
„Heutzutage geht alles zu schnell“, beklagt sich der Kutscher, der Adèle (Suzanne Lindon) zum Dampfschiff nach Paris bringt. „Ihr jungen Leuten nehmt euch keine Zeit zum Leben“, lautet sein Vorwurf. Früher hätte man sich noch unterhalten, einfach so, um Höflichkeiten auszutauschen. Adèle nickt verständnisvoll – und schweigt.
Info
Die Farben der Zeit
Regie: Cédric Klapisch,
126 Min., Frankreich 2025;
mit: Suzanne Lindon, Abraham Wapler, Julia Piaton, Vincent Macaigne
Weitere Informationen zum Film
30 Erben und ein Haus
In der Gegenwart müssen sich auch Seb (Abraham Wapler), Celine (Julia Piaton), Abdel (Zinedine Soualem) und Guy (Vincent Macaigne) mit ihrer Herkunft auseinandersetzen. Sie sind Adèles Urenkel und Teil einer komplexen Erbengemeinschaft aus mehr als 30 Nachkommen. Von dieser wurden sie damit betraut, gemeinsam über das Haus von Adèle zu entscheiden. Die Ortverwaltung plant einen neuen Supermarkt für die Region; dem steht nur das längst verlassene Gebäude noch im Weg.
Offizieller Filmtrailer
Ur-Omas geheimnisvolle Vergangenheit
Als sich die vierköpfige Gruppe in der Provinz ein erstes Bild von dem Nachlass verschafft, wird schnell klar, dass Adèles Vergangenheit diverse Fragen aufwirft. An den Wänden der verstaubten Immobilie entdecken die Erben neben verblassten Fotos ihrer Vorfahren zudem ein geheimnisvolles Porträt ihrer Urgroßmutter – und damit die ersten Hinweise auf ihre gemeinsame Geschichte.
Für die Aufarbeitung von Adèles Schicksal nimmt sich Regisseur Cédric Klapisch viel Zeit. Ihr Haus dient ihm dazu, seinem zusammengewürfelten Figuren-Ensemble näherzukommen. So ist etwa Seb eigentlich nur seines Opas zuliebe mit in die Normandie gereist. Doch kurz nach der Ankunft träumt sich der digital versierte Video-Regisseur als erster buchstäblich in Adèles Leben zurück.
Konfrontationen zwischen Alt und Neu
Guy hingegen, ein engagierter Imker, plädiert dafür, das Haus zu behalten. Er stellt die Baupläne der Gemeinde in Frage und findet in Céline, die als Ingenieurin in der Transportbranche arbeitet, eine Verbündete. Den Französischlehrer Abdel interessieren derweil vor allem die Briefe von Adèle, die ebenfalls im Haus zurückgeblieben sind.
Klapisch nutzt derlei Erinnerungsstücke immer wieder, um parallel zur fiktiven Erzählung eine Reihe von aktuellen Themen anzusprechen, die ihn offenbar interessieren – insbesondere den Vergleich von klassischen Künsten mit den visuellen Medien unserer Zeit. Je geschickter er die Epochen dabei visuell ineinandergreifen lässt, desto deutlicher kristallisiert sich eine Gegenüberstellung zwischen dem Alten und dem Neuen heraus.
Vorboten der neuen Ära
Adèle reiste noch mit dem Schiff nach Paris, doch über der Hauptstadt ragte bereits der Eiffelturm empor, Vorbote der Eisenbahn und eines Jahrhunderts des Stahlbetons. Von den zwei jungen Künstlern, die sie auf dem Boot kennenlernte, ist der eine Maler, der andere ein angehender Fotograf. Der Kamera entgeht keiner dieser Gegensätze.
Zurück in der Gegenwart erklärt Abdel, dass er über seinen Beruf als Lehrer hinaus zum Kommunikationsmanager geworden ist: Um den Schulalltag zu koordinieren, muss er mehrere Whatsapp-Gruppen steuern. Trotzdem liebt er seine Arbeit; die neuen technischen Möglichkeiten und sozialen Netzwerke machen ihm keine Angst.
Paris als zeitlose Traumfabrik
Ähnlich optimistisch ist der Grundtenor des Films auf der historischen Zeitebene, zumal die Inszenierung dabei einen poetischen Ton anschlägt. Die Vergangenheit erscheint dadurch zwangsläufig attraktiver als die Gegenwart. Nachdem sich Adèle mit ihrer in der Pariser Halbwelt verschwundenen Mutter versöhnt hat, will sie lesen und schreiben lernen. Zugleich entwickelt sie Ambitionen als Mannequin und einen gesunden Eigensinn.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Das Leben ein Tanz" - eindrucksvolle Tragikomödie über Ballerina-Umschulung von Cédric Klapisch
und hier eine Besprechung des Films "Einsam Zweisam (Deux moi)" - warmherzige Pariser Großstadt-Romanze von Cédric Klapisch
und hier einen Beitrag über den Film "Mein fabelhaftes Verbechen" - leichtfüßige MeToo-Krimikomödie im Paris der 30er Jahre von François Ozon
und hier einen Bericht über den Film "Beziehungsweise New York" - turbulente transatlantische Patchwork-Komödie von Cédric Klapisch.
Romantik + Situationskomik
„Die Farben der Zeit“ ist von allem etwas: Erinnerungsreise, Emanzipationsporträt, Medienanalyse und Familiengeschichte. Regisseur Klepisch beschäftigen die jeweiligen Generationsunterschiede dabei ebenso wie die Vorstellung, „dass jeder Mensch ein starkes immaterielles Erbe in sich trägt“.
Was in seiner Aussage kühl klingt, setzt er im Film stets spielerisch und in weichen, warmen Farben um. Dem romantischen Look der impressionistischen Kunstepoche steht dabei die Situationskomik der Gegenwart gegenüber. Die kleine Gruppe hat mittlerweile begonnen, Adèles Leben anhand ihrer Hinterlassenschaften nachzuzeichnen.
Nichts ist schlecht und niemand böse
Kritikwürdig ist allenfalls, dass der Regisseur sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart kaum Misstrauen entgegenbringt. Ob Paris oder Provinz, hier wie dort ist nichts schlecht und niemand böse. Selbst als sich ein Porträt-Gemälde von Adèle schließlich als „echter Monet“ entpuppt, will das Drehbuch nirgends anecken, und so spenden die Erben den kostbaren Fund dem Staat. Was wohl bedeuten soll, dass die Kunst für alle da ist.
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