größter Alpin-Landschaft. Sie gelten als Indiz dafür, dass Menschen bereits vor Jahrtausenden in Höhenlagen gejagt haben.
Interview mit Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte + Impressionen der Ausstellung
Anstelle von staubiger Flachware in Vitrinen setzt die Ausstellung auf luftige Vertikalität. Überlebensgroße Wandbilder mit Motiven afrikanischer Street-Art-Künstler gliedern den Parcours in sechs thematische „Module“. Mannshohe Stelen sind locker im Raum verteilt und allseitig dicht mit Texten, Grafiken und Fotos verkleidet; darin sind auch Monitore eingelassen, auf denen bunt bewegte „Cinematics“, also animierte Lehrfilme, die Kurzvorträge der Hörstationen illustrieren.
Auf Karten sieht Afrika zu klein aus
Man sieht: Auf diesem Wissens-Jahrmarkt geht es farbenfroh und etwas unübersichtlich zu, ähnlich wie auf einem afrikanischen Basar. Doch der Mix verschiedener Vermittlungsformen erlaubt, sich je nach Neigung seinen eigenen Rundgang zusammenzustellen: manches nur zu streifen, anderes zu vertiefen, ohne sich von dem leicht volkspädagogischen Duktus abschrecken zu lassen. Zu entdecken gibt es ohnehin genug.
Beginnend mit den Ausmaßen des Erdteils, den man sich gemeinhin zu klein vorstellt. Das liegt am gängigen Verfahren, eine Kugel auf Flächen zu übertragen: Bei der Mercator-Projektion schrumpft Afrika optisch, während die Polar-Regionen riesig erscheinen. Tatsächlich nimmt der schwarze Kontinent mehr als ein Fünftel der Landmasse unseres Planeten ein; in ihm fänden die USA, China und halb Europa Platz. Diese Ausdehnung bedingt eine enorme Vielfalt von Klimazonen, Ressourcen und Ethnien: In Afrika werden 2300 Sprachen gesprochen, mehr als irgendwo sonst.
Brotback- vs. Brei- + Fladen-Tradition
Die übliche Unterteilung in den trockenen, heute arabisch-islamisch geprägten Norden und das (sub-)tropische Schwarzafrika entstand erst vor rund 4000 Jahren. Zuvor waren Sahara und Sahelzone feucht und grün; damalige Bewohner betrieben intensive Viehhaltung, wie zahllose dortige Felszeichnungen von Rindern belegen. Selbst Gravuren von Krokodilen hat man auf dem Messak-Plateau mitten in der libyschen Wüste gefunden.
Nutztiere wie Kühe, Schafe und Ziegen gelangten vor rund 8000 Jahren aus Südwestasien nach Afrika, ebenso Getreidearten wie Weizen und Gerste. Sie gediehen nicht im Sommerregen-Gebiet südlich der Sahara, weswegen man dort Hirse-Sorten und Sorghum züchtete. Diesen Sorten fehlt aber Gluten; ohne dieses Kleber-Eiweiß lassen sich keine Brotlaibe backen. So entwickelten sich zwei verschiedene Ernährungs-Traditionen: die Brotback- im Mittelmeerraum mit Backöfen und die Brei- und Fladen-Tradition im südsaharischen Afrika mit offenen Kochstellen.
Sklavenhandel nur dezent erwähnt
Panafrikanisch und altehrwürdig ist hingegen die Sitte, aus Getreide Bier zu brauen. Ein 2000 Jahre altes Grafitto auf einer Tempelwand im sudanesischen Musawwarat es-Sufra zeigt zwei Gestalten, die als Biertrinker interpretiert werden: Sie schlürfen gemeinsam mit Strohhalmen aus einem bauchigen Gefäß. Anhand von Getreideresten lässt sich nachweisen, dass Ostafrika bereits vor 3700 Jahren Handelsbeziehungen mit Indien unterhielt; dorthin wurden Hirse und Sorghum exportiert.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Kunst der Vorzeit – Felsbilder aus der Sammlung Frobenius" – faszinierende Überblicks-Schau über prähistorische Kunst v.a. aus Afrika im Martin-Gropius-Bau, Berlin
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Königsstadt Naga" über die antike ägyptisch-schwarzafrikanische Mischkultur im Reich von Meroë im Volksbank-Kunstforum, Berlin
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Im Licht von Amarna – 100 Jahre Fund der Nofretete" über das altägyptische Reich von Echnaton im Neuen Museum, Berlin
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Nok – Ein Ursprung afrikanischer Skulptur" über 2000 Jahre alte Werke aus Nigeria im Liebieghaus, Frankfurt am Main
und hier einen Beitrag über der Ausstellung "Unvergleichlich: Kunst aus Afrika" – erstklassige Vergleichs-Schau von europäischen + afrikanischen Werken im Bode-Museum, Berlin.
Schrift als Wissens-Speicher fehlte
Eine vergleichbare Rolle spielte die Schrift in Afrika, oder eher: ihre Abwesenheit. Stolz listet die Schau auf, wie viele Schriften auf dem Kontinent erfunden wurden, von den ägyptischen Hieroglyphen über die vom Phönizischen abgeleiteten Buchstaben diverser Berber-Völker bis zu den Silbenschriften in Äthiopien, die auf alt-südarabische Vorbilder zurückgehen. Sie unterschlägt jedoch, dass all diese Alphabete nur regional und in begrenztem Umfang benutzt wurden, etwa für Inschriften oder für religiöse Texte.
Anders als in Europa, Süd- und Ostasien brachte Afrika nie eine Schrift hervor, die universal einsetzbar in ausgedehnten Kulturräumen von vielen Schreibkundigen verwendet worden wäre. Nur auf diese Weise lässt sich aber Wissen effizient speichern, verbreiten und akkumulieren, was die Voraussetzung für stetige Höherentwicklung ist. Dagegen können Gesellschaften mit weitgehend oder ausschließlich oraler Tradition nur weitergeben, was sich der einzelne Geschichtenerzähler oder Medizinmann merken kann.
Lesen lieber als Spuren-Deutung
Dieses Manko dürfte erheblich dazu beigetragen haben, dass Schwarzafrikas Kulturen stagnierten und ab der frühen Neuzeit aggressiven Eindringlingen aus dem Norden – Arabern und Europäern – unterlegen waren. Das zu erwähnen, mag im postkolonialen Zeitalter nicht mehr opportun erscheinen. Lieber erinnert die Ausstellung an die ursprüngliche Bedeutung von Lese-Fähigkeit: das Deuten von Spuren, die Tiere in der Landschaft hinterlassen haben. Archäologisch wertvoll, aber nicht sehr aktuell.