
Die Extreme berühren sich: Unter den frühen Hochkulturen war das alte China die östlichste, das antike Ägypten die westlichste. Beide Räume wussten nichts voneinander und entwickelten sich völlig unabhängig. Nun kommen sie – rund 2000 Jahre später – erstmals miteinander in Kontakt: beim ersten umfassenden Vergleich beider Kulturen in einer Ausstellung, so die Staatlichen Museen zu Berlin (SMB).
Info
China und Ägypten - Wiegen der Welt
06.07.2017 - 03.12.2017
täglich außer montags
10 bis 18 Uhr,
donnerstags bis 20 Uhr
im Neuen Museum, Bodestr.1-3, Berlin
Katalog 29 €
Kooperation mit Schanghai
Die „Wiegen der Welt“ zählen gewiss zur zweiten Kategorie. Mit dem „Shanghai Museum“ wurde ein chinesischer Partner gewonnen, der für diese Schau Asiatica zur Verfügung stellt, die im Westen noch nie gezeigt wurden; die altägyptischen Objekte stammen aus den erstklassigen hauseigenen Beständen. So gelingt es dem Neuen Museum, mithilfe von rund 330 Exponaten alle wichtigen Charakteristika der antiken Gesellschaften in China und Ägypten einander gegenüberzustellen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten.
Interview mit Museums-Direktorin Friederike Seyfried + Impressionen der Ausstellung
Totengewand aus 2200 Jade-Plättchen
In fünf zentralen Bereichen: Alltag und Lebenswelt, Schrift, Totenkult, Glauben und Herrschaft. Doch ohne grelle Schauwerte: Die Macher prunken weder mit Gold und Juwelen noch mit aufwändigen Rekonstruktionen. Den spektakulärsten Blickfang bieten zwei Leichenbehälter: eine komplett bemalte Kartonagen-Mumienhülle aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. in Ägypten und als Gegenstück ein Totengewand aus 2200 Jade-Plättchen. Sie wurden in der chinesischen Han-Dynastie mit Silberfäden vernäht. Zum Schutz des teuren Toten: Das kostbare Material könne die Verwesung seines Leichnam verhindern, vermutete man.
Wer sich solche Ausgaben nicht leisten konnte, musste sich mit wenigen Jade-Plättchen begnügen, die auf die Sinnesorgane und Glieder gelegt wurden. Aufwändige Bestattungs-Riten wurden in beiden Kulturen praktiziert: Man glaubte, das Dasein im Jenseits ähnele dem auf Erden, und darauf müsse man vorbereitet sein. Für heutige Archäologen ein Glück: Solche Grabbeigaben erlauben, viele Aspekte antiker Lebensweisen zu rekonstruieren, deren überirdische Zeugnisse längst spurlos verschwunden sind.
Entenstall als Grabbeigabe
So präsentiert die Ausstellung verschiedene Hausformen anhand von Ton-Modellen, die in Gräbern gefunden wurden. In China bewohnte man ebenerdige Häuser mit symmetrischem Grundriss und Satteldach. Ägyptische Häuser aus Nilschlamm-Ziegeln waren doppelstöckig: Auch das Flachdach wurde genutzt. Was dort vor sich ging, wird ebenso durch Miniatur-Modelle vorgeführt: vom altchinesischen Entenstall und Ochsenkarren bis zur altägyptischen Küche und Bäckerei.
Verblüffend ähnlich verlief auch die Entstehung der Schrift in beiden Kulturen: Anfangs grobe Zeichen wurden immer stärker abstrahiert und standardisiert, bis sie zu Hieroglyphen und zur chinesischen Regelschrift wurden. Allerdings unterschied sich offenbar ihr Gebrauch: In Ägypten wurden sie zuerst für Handelswaren, dann für Verwaltung und Kultus verwendet.
Spaten- + Messerklingen als Münzen
Die ältesten chinesischen Schriftzeichen finden sich dagegen auf Orakelknochen der Shang-Zeit um 1200 v. Chr.: Mit ihnen wurden Fragen etwa auf das Schulterblatt eines Ochsen geritzt, das man anschließend erhitzte. Sobald sich Risse bildeten, deutete ein Schamane sie als Weissagung der Antwort.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Glanz der Kaiser von China – Kunst und Leben in der Verbotenen Stadt" im Museum für Ostasiatische Kunst, Köln
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Im Licht von Amarna – 100 Jahre Fund der Nofretete" im Neuen Museum, Berlin
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Supermarket of the Dead" - exzellente Essay-Schau über traditionelle Brandopfer in China im Residenzschloss, Dresden
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Wegbereiter der Ägyptologie: Carl Richard Lepsius 1810-84" im Neuen Museum, Berlin
sowie eine Rezension der Ausstellung "Königsstadt Naga" über die antike ägyptisch-afrikanische Mischkultur des Reiches von Meroë in München + Berlin.
Mandatsverlust für Himmelssohn
Auch die politischen Systeme unterschieden sich deutlich. Ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. war in Ägypten der Pharao ein Alleinherrscher. Er galt als lebender Gott Horus, der nach seinem Tod ins Reich der Götter aufstieg; daher wurde eine männliche Thronfolge zwingend. Jede anderer Herrscherwechsel stürzte die jeweilige Dynastie in eine Legitimationskrise. Dagegen war China in seiner Frühzeit meist politisch zersplittert; die 250-jährige Phase bis 220 v. Chr. wird sogar „Zeit der streitenden Reiche“ genannt.
Zwar nahm König Wu von Zhou bereits 1000 Jahre vor der Zeitenwende für sich ein „Mandat des Himmels“ in Anspruch – aber erst 800 Jahre später konnte sich Qin Shuangdi „erster Kaiser“ von ganz China nennen. Die Berufung auf überirdische Mächte hatte einen Nachteil: Versagte der „Sohn des Himmels“, hatte ihm dieser offenbar sein Mandat entzogen; es gab eine Rechtfertigung, um ihn abzusetzen. Das war beim göttlichen Pharao undenkbar.
Rundgang durch conditio humana
Absolute Monarchien nehmen also ganz unterschiedliche Ausformungen an. So wird der Rundgang zur tour d’horizon durch die conditio humana: An den weit voneinander entfernten Enden der antiken Welt war manches fast gleich, etwa viele Gebrauchsgegenstände – anderes geradezu aberwitzig verschiedenartig. Das zeigt diese Schau mit ihrer klug komponierten und kommentierten Auswahl sehr anschaulich: Dieses Vorbild muss das „Humboldt Forum“ nur noch auf die Neuzeit übertragen.