Oskar Roehler

Enfant Terrible

Ausgelaugter Löwe im Leopardenfell: Gudrun (Katja Riemann) und Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci). Foto: © Bavaria Filmproduktion. Fotoquelle: Weltkino Filmverleih

(Kinostart: 1.10.) Fassbinder auf Fassbinder anwenden: Regisseur Oskar Roehler, Enfant Terrible des deutschen Gegenwartskinos, verfilmt das Leben seines Regie-Idols. Als bewundernswert stringente und selbstreflexive Fan-Hommage – aber auch als reinen Männerfilm.

Das Genie und ich: Nach der mehrteiligen Verfilmung seines eigenen Lebens inszeniert Oskar Roehler nun ein Biopic über die Regie-Ikone Rainer Werner Fassbinder. Das leuchtet ein, denn diese beiden Regisseure haben viel gemeinsam: Beide wollten – Roehlers Film betont das mehrfach – dahin gehen, wo’s wehtut. Beide waren und sind mehr als bereit, das eigene Privatleben zu thematisieren. Und nicht zuletzt: Beide waren und sind noch im Scheitern interessanter als der Durchschnitt; sie fühlten sich stets wohl in der Rolle eines enfant terrible.

 

Info

 

Enfant Terrible

 

Regie: Oskar Roehler,

134 Min., Deutschland 2020;

mit: Oliver Masucci, Katja Riemann, Eva Mattes

 

Weitere Informationen

 

Tatsächlich stand in Roehlers Filmen von Beginn an Fassbinders Geist im Raum. Und so versucht der Nachfolger mit dem ihm eigenen, erfrischenden Größenwahn das Unmögliche: ein derart pralles, von der eigenen Bedeutung doppelt beschwertes Werk mit einer ebenso komplexen Biographie zu verknüpfen. Dabei erscheint die Inszenierung zunächst so tranig wie die Zeit, die sie darstellt: das München der späten 1960er Jahre.

 

Alter Geist in altem Körper

 

Oliver Masucci, ein Mann im reifen Alter, das Fassbinder nie erreichte, scheint in der Rolle des 22-jährigen Bilderstürmers arg fehlbesetzt. Doch dieser Altersunterschied wird mit dem – möglicherweise erfundenen – Fassbinder-Zitat, nach dem ab der Pubertät jeder selbst für sein Gesicht verantwortlich sei, nonchalant wegerklärt. Schaut: Dieser Körper ist eben schon so alt wie der Geist, der ihn bewohnt.

Offizieller Filmtrailer


 

Wir sind hier nicht beim Fernsehen

 

Von allen weiteren skeptischen Vorbehalten befreit das Mantra, mit dem Jungfilmer Fassbinder seine Clique für seine ersten Filme motiviert: „Wir sind hier nicht beim Fernsehen“. So springt der Film gleichsam heraus aus der Normalität in seine eigene Welt – in der Fassbinders und Roehlers Autorenschaft ebenso miteinander verschmelzen wie der entfesselte Hauptdarsteller Masucci mit seiner Rolle.

 

Der Rest der Besetzung ist eine Aneinanderreihung von Coups: Hary Prinz sieht Fassbinders erstem Jünger Kurt Raab verblüffend ähnlich; Lukas Gregorowicz wird zum jungen Ulli Lommel, Fassbinders persönlichem Alain Delon; Alexander Scheer tritt als Andy Warhol auf; Erdal Yıldız verkörpert El Hedi ben Salem – dieser wurde bekannt als Hauptdarsteller von „Angst essen Seele auf“ (1974) und ein tragisches Opfer von Fassbinders verzehrender Form von Liebe.

 

Schauspielwut in kargen Kulissen

 

Vermutlich aus rechtlichen Gründen kann nicht jede Figur unter ihrem wirklichen Namen auftreten. So muss Hanna Schygulla Martha heißen, und es wird nie ganz klar, wen Katja Riemann darstellt; möglicherweise Ingrid Caven oder eine Kombination aus mehreren Wegbegleiterinnen. Den Höhepunkt fürs Herz bietet aber Eva Mattes mit ihrem Auftritt als Brigitte Mira.

