Der deutsche Mundartfilm wird im Kino eindeutig von süddeutschen Knödelkrimis und ähnlichen Regionalspezialitäten dominiert. Norddeutschland kommt kaum zur Geltung – wohl auch, weil man in dieser Gegend eher wortkarg auftritt. Dabei gibt es durchaus Nachfrage nach zeitgenössischer Plattdeutsch-Prosa. Sie wird aber eher im Fernsehen oder von der Literatur gestillt, etwa von der Autorin Dörte Hansen. Ihr Debütroman „Altes Land“ von 2015 wurde ein Bestseller und bereits als TV-Zweiteiler verfilmt.
Info
Mittagsstunde
Regie: Lars Jessen,
93 Min., Deutschland 2022;
mit: Charly Hübner, Gabriela Maria Schmeide, Rainer Bock
Ein Jahr Auszeit von Kiel-Routine
Richtig glücklich ist er aber nicht; so wurschtelt er sich lustlos durch die Tage. Da kommt ein Hilferuf aus der alten Heimat: Seine alten Eltern, die dort ein Gasthaus betreiben, kommen nicht mehr alleine zurecht. Ingwer beschließt, ein Jahr Auszeit zu nehmen und sich um sie zu kümmern – auch, um seinem eingerosteten Leben in Kiel zu entfliehen.
Offizieller Filmtrailer
Rückkehr in unbelebte Ödnis
In Brinkebüll erkennt er aber außer dem Elternhaus mit beinahe stillgelegter Kneipe nichts mehr wieder. Um einst belebte Ecken im Dorf pfeift einsam der Wind; kein Anger mit Kastanienbaum mehr; kein Lebensmittelladen, schon gar keine Schule. Da stehen nur noch ein paar Häuser, von denen viele unbewohnt sind, am Rand der Schnellstraße aus den 1970er Jahren.
Vor dieser Ödnis ist er als Jugendlicher geflohen; nun erhofft er sich genau davon etwas, was er selbst nicht genau bestimmen kann, vielleicht Geborgenheit oder Seelenfrieden. Doch je länger er im Dorf bleibt, entdeckt er nicht nur die Vorteile einer Winkelexistenz in der Abgeschiedenheit, sondern auch ein gut gehütetes Familiengeheimnis.
Mutter büxt aus, Touristen bleiben aus
Man merkt dem Film an, dass sowohl Regisseur Jessen als auch die Schauspieler das Milieu sehr gut kennen, in dem sie sich bewegen; es wird hier mit all seinen heimeligen wie unangenehmen Seiten ausgebreitet. Der Dorfgasthof der Eltern war früher immer gut besucht; jetzt wird hier nur noch ein Dauergast bewirtet, der quasi zum Inventar gehört.
Zudem schafft es der Vater kaum noch, seine demente Frau einzufangen, die oft ausbüxt, weil sie geistig immer mehr in der Vergangenheit versinkt. Dann gibt es noch eine Lehrerin, die ins Dorf zurückkehrte, und einen alten Kumpel, der hier hängen geblieben ist und frustriert dem Niedergang des einst sehr lebendigen Ortes zusieht. Auch Touristen verirren sich kaum hierher. Die pfannkuchenflache Nutzlandschaft aus graubraunen Feldern und Äckern hat nicht viel Erlebniswert.
Flurbereinigung als Anfang vom Ende
All das schildert der Regisseur wie nebenbei, indem er es dem Zuschauer überlässt, genau hinzuschauen und den aufs Nötigste reduzierten Dialogen zu lauschen. Sie werden übrigens in zwei Versionen angeboten: entweder auf Platt mit Untertiteln oder auf Hochdeutsch. Offenbar fühlt sich Jessen mit dieser reizarmen Gegend und ihren maulfaulen Bewohnern verbunden, die er mit viel Verständnis für diesen Menschenschlag skizziert.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Lindenberg! Mach Dein Ding" - Biopic über Hamburgs Rockstar Udo Lindenberg von Hermine Huntgeburth mit Charly Hübner
und hier eine Besprechung des Films "Quellen des Lebens" von Oskar Roehler über seine bundesdeutsche Familie in den 1970er Jahren
und hier einen Beitrag über den Film "Adam und Evelyn" - Romanverfilmung über den Wendesommer 1989 als Vertreibung aus dem Nischenparadies von Andreas Goldstein.
Heimatfilm neu interpretiert
Ein sich allmählich in Rückblenden enthüllendes Familiengeheimnis um Ingwers Schwester, die Selbstmord beging, steht für viele ähnliche Schicksale. In anderen Milieus wäre das Anlass für ein mit vielen Worten beschworenes Melodram. Hier blickt Ingwer alias Charly Hübner nur verzweifelt drein und betrinkt sich erst einmal ordentlich.
Für diese Figur ist Hübner die Idealbesetzung; sein Spiel changiert gekonnt zwischen überforderter Resignation, Schwermut und schließlich vorsichtiger Hoffnung. Eingebettet in ein stimmig besetztes Ensemble, dem die Freude sowohl am Sujet als auch am Plattschnacken anzumerken ist. Wäre der Begriff „Heimatfilm“ nicht durch kitschbunte Tümelei diskreditiert, bekäme er hier eine angenehm unspektakuläre Neuinterpretation, bei der sich Melancholie und trockener Witz die Waage halten.