Jens Meurer

Seaside Special – Ein Liebesbrief an Großbrinannien

Die Crew des "Cromer Pavillon Theatre" macht Werbung für ihre Show auf dem Volksfest der Stadt. Foto: Instant Film & uMedia
(Kinostart: 19.1.) That’s Entertainment: In Cromer ist Englands letzte Seebad-Sommershow zwischen Talentschuppen und Rummelplatz zu bestaunen. Die Doku von Regisseur Jens Meurer porträtiert Akteure und Schaulustige – für ein charmantes Sittenbild von Brexit-Britain, durch die rosarote Brille betrachtet.

Das Seebad Cromer mit knapp 8000 Einwohnern liegt in der Grafschaft Norfolk, ganz im Osten der britischen Insel. Solche englischen Ferienorte machen heutzutage oft einen desolaten Eindruck. Seit viktorianischen Zeiten war ihr Geschäftsmodell, der Arbeiterschicht Erholung und Ablenkung zu bieten – doch das hat sich erübrigt, seitdem moderner Massentourismus an Mittelmeerküsten führt. Dennoch: Das nächste Seebad mit cheap thrills ist in England nie weit entfernt.

 

Info

 

Seaside Special –
Ein Liebesbrief an Großbritannien

 

Regie: Jens Meurer,

93 Min., Großbritannien/Belgien/ Deutschland 2021;

mit: Di Cooke, John Lee, Polly + Sophie Duniam

 

Weitere Informationen zum Film

 

In Cromer finden sich keine zugenagelten Ladenfronten. Der Niedergang wirkt weniger offensichtlich – diesen Eindruck vermittelt jedenfalls der Dokumentarfilm von Jens Meurer. Dass diese Kleinstadt Energie und bemerkenswerten Gemeinsinn ausstrahlt, hängt wohl auch damit zusammen, dass hier noch eine Tradition gepflegt wird, die in anderen Seebädern längst ausgestorben ist.

 

Musik, Tanz, Comedy + Zauberei

 

Die regelmäßige end-of-the-pier-show ist Cromers Alleinstellungsmerkmal geworden; sie steht im Mittelpunkt dieses facettenreichen, humorvollen Films. Herkömmlicherweise befand sich auf dem Vergnügungspier, dem Herzstück vieler Seebäder, ein Theater. Es bot eine Ferien-Variante dessen, was sich in britischen Städten im 19. Jahrhundert als Music Hall etabliert hatte: eine temporeiche Mischung von Musik- und Tanz-Nummern, Comedy und Zauberei. In den USA sind vergleichbare Programme als Vaudeville bekannt.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Die halbe Kleinstadt arbeitet mit

 

Solche Unterhaltung für die ganze Familie mag antiquiert erscheinen, doch der Zuspruch ist in Cromer ungebrochen. Im Sommer finden täglich zwei Shows statt, an sechs Wochentagen. Nicht nur zur Freude der Touristen; auch die Einheimischen sind stolz auf das Spektakel. Viele arbeiten direkt oder indirekt mit, was den Film zum charmanten Panorama der gesamten Kleinstadt und ihrer Bewohner macht.

 

Unter anderem sind dabei: ein Tenor, eine Sopranistin, ein Magier, aber auch ein popaffines Ballet, das so gut singt wie tanzt. Di Cooke, die Regisseurin der Show, und ihr musikalischer Leiter Nigel Hogg interpretieren das Revue-Format altmodisch und doch zeitgemäß. Fremdschämen muss man sich beim Zusehen nicht; die Auftretenden wirken durchweg sympathisch.

 

Brexit-Witze ja, Parteinahme nein

 

„Seaside Special“ begleitet seine Protagonisten durch das Jahr 2019; in diesem Jahr ging das endlose Geeiere um den Brexit in die entscheidende Runde. Natürlich hängt dieses Damokles-Schwert auch über der Show. Witze darüber müssen sein, heißt es bei der Lagebesprechung zum nächsten Sommerprogramm; zur bunten Mischung gehöre schließlich auch Comedy. Doch bitte nicht Partei ergreifen! Der anstehende EU-Austritt habe Freundeskreise und Familien im ganzen Land gespalten; das sollen die Besucher kurz vergessen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Fisherman's Friends" – britische Culture-Clash-Komödie über einen Shanty-Chor von Chris Foggin

 

und hier eine Besprechung des Films "The Party" – britische schwarzhumorige Gesellschafts-Komödie von Sally Potter

 

und hier einen Beitrag über den Film "Jimmy's Hall" – Historienfilm über einen Tanzsaal im Irland der 1930er Jahre von Ken Loach

 

und hier einen Bericht über den Film "The Riot Club" – Sittenbild eines snobistischen Studenten-Clubs in Oxford von Lone Scherfig.

 

Als „Liebesbrief an Großbritannien“ hat Regisseur Meurer seinen Film betitelt. Er lebt in Berlin, ist aber mit einer Engländerin liiert und hat u.a. in Oxford studiert – übrigens als Kommilitone der späteren Brexit-Durchboxer Boris Johnson und Michael Gove. Da verwundert nicht, dass er durch die rosarote Brille auf den gelassenen Alltag in Cromer blickt. In Norfolk haben 66 Prozent der Bewohner für den EU-Austritt gestimmt – doch abgesehen vom Krabbenfischer und Tory-Gemeinderatsmitglied John Lee als grumpy old man lässt Meurer kaum Brexit-Befürworter zu Wort kommen.

 

Never-ending Fuck Brexit-Tour ohne Motor

 

Dagegen zeigen sich einige Show-Mitwirkende als leidenschaftliche Europäer: Der Sänger Harvey James und sein deutscher Lebenspartner erwägen, in ein sonnigeres EU-Land umzusiedeln. Und die tanzenden Zwillingsschwestern Polly und Sophie Duniam – die schon als Kinder bei der end-of-pier-show auftraten – erzählen schwer tätowiert mit anarchischem Witz, sie wollten fortan in ihrem Retro-Wohnmobil das Festland mit einer „Never-ending Fuck Brexit-Tour“ beglücken. Schade nur, dass das Vehikel keinen Motor hat.

 

So feiert Regisseur Meurer das verschlafene Cromer als entspannten, aber aufgeschlossenen bunten Kosmos. Man hätte wohl auch einen ganz anderen Film über das soziale Gefüge der Stadt drehen können, doch dieser ist eben ein Liebesbrief – und hat als solcher durchaus Unterhaltungswert.