Charles Aznavour

Aznavour by Charles

Charles Aznavour vor Notre-Dame. Foto: Arsenal Filmverleih

(Kinostart: 17.6.) Einwandererkind und Weltbürger: Charles Aznavour war der berühmteste französische Chansonnier. Seine Privataufnahmen kompiliert Regisseur Marc di Domenico zur außergewöhnlichen Filmbiographie – sie enthält die Kulturgeschichte einer Epoche.

Filmbiographien über Musiker und Sänger haben oft etwas Hagiographisches: Nach seinem Durchbruch eilt der Star von Triumph zu Triumph auf wechselnden Bühnen, aber mit stets jubelndem Publikum. Dazu noch ein paar Einblicke ins Privatleben und augenzwinkernde Anekdoten – fertig ist das Sammlerstück, das sich alle Fans in ihre Hausaltäre stellen können.

 

Info

 

Aznavour by Charles

 

Regie: Marc di Domenico,

83 Min., Frankreich 2019;

von und mit: Charles Aznavour

 

Weitere Informationen

 

„Aznavour by Charles“ ist anders – weil der Film tatsächlich vom Künstler selbst geschaffen wurde. Jahrzehntelang drehte der weltberühmte Chansonnier mit einer Schmalfilm-Kamera bei allerlei Alltagssituationen, legte aber das belichtete Material beiseite. Erst kurz vor seinem Tod 2018 ließ er Marc di Domenico, der drei Jahre zuvor sein letztes Studioalbum „Encores“ produziert und eine TV-Doku über ihn gedreht hatte, sein privates Filmarchiv sichten.

 

Das eigene Leben Revue passieren lassen

 

40 Stunden Rohmaterial hat di Domenico zu knapp eineinhalb Stunden komprimiert. Unterlegt mit Aznavour-Zitaten aus den fünf Biographien über ihn, vorgetragen vom Schauspieler Romain Duris. Das Ergebnis ist verblüffend: In locker chronologischer Reihenfolge scheint der legendäre Sänger selbst sein Leben Revue passieren zu lassen, mit manchen überraschenden Wendungen. Dabei spricht er auch Irrtümer und Rückschläge an – etwa im Verhältnis zu den drei Frauen, mit denen er verheiratet war.

Offizieller Filmtrailer


 

Verschwiegene Nasenkorrektur

 

Nur eine vierte kommt entschieden zu kurz: Édith Piaf (1915-1963), die Grande Dame des französischen Chanson, taucht nur zwei Mal für wenige Sekunden auf. Dabei war sie es, die 1946 Aznavours Talent entdeckte und ihn förderte; acht Jahr lang begleitete er sie als Sekretär, Chauffeur und Vertrauter. Selbst für sein Erscheinungsbild zeichnete sie verantwortlich: Da er wegen seiner großen Nase Komplexe hatte, überredete sie ihn 1950 zu einer operativen Korrektur. Das verschweigt der Film; plötzlich sieht man Aznavour mit veränderten Gesichtszügen. Abgelichtet von seinen Gattinnen oder Freunden, denen er die Kamera überließ.

 

Davon abgesehen, zeichnet der Film alle wichtigen Lebensstationen nach. Was nie monoton wird, weil Aznavour so weltläufig ist. 1924 in Paris als Kind armenischer Einwanderer geboren, steht er als Neunjähriger erstmals auf der Bühne. Ende der 1940er Jahre hat er mit einem Kompagnon jahrelange Engagements in Quebec, dem frankophonen Kanada; daran zerbricht seine Ehe mit Micheline Rugel. Seinen ersten großen Erfolg erlebt Aznavour 1953 mit einer Tournee durch Marokko – weil seine Zuhörer spürten, dass er wie sie orientalische Wurzeln hat, mutmaßt er.

 

Truffaut macht ihn zum Filmstar

 

Dass seine Ehe ab 1955 mit Evelyne Plessis nach fünf Jahren scheitert, trifft ihn sehr – während er sich als Chansonnier in Frankreich etabliert. 1960 gibt ihm François Truffaut in seinem zweiten Spielfilm „Schießen Sie auf den Pianisten“ die Hauptrolle; durch den Erfolg des Nouvelle-Vague-Klassikers wird Aznavour zum gefragten Filmschauspieler. Auch in deutschen Produktionen: 1979 besetzt ihn Volker Schlöndorff in seinem Oscar-Gewinner „Die Blechtrommel“ als jüdischen Spielwarenhändler Sigismund Markus, zwei Jahre später spielt er den diabolischen Leo Naphta in Hans W. Geißendörfers Adaption von Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Robert Doisneau – Das Auge von Paris“Dokumentation über den Fotografen von Clémentine Deroudille

 

und hier einen Bericht über den Film „Paris Calligrammes“ – detailverliebte Doku über französisches Kulturleben in den 1960ern von Ulrike Ottinger

 

und hier einen Beitrag über den Film „Unter dem Regenbogen“ – feinsinnige Dramödie von Agnès Jaoui mit Benjamin Biolay, Star des „Nouvel Chanson“

 

und hier eine Besprechung des Films „Maria by Callas“ – Dokumentation aus Selbstzeugnissen der Opernsängerin von Tom Volf.

 

Doch zum Weltstar wird Aznavour als Sänger eigener Chansons; er hat rund 800 geschrieben. Die er mit seinem „Timbre aus Sand und Rost“, so ein Kritiker, nicht nur auf Französisch vortrug, sondern auch in fünf anderen Sprachen, etwa „Du lässt Dich gehen“ (im Original von 1960: „Tu t’laisses aller“). Eine so liebevoll drastische Abrechnung mit den Abnutzungsspuren in Langzeit-Beziehungen war im deutschen Schlager nie zu hören. Die Kombination aus großen Gefühlen und ungeschminkten Alltagsbeobachtungen machte Aznavours Liedtexte einzigartig.

 

Reisen durch Welt vor Globalisierung

 

Manchmal sang er auf Armenisch. Zu den berührendsten Momenten des Films zählen Aufnahmen von seinem ersten Besuch in der Heimat seiner Vorfahren Ende der 1960er Jahre. Grobkörnige Schwarzweiß-Bilder aus der damaligen Sowjetrepublik Armenien zeigen eine verschwundene Welt. Ohnehin glänzt die Doku mit faszinierend exotischen Ansichten aus Japan, Hongkong, Bolivien und der Zentralafrikanischen Republik – der weitgereiste Aznavour sah die Welt vor Globalisierung und Massentourismus.

 

Beides ist aber schon zu erahnen in den Urlaubsszenen mit Freunden am Pool oder auf Yachten vor Capri und anderen Jet-Set-Hotspots. Mittendrin, aber die Gelassenheit selbst: Aznavours dritte Ehefrau Ulla Thorssell. Die Schwedin war offenbar der ruhende Pol im unsteten Leben des Energiebündels.

 

Mehr als ein Kino-Denkmal

 

Wie sich die Moden und Frisuren ändern, die Umgangsformen und der Verkehr: Der Film weitet sich zur kleinen Kulturgeschichte der Nachkriegs-Jahrzehnte aus privatem, aber privilegiertem Blickwinkel. Womit er auch für diejenigen zum lehrreichen Sehvergnügen wird, die sich nicht für klassische Chansons begeistern. Er bietet eben weit mehr als ein Kino-Denkmal aus der Fan-Perspektive.