Amy Adams + Steve Buscemi

Klara und die Sonne

Klara (Jenna Ortega) genießt die Freiheit in ihrem neuen Zuhause. Foto: © 2026 CTMG, Inc. All Rights Reserved
(Kinostart: 29.10.) Menschlicher als der beste Mensch: Die künstliche Freundin einer Teenagerin ist hinreißend charmant. In der Verfilmung des SciFi-Romans "Klara und die Sonne" von Kazuo Ishiguro bietet Regisseur Taika Waititi philosophische Gedankenspiele als leichtfüßiges Jugendkino.

Es ist eine tief sitzende menschliche Angst: an einem Schaufenster mit Mannequins vorbeizugehen und das Gefühl zu bekommen, sie seien lebendig. Doch die Haut ist zu glatt, die Augen zu symmetrisch, die Proportionen sind zu perfekt, um menschlich zu sein. Das Unbehagen über die Kluft zwischen Original und Imitation, die zusehends schmaler wird, bezeichnet man als uncanny-valley-Effekt.

 

Info

 

Klara und die Sonne

 

Regie: Taika Waititi,

116 Min., Großbritannien/ Indien/ USA 2026;

mit: Jenna Ortega, Amy Adams, Mia Tharia, Aran Murphy, Steve Buscemi 

 

Weitere Informationen zum Film

 

In „Klara und die Sonne“, der Verfilmung des 2021 erschienenen Romans von Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro, erfährt dieser unheimliche Effekt eine interessante Verschiebung. In naher Zukunft sehen mit Solarenergie betriebene Roboter den Menschen zum Verwechseln ähnlich. Zum Beispiel ist Klara (Jenna Ortega) vom Typ B1 eine künstliche Freundin; dazu bestimmt, ihren Besitzern dienen.

 

Auf Menschlichkeit programmiert

 

Als veraltetes Modell ist sie leider ein Ladenhüter. Doch eines Tages entdeckt die Teenagerin Josie (Mia Tharia) Klara im Schaufenster und überredet ihre Mutter Chrissie (Amy Adams), sie ihr zu kaufen. Mit Menschen zusammenzuleben muss die neue Freundin erst lernen. Sie beobachtet Josie und ihre Familie, hört ihnen zu und versucht, ihr Verhalten zu verstehen. Sie ist darauf programmiert, Nähe herzustellen und “menschlich” zu interagieren.

Offizieller Filmtrailer


 

Familie wie im Bilderbuch

 

Das abgelegene Haus, in dem Klara mit Josie, ihrer Mutter und der stets schlecht gelaunten Haushälterin Melania (Rachel House) zusammenlebt, wirkt wie aus dem Bilderbuch: Es liegt fernab einer futuristischen Metropole, umgeben von Hügeln, Wiesen und einem weitgespannten Horizont.

 

Der neuseeländische Regisseur Taika Waititi inszeniert die pastorale Familienidylle derart positiv, dass man leicht vergisst, wie dystopisch sie ist; immerhin hat die Welt, in der die Geschichte spielt, einen Dritten Weltkrieg hinter sich. Jedoch: Mit solchen schrillen Kontrasten und vor allem den unkonventionellen Jugendfilmen „Wo die wilden Menschen jagen“ (2016) und „Jojo Rabbit“ (2019) hat der Regisseur in Hollywood den Ruf eines innovativen Tausendsassas erworben.

Genetisch optimierte Tochter

 

Auch in „Klara und die Sonne“ spielt Waititi mit Erwartungen und Erzählkonventionen; wieder sind die Farben derart gesättigt, dass die Landschaft künstlich wirkt. Der Weizen leuchtet golden, der Himmel ist so blau wie auf einem Magritte-Gemälde. Dazu erklingt ein passender Soundtrack von Michael Giacchino: Seine Melodien hüpfen fröhlich herum wie in einem Kinderfilm – als wollen sie die dunklen Seiten der Geschichte verhöhnten.

 

Josies Mutter Chrissie erzieht ihre Tochter allein, nachdem ihre jüngere Tochter gestorben ist und ihr Mann sie verlassen hat. Sie ist ehrgeizig und wirkt emotional distanziert; und sie hat Josie genetisch optimieren lassen. Als „Gehobene“ spricht diese nun etliche Sprachen, schreibt Drehbücher, zeichnet auf Weltklasse-Niveau und hat bereits einen Platz an einer Eliteschule sicher. Bis dahin soll Klara ihr die Teenager-Zeit erträglicher machen.

 

Nützlichkeit als Paradigma

 

Denn trotz ihrer genetischen Verbesserung ist Josie sterbenskrank. Darum wendet sich ihre Mutter an Dr. Capaldi (Steve Buscemi), der nun mithilfe von Klara eine Nachbildung ihrer Tochter schaffen will. Er glaubt, ihre Persönlichkeit auf Eigenschaften reduzieren zu können, die sich künstlich nachahmen lassen.

 

Diese Logik des Optimierens zeigt sich auch unter Josies Altersgenossen. Bei einem Treffen mit anderen „Gehobenen“, mit denen sie sich anfreunden soll, bleiben diese ihr gegenüber kühl. Auch Rick (Aran Murphy), ihr einziger menschlicher Freund, macht sich bei ihnen zum Gespött, weil er Robotervögel baut, nur um mit ihnen zu spielen. Sie verstehen nicht, dass etwas so Nutzloses nur um seiner selbst willen existieren kann.

 

Berechenbare Übermenschen

 

Klara dagegen findet Gefallen an den Vögeln, die Rick nur zum eigenen Vergnügen baut. Waititi gelingt es, solche philosophischen Fragen mit Leichtigkeit zu verhandeln, ohne sie auf Thesen zu reduzieren. Dabei macht gerade die märchenhafte Inszenierung das Abgründige spürbarer.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "5 Zimmer Küche Sarg" – burleske Vampir-Doku-Komödie von Jemaine Clement + Taika Waititi

 

und hier eine Besprechung des Films "Ich bin dein Mensch" – gelungenes SciFi-Gedankenspiel über Androiden als Partnerersatz von Maria Schrader

 

und hier einen Beitrag über den Film  "Ex Machina" – beklemmend präzises SciFi-Kammerspiel über künstliche Intelligenz von Alex Garland.

 

In einer Zeit, in der Big-Tech Firmen ankündigen, ihre KI-Modelle könnten bald Bewusstsein entwickeln, kehrt der Film die Perspektive um: Das Unheimliche an Klara ist nicht, wie gut sie Menschen imitiert, sondern wie aufmerksam sie ihnen begegnet. Umso mechanischer wirken dagegen die Optimierten, deren Verhalten berechenbarer erscheint als das einer Maschine.

 

Im unheimlichen Tal

 

Bis ins zweite Drittel entwickelt „Klara und die Sonne“ aus dieser Spannung einen luziden Blick auf eine Gesellschaft, die alles optimieren will. Doch dann verengt sich der Blick auf die Geschichte einer Familie, und die Frage nach der Ersetzbarkeit des Menschen tritt in den Hintergrund.

 

Dass der emotionale Faden weiterhin trägt, liegt auch an Jenna Ortega: Sie verkörpert Klaras Künstlichkeit so subtil, dass sie ganz natürlich wirkt. Die Zuneigung zwischen Klara und Josie wirkt einleuchtender als Chrissies verzweifelter Versuch, sich einen geliebten Menschen zu erhalten. So liegt das uncanny valley weniger zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen dem, was Menschen sein könnten, und dem, was sie aus sich machen lassen.