Cédric Klapisch

Die Farben der Zeit

Mutter Odette (Sara Giraudeau, r.) und Tochter Adèle (Suzanne Lindon) versöhnen sich. Foto: © Studiocanal
(Kinostart: 14.8.) Schöne neue Vergangenheit: Mit einem alten Haus und einem geheimnisvollen Erbe beginnt eine poetische Zeitreise von Paris 1895 in die französische Provinz heute. Regisseur Cedric Klapisch spielt kunstvoll mit den zwei Erzählebenen, neigt aber auch zu Harmonieseligkeit.

„Heutzutage geht alles zu schnell“, beklagt sich der Kutscher, der Adèle (Suzanne Lindon) zum Dampfschiff nach Paris bringt. „Ihr jungen Leuten nehmt euch keine Zeit zum Leben“, lautet sein Vorwurf. Früher hätte man sich noch unterhalten, einfach so, um Höflichkeiten auszutauschen. Adèle nickt verständnisvoll – und schweigt.

 

Info

 

Die Farben der Zeit

 

Regie: Cédric Klapisch,

126 Min., Frankreich 2025;

mit: Suzanne Lindon, Abraham Wapler, Julia Piaton, Vincent Macaigne

 

Weitere Informationen zum Film

 

 

Im Jahr 1895 ist die junge Frau auf dem Weg von der Normandie in die Hauptstadt, um ihre Mutter zu treffen. Aufgewachsen ist Adèle bei ihrer Großmutter auf dem Land. Doch nach deren Tod fühlt sie sich allein in der Provinz und sucht nach dem letzten Rest von Familie, der ihr noch bleibt.

 

30 Erben und ein Haus

 

In der Gegenwart müssen sich auch Seb (Abraham Wapler), Celine (Julia Piaton), Abdel (Zinedine Soualem) und Guy (Vincent Macaigne) mit ihrer Herkunft auseinandersetzen. Sie sind Adèles Urenkel und Teil einer komplexen Erbengemeinschaft aus mehr als 30 Nachkommen. Von dieser wurden sie damit betraut, gemeinsam über das Haus von Adèle zu entscheiden. Die Ortverwaltung plant einen neuen Supermarkt für die Region; dem steht nur das längst verlassene Gebäude noch im Weg.

Offizieller Filmtrailer


 

Ur-Omas geheimnisvolle Vergangenheit

 

Als sich die vierköpfige Gruppe in der Provinz ein erstes Bild von dem Nachlass verschafft, wird schnell klar, dass Adèles Vergangenheit diverse Fragen aufwirft. An den Wänden der verstaubten Immobilie entdecken die Erben neben verblassten Fotos ihrer Vorfahren zudem ein geheimnisvolles Porträt ihrer Urgroßmutter – und damit die ersten Hinweise auf ihre gemeinsame Geschichte.

 

Für die Aufarbeitung von Adèles Schicksal nimmt sich Regisseur Cédric Klapisch viel Zeit. Ihr Haus dient ihm dazu, seinem zusammengewürfelten Figuren-Ensemble näherzukommen. So ist etwa Seb eigentlich nur seines Opas zuliebe mit in die Normandie gereist. Doch kurz nach der Ankunft träumt sich der digital versierte Video-Regisseur als erster buchstäblich in Adèles Leben zurück.

 

Konfrontationen zwischen Alt und Neu

 

Guy hingegen, ein engagierter Imker, plädiert dafür, das Haus zu behalten. Er stellt die Baupläne der Gemeinde in Frage und findet in Céline, die als Ingenieurin in der Transportbranche arbeitet, eine Verbündete. Den Französischlehrer Abdel interessieren derweil vor allem die Briefe von Adèle, die ebenfalls im Haus zurückgeblieben sind.

 

Klapisch nutzt derlei Erinnerungsstücke immer wieder, um parallel zur fiktiven Erzählung eine Reihe von aktuellen Themen anzusprechen, die ihn offenbar interessieren –  insbesondere den Vergleich von klassischen Künsten mit den visuellen Medien unserer Zeit. Je geschickter er die Epochen dabei visuell ineinandergreifen lässt, desto deutlicher kristallisiert sich eine Gegenüberstellung zwischen dem Alten und dem Neuen heraus.

 

Vorboten der neuen Ära

 

Adèle reiste noch mit dem Schiff nach Paris, doch über der Hauptstadt ragte bereits der Eiffelturm empor, Vorbote der Eisenbahn und eines Jahrhunderts des Stahlbetons. Von den zwei jungen Künstlern, die sie auf dem Boot kennenlernte, ist der eine Maler, der andere ein angehender Fotograf. Der Kamera entgeht keiner dieser Gegensätze.

 

Zurück in der Gegenwart erklärt Abdel, dass er über seinen Beruf als Lehrer hinaus zum Kommunikationsmanager geworden ist: Um den Schulalltag zu koordinieren, muss er mehrere Whatsapp-Gruppen steuern. Trotzdem liebt er seine Arbeit; die neuen technischen Möglichkeiten und sozialen Netzwerke machen ihm keine Angst.

 

Paris als zeitlose Traumfabrik

 

Ähnlich optimistisch ist der Grundtenor des Films auf der historischen Zeitebene, zumal die Inszenierung dabei einen poetischen Ton anschlägt. Die Vergangenheit erscheint dadurch zwangsläufig attraktiver als die Gegenwart. Nachdem sich Adèle mit ihrer in der Pariser Halbwelt verschwundenen Mutter versöhnt hat, will sie lesen und schreiben lernen. Zugleich entwickelt sie Ambitionen als Mannequin und einen gesunden Eigensinn.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Das Leben ein Tanz" - eindrucksvolle Tragikomödie über Ballerina-Umschulung von Cédric Klapisch

 

und hier eine Besprechung des Films "Einsam Zweisam (Deux moi)" - warmherzige Pariser Großstadt-Romanze von Cédric Klapisch

 

und hier einen Beitrag über den Film "Mein fabelhaftes Verbechen" - leichtfüßige MeToo-Krimikomödie im Paris der 30er Jahre von François Ozon

 

und hier einen Bericht über den Film "Beziehungsweise New York" - turbulente transatlantische Patchwork-Komödie von Cédric Klapisch.

 

In Paris, so will der Film glauben machen, sei alles möglich. Klapisch filmt die Stadt als charmante Traumfabrik, in der Gegenwart und Vergangenheit oft nahtlos ineinander übergehen. Das elegante Wechselspiel zwischen den Epochen entwickelt dabei eine spannende, tänzerische Dynamik. Aus heutiger Sicht mögen die Straßen des Paris im Fin de siècle ruhig und entspannt erscheinen, aber im Film blickt Adèle nach ihrer Ankunft skeptisch auf die ungewohnte Hektik, die sie umgibt.

 

Romantik + Situationskomik

 

„Die Farben der Zeit“ ist von allem etwas: Erinnerungsreise, Emanzipationsporträt, Medienanalyse und Familiengeschichte. Regisseur Klepisch beschäftigen die jeweiligen Generationsunterschiede dabei ebenso wie die Vorstellung, „dass jeder Mensch ein starkes immaterielles Erbe in sich trägt“.

 

Was in seiner Aussage kühl klingt, setzt er im Film stets spielerisch und in weichen, warmen Farben um. Dem romantischen Look der impressionistischen Kunstepoche steht dabei die Situationskomik der Gegenwart gegenüber. Die kleine Gruppe hat mittlerweile begonnen, Adèles Leben anhand ihrer Hinterlassenschaften nachzuzeichnen.

 

Nichts ist schlecht und niemand böse

 

Kritikwürdig ist allenfalls, dass der Regisseur sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart kaum Misstrauen entgegenbringt. Ob Paris oder Provinz, hier wie dort ist nichts schlecht und niemand böse. Selbst als sich ein Porträt-Gemälde von Adèle schließlich als „echter Monet“ entpuppt, will das Drehbuch nirgends anecken, und so spenden die Erben den kostbaren Fund dem Staat. Was wohl bedeuten soll, dass die Kunst für alle da ist.