Darren Thornton

Vier Mütter für Edward

Vier Mütter für Edward: Maude (Stella McCusker, vorne l.) Alma (Fionnula Flanagan, hinten l.), Jean (Dearbhla Molloy, hinten r.) und Rosey (Paddy Glynn, vorne r.). Foto: © Pandora Film / Dexter Films DAC.
(Kinostart: 10.7.) Allein unter Müttern: Das Porträt eines Schriftstellers als unfreiwilligem Seniorinnen-Betreuer von Regisseur Darren Thornton wird zur heiteren Selbstbefragung. Unter irischen Wolken helfen seine ergrauten Protagonistinnen ihrem schwulen Gastgeber durch die Lebenskrise.

Das Leben des Mittdreißigers Edward könnte so schön sein. Gerade wurde sein Debütroman veröffentlicht, und Kritiker wie Leser sind begeistert. Er könnte nun das schicke Literatenleben genießen, auf Partys tiefsinnige Gespräche führen und sich auf einer Lesereise feiern lassen. Stattdessen sitzt er mit seiner Mutter Alma in einer irischen Kleinstadt auf dem Sofa und kommuniziert mit ihr durch ein iPad.

 

Info

 

Vier Mütter für Edward

 

Regie: Darren Thornton,

89 Min., Irland 2024;

mit: James McArdle, Fionnula Flanagan, Dearbhla Molloy, Stalle McCusker

 

Weitere Informationen zum Film

 

Nach einem Schlaganfall hat sie ihr Sprachvermögen verloren und ist auch im Alltag auf Hilfe angewiesen. Um für sie da zu sein, wohnt er nun wieder bei ihr. Er tut sein Bestes, sie zu umsorgen, doch er kommt auch bald an seine Grenzen. Denn sie kann zwar nicht mehr sprechen, ihren starken Willen hat sie aber nicht verloren. Immerhin geht es vielen seiner Freunde ähnlich: alles schwule Männer, etwa in seinem Alter, deren Sozialleben zuletzt entschieden gelitten hat.

 

Die Mütter seiner besten Freunde

 

Deshalb beschließen drei von ihnen, zum Pride-Wochenende nach Spanien zu fahren und laden kurzerhand ihre Mütter bei Edward (James McArdle) ab, ehe der eine Chance hat, nein zu sagen. Nun hat er vier Rentnerinnen unterschiedlichen Temperaments auf dem Hals und muss zwischendurch auch noch mit seinem Verlag verhandeln, der ihn in die USA auf Lesereise schicken möchte.

Offizieller Filmtrailer


 

Freie Adaption mit weiterem Focus

 

Der Film des irischen Regisseurs Darren Thronton ist eine sehr freie Adaption der italienischen Tragikomödie „Das Festmahl im August“ (2008); das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit seinem Bruder Colin. Wie das Original enthält auch „Vier Mütter für Edward“ autobiografische Elemente. So ist Alma seiner eigenen Mutter nachempfunden, mit der er ebenfalls übers Tablet kommunizieren musste.

 

Thornton öffnet aber die ursprünglich auf einen Ort fokussierte Geschichte und beleuchtet auch die Erlebnisse von Edwards schwulen Freunden. Die haben in der irischen Provinz nur selten adäquate Feiermöglichkeiten und leben ihren Hedonismus verständlicherweise woanders aus. Edwards Denkweise hingegen ist von solchen Kapriolen weit entfernt.

 

Ängste und Artikulationsschwierigkeiten

 

Im Bemühen, es allen recht zu machen, manövriert er sich mitunter in absurde Situationen; etwa wenn er versucht, einen guten Eindruck bei einem Podcast-Gespräch zu machen, während seine Mutter vehement Assistenz beim Toilettengang fordert. Niemand soll nämlich wissen, wie sein Leben gerade wirklich aussieht. Nur mit seinem Freund und Therapeuten Dermot (Rory O’Neill) spricht er über seine Probleme und Ängste, auch vor einem Versagen als Autor.

 

Denn eigentlich hat nicht nur seine Mutter Alma (Fionnula Flanagan) ihre Stimme verloren. Auch er hat Schwierigkeiten; sich zu artikulieren. Auf ein Telefoninterview bereitet er sich akribisch vor, bringt dann aber alle Zettel durcheinander. Seine eben erst beginnende Schriftstellerkarriere bringt er damit nicht voran.

 

Autor wird spät erwachsen

 

Würde der Regisseur sich nicht eindeutig selber auf das italienische Original beziehen, käme man kaum auf seine Inspirationsquelle, denn er hat aus der Grundidee eine ganz eigenständige, vielschichtige Story gemacht. Edward als mit sich hadernder Autor eines schwulen Coming-Of-Age-Romans durchlebt quasi gespiegelt die Geschichte seiner eigenen Romanfigur und wird darüber spät erwachsen.

 

Bisher scheint er sich nämlich mit der Pflege seiner Mutter vor echter Selbstverantwortung gedrückt – und darüber hinaus die Chance einer Beziehung mit Kumpel Raf (Gaetan Garcia) verbaut zu haben. Während des langen Wochenendes mit den vier Müttern muss er sich unangenehme Fragen nach seinen Lebensplänen und seinem nicht existenten Liebesleben gefallen lassen.

 

Leichte Stimmung in Herbstgrau

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Seaside Special – Ein Liebesbrief an Großbritannien" – launige Doku über die letzte Music-Hall-Sommershow in einem englischen Seebad von Jens Meurer

 

und hier eine Besprechung des Films "Fisherman's Friends"britische Culture-Clash-Komödie über einen Shanty-Chor von Chris Foggin

 

und hier einen Bericht über den Film  "Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr" – britisches Roadmovie über einen reisefreudigen 90-Jährigen von Gillies MacKinnon mit Timothy Spall

 

und hier einen Beitrag über den Film "The Party" – britische schwarzhumorige Gesellschafts-Komödie von Sally Potter.

 

Nach anfänglichem Fremdeln kommen die Damen sich auch untereinander näher. Sie beginnen über ihre Einsamkeit nach dem Tod der Männer zu reden, über das Älterwerden, und wie schwer es ist, zu akzeptieren, dass man Hilfe braucht. Sie nutzen die Zeit auch für einen gemeinsamen Ausflug zu einer Wahrsagerin. Auch die im katholischen Irland verbreitete Homophobie kommt zur Sprache, selbst wenn die Homosexualität ihrer Söhne für die Damen kein Problem mehr darstellt.

 

Das erzählt Thornton leicht und in stimmigen, herbstgrauen Bildern. Die Farbpalette passt zum Alter der Damen und der anfänglichen Stimmung seiner Protagonistinnen, die sich allein durch die erzwungene Geselligkeit zusehends aufhellt. Er zeigt sie dabei liebenswert und mit großer Zuneigung für all ihre Eigenheiten, die auch für einige Situationskomik sorgen.

 

Drei Mütter helfen nach

 

Getragen wird das von einem natürlich agierenden Schauspielensemble, das uneitel und facettenreich allen Figuren große Wahrhaftigkeit gibt, ohne dabei in die Kitschfalle zu tappen. Schließlich wird sich Edward auch mithilfe der anderen Mütter zutrauen, die weite Lesereise anzutreten. Die Frauen verhelfen ihm letztlich zu wohlverdienter Entfaltungsfreiheit und Lebensfreude. Manchmal braucht es dafür eben mehr als eine Mutterfigur.