 

Bei einer solchen Wucht an Schauspielwut macht es nichts aus, dass das Szenebild sich aufs Allernötigste beschränkt und alles, worauf sich nicht schlagen, schlafen, trinken, koksen oder vögeln lässt, aufgemalt ist. Das ist nur eine von Roehlers Methoden, Fassbinder auf Fassbinder anzuwenden. Am liebsten und sorgfältigsten zitiert er dessen Einsatz von Licht; er taucht etwa die schwulen Bars von Paris und München in die schwülstigen Farbtöne von Fassbinders letztem Film „Querelle“ (1982).

 

Essenz aus Leben + Werk herausfilmen

 

Fassbinderianer bleibt Roehler auch in den Bildausschnitten, den Figurenaufstellungen und nicht zuletzt beim Drehbuch: Er spiegelt Fassbinders Affären in den Rollen, die er für sie schrieb, und er spiegelt Fassbinder, wie er sich in seinen Filmen spiegelt. Er hat sich dafür offenbar durch sämtliche Fassbinder-Filme, -Biographien und Statements der Wegbegleiter gewühlt und aus diesem Kaleidoskop der Perspektiven ein bewunderungswürdig schlankes, stringentes Skript destilliert.

 

Roehler hat aus diesem Leben und Werk so etwas wie eine Essenz herausgefilmt. Wohlgemerkt: seine Essenz, denn wir sind ja hier nicht beim Fernsehen. Wir sehen Fassbinder, gesehen von Roehler, und das heißt: als eine Art Rockstar-Onkel, den er nie kennenlernen durfte. Dass sein Fassbinder voller Widersprüche und doppelter Standards steckt, verschweigt Roehler nicht, aber das ist für ihn eine Qualität an sich und kein Anlass zu weiterer Vertiefung.

 

Geniekult um Märtyrer der Kunst

 

So ist dieser Film auch eine Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen künstlerischer Leistung und privater Arschlochhaftigkeit: Sie gehören hier zusammen, bedingen quasi einander. Fassbinder hat sich diese Frage in selbstreflexiven Filmen wie „Warnung vor einer heiligen Nutte“ (1971) und „Satansbraten“ (1976) ausgiebig selbst gestellt; Roehler zeigt ausführlich, wie er seinen Clan wie ein Sektenführer zu manipulieren verstand. Dazu addiere man Kokain, und man bekommt einen Märtyrer der Kunst: ein enfant terrible, das gesellschaftliche Widersprüche in sich selbst austrägt und daran jung stirbt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Fassbinder“facettenreicher Dokumentarfilm von Annekatrin Hendel

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Fassbinder – Jetzt: Film und Videokunst“ im Deutschen Filmmuseum, Frankfurt am Main

 

und hier einen Bericht über den Film „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ über die Underground-Szene in Westberlin um 1980 von Oskar Roehler

 

und hier einen Beitrag über den Film „Quellen des Lebens“ – nabelschaufixierte Familien-Neurosen-Saga von Oskar Roehler

Mit diesem Schluss bleibt Roehler dem alten Geniekult verpflichtet. Was er dafür weglassen musste, ist kaum  zu übersehen: Absolut nichts vermag er über Fassbinders vielschichtige Frauenfiguren zu sagen, über „Lola“ (1981), „Maria Braun“ (1978), „Effi Briest“ (1974), „Mutter Küsters“ (1975), oder die Wilkie aus „Lili Marleen“ (1981). Dazu inspiriert wurde Fassbinder bekanntlich von den US-Melodramen des deutschen Emigranten Douglas Sirk; sie beeindruckten ihn mit Frauenfiguren, die nicht nur reagieren, sondern auch sichtbar selber denken.

 

Nicht überraschender Männerfilm

 

Dafür ist in Roehlers Film aber keine Zeit: Er interessiert sich weder für Fassbinders feminine Züge noch für die Frauen an seiner Seite. Wohl deshalb tauchen Figuren wie Irm Hermann, Barbara Sukowa, Margit Carstensen, Ingrid Caven und vor allem Hanna Schygulla nicht oder nur verschlüsselt auf. Roehler konzentriert sich lieber auf Fassbinders homoerotische Männerwelten – vielleicht, weil sie ihm von allen Aspekten die fremdesten bleiben.

 

Er macht das hemdsärmelig und durchaus mit Respekt, sogar einer gewissen Zärtlichkeit für Fassbinders unglückliche Liebhaber. Zweifellos hat Roehler damit den besten ihm möglichen Fassbinderfilm gedreht. Dass dieser nur ein Männerfilm werden konnte, ist keine Überraschung.