
Regisseur Wolfgang Becker (1954 – 2024) hatte eine Vorliebe für zusammengesetzte Wörter wie zum Beispiel „Erinnerungskultur“. Nicht von ungefähr sammelt auch eine der zahlreichen Figuren in seinem letzten Film „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ Komposita. Das ist mehr als eine Hommage ihres Schöpfers an sich selbst. Diese Wörter dienen im Film als Metapher für die Verbindung von zwei unterschiedlichen Dingen zu etwas Neuem.
Info
Der Held vom Bahnhof Friedrichsstraße
Regie: Wolfgang Becker,
112 Min., Deutschland 2025;
mit: Charly Hübner, Christiane Paul, Leonie Benesch, Thorsten Merten
Weitere Informationen zum Film
Hello again, Lenin!
Wolfgang Becker hat seine wenigen Spielfilme immer akribisch vorbereitet und sich dabei selten um Moden geschert. Auch das macht seine Werke so besonders. Im Grunde knüpft der Regisseur mit seiner Adaption des gleichnamigen Romans von Maxim Leo an Themen an, die ihn schon bei seinem Welterfolg „Good Bye, Lenin!“ (2003) beschäftigt haben: das Verhältnis von Geschichte und ihrer Inszenierung sowie die Rolle der Medien dabei.
Offizieller Filmtrailer
Reporter sucht Wende-Story
Videotheken-Besitzer Michael Hartung (Charly Hübner) schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben, als er von einer fast vergessenen Episode aus seiner Vergangenheit eingeholt wird. Der gewiefte Reporter Alexander Landmann (Leon Ullrich), der für das Wochenmagazin „Fakt“ schreibt, macht ihn ausfindig, weil er zum 30. Jahrestag des Mauerfalls unbedingt eine große Story braucht.
Hartung soll damals absichtlich eine Weiche falsch gestellt haben, so dass eine vollbesetzte S-Bahn aus Ost-Berlin in den Westteil der Stadt fuhr. Damit sei er der bis dato unbekannte Held der größten Massenflucht aus der DDR. Dass die Weiche aus ganz anderen Gründen falsch stand, verschweigt der finanziell angeschlagene Mann dem Journalisten zunächst.
Die Rache des Bürgerrechtlers
Die Geschichte schlägt ein wie eine Bombe. Hartung wird ins Rampenlicht geschleudert; etwa in einen Talkshow-Auftritt mit DDR-Star-Eisläuferin Kati Witt. Er bekommt auch einen Werbevertrag mit einem Veggie-Wurst-Anbieter. Sogar eine Rede vor dem Bundestag ist geplant; dafür wird der ursprünglich vorgesehene DDR-Bürgerrechtler Harald Wischnewsky (Thorsten Merten) ausgeladen.
Der nimmt seine Abservierung nicht so einfach hin und beginnt, mit Hilfe eines Kollegen vom „Dokumentationszentrum Unrechtsstaat DDR“ in den Archiven zu recherchieren. Um das Lügengebäude von Hartung und Landmann zum Einsturz zu bringen, gehen die beiden Bürgerrechtler sogar eine unheilige Allianz mit dem Ex-Stasimann Fritz Teubner (Peter Kurth) ein.
Zu schön, um nicht wahr zu sein
Doch was passiert, wenn die Geschichte vom frisch entdeckten Helden einfach so schön ist, dass sie wahr sein muss? Der Film führt eindrücklich vor, dass es bei medial vermittelter Erinnerung um mehr als um die vermeintlich neutrale Verbreitung von Fakten geht. Kollektive Erinnerung folgt stets bestimmten Ritualen, an die wiederum Interessen und Pfründe geknüpft sind – und damit auch Forschungsaufträge und Fördergelder.
Daher hat niemand Interesse an der wahren Geschichte von Michael Hartung. Alle interessieren sich nur für die geschönte Version: den Mut eines Einzelnen, sich gegen ein Unrechts-System aufzulehnen, und sein persönliches Opfer für die Freiheit von Vielen. Dass die meisten unfreiwilligen Republikflüchtlinge in der fehlgeleiteten S-Bahn sofort wieder in die DDR zurückkehrten, wird nur am Rande erwähnt.
Leichtfüßige Tragikomödie
Diese komplexen Sachverhalte verpackt Regisseur Becker in eine leichtfüßige Geschichte mit punktgenauen Pointen und zahlreichen Anspielungen. Virtuos jongliert die Tragikomödie mit etlichen Handlungssträngen und Figuren, ohne die Balance zu verlieren. Trotz satirischer Überspitzung gerät keine Figur zur Karikatur, weil alle als facettenreiche Charaktere dargestellt werden.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Ich und Kaminski" - ausgefeilte Kunstbetriebs-Tragikomödie von Wolfgang Becker
und hier eine Besprechung des Films "Micha denkt groß" – ambivalente Provinz-Komödie von Lars Jessen mit Charly Hübner
und hier einen Beitrag über den Film "Mittagsstunde" – nordfriesischer Heimatfilm über die Agonie eines Dorfes von Lars Jessen mit Charly Hübner.
Filmisches Vermächtnis
Dabei macht sich Wolfgang Becker nie einfach nur lustig über die Akteure. Er zeigt auch, dass ihren Handlungen oft ein tiefer Schmerz zugrunde liegt. So wird Michael Hartung im Zuge der medial aufgebauschten Heldengeschichte schließlich mit einem persönlichen Verrat aus seiner Vergangenheit konfrontiert. Zum Ausgleich darf er eine zarte und ironisch leicht überhöhte Liebesgeschichte erleben.
Nicht zuletzt ist „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ ein Film über die Geschichten, die Menschen sich erzählen, um das Leben überhaupt ertragen zu können. Wolfgang Becker starb kurz nach Ende der Dreharbeiten an Krebs. Der Film wurde von seinen Vertrauten fertiggestellt, so wie der Regisseur es geplant hat. Sein Vermächtnis-Film kommt fast auf den Tag genau ein Jahr nach seinem Tod in die Kinos.
